Auf dem Mercedes-Testgelände in Immendingen gibt es unter anderem amerikanische, französische und chinesische Straßen – und neuerdings auch einen überdachte Landstraße. Foto: Mercedes-Benz
Auf einem ehemaligen Bundeswehr-Areal in Immendingen prüft der Stuttgarter Autohersteller seine neuen Baureihen. Die Teststrecken simulieren unter anderem Straßen aus aller Welt.
Nur eine halbe Stunde vom Bodensee entfernt liegt ein Gelände, das wie eine Miniaturwelt wirkt: Auf 5,2 Quadratkilometern wechseln Straßenmarkierungen im Sekundentakt – eben noch französisch, jetzt chinesisch. Und gestoppt wird nicht an Ländergrenze, sondern an der Mautstation – hier, im beschaulichen Immendingen, wo sich das Zentrum der Fahrzeugerprobung von Mercedes-Benz befindet.
Vor zehn Jahren hat der Stuttgarter Autokonzern in Baden-Württemberg den Bau einer Entwicklungsumgebung begonnen. Mittlerweile umfasst das Gelände 86 Kilometer Fahrstrecke und über 30 Testmodule. Auf dem ehemaligen Bundeswehr-Gelände werden alle neuen Baureihen getestet – unter realen Bedingungen, abgeschirmt von der Öffentlichkeit.
80 Prozent der Testfahrten von Mercedes finden in Immendingen statt
Die Bandbreite reicht von Offroad-Strecken, bei denen auch mal eins von vier Rädern in der Luft hängt, bis zu Straßen mit bis zu 100 Prozent Steigung. Auch eine nachgebaute Innenstadt gehört zum Gelände: Auf 1,5 Kilometern wird getestet, wie hochautomatisierte Fahrzeuge miteinander und mit ihrer Umgebung kommunizieren – und wie sie sich in einem realitätsnahen Stadtverkehr behaupten.
Neben der „Innenstadt“ finden sich serpentinenartige Passstraßen mit fast 180 Metern Höhenunterschied und holprigen Strecken, die an Buckelpisten erinnern. Dieses Gebiet nennt Mercedes „Heide“ – eine Anspielung auf die schlechten Straßenverhältnisse der 1950er-Jahre in der Lüneburger Heide. Dort steuern Fahrroboter bis zu zwölf Autos autonom über Schlaglöcher und Kopfsteinpflaster. Ein Kilometer auf der „Heide“ entspricht laut Konzernangaben etwa 150 Kilometern auf öffentlichen Straßen – die Erprobungszeit wird so verkürzt.
SUVs sind für viele Autofahrer aufgrund der Größe angenehm zu fahren – sie sollten aber auch extreme Straßenverhältnisse, etwa im Gelände, meistern können. Foto: Mercedes-Benz AG
Mercedes-Testgelände ist millimetergenau digital nachgebaut
Ein digitaler Zwilling des Geländes ermöglicht es, tausende Kilometer virtuell zu fahren, bevor ein reales Fahrzeug auf die Strecke geht. Für neue Modelle werden hunderte Varianten simuliert – nur wenige schaffen es in die physische Erprobung. Nach Unternehmensangaben werden mittlerweile vier von fünf Testfahrten in Immendingen absolviert. Das spart Zeit und Geld, weil beispielsweise Erprobungen, die früher im Ausland stattgefunden haben, jetzt in Immendingen gemacht werden können. Über die eingesparte Summe schweigt der Konzern.
In Kältekammern können Temperaturen von bis zu minus 35 Grad erzeugt werden. Auch Lichtsysteme werden getestet – seit Kurzem in einem 135 Meter langen Lichtkanal. Dafür wurde in einer Halle eine Landstraße gebaut – inklusive Leitpfosten, Gegenverkehrssimulation und Fußgänger-Dummys. Die Asphaltmischung wurde fünfmal abgefräst, um die Reflexionseigenschaften einer gealterten Straße möglichst realistisch nachzubilden.
Ziel sei es, Scheinwerfer unter konstanten Bedingungen zu prüfen – unabhängig von Tageszeit oder Wetter. Im Fokus stehe die Weiterentwicklung moderner Lichttechnik, die künftig nicht nur weiter leuchten, sondern auch Informationen auf die Fahrbahn projizieren soll.
Schafe sorgen dafür, dass das Mercedes-Gelände nicht zuwächst
Seit dem Spatenstich vor zehn Jahren hat Mercedes-Benz 200 Millionen Euro in die Errichtung des Geländes investiert. Weitere 200 Millionen flossen seitdem in den Ausbau. Heute arbeiten hier über 250 festangestellte Mitarbeiter, in Spitzenzeiten kommen nach Unternehmensangaben bis zu 2500 weitere aus anderen Standorten hinzu.
Für die Landschaftspflege sorgen Schafe, unterstützt von Lamas als Herdenschutz gegen Füchse. Auch Mufflons und Yaks sind im Einsatz – sie fressen das Buschwerk und halten die Teststrecken frei.