Marlene Reiter, Marlene Engelhorn, Volker Lösch (v.l.) Foto: Anton Löwe/Schauspielhaus Wien
Die Millionen-Erbin Marlene Engelhorn hat ihr Vermögen verschenkt und die Initiative „Tax me now“ gegründet. An diesem Wochenende gastiert sie mit der Volker-Lösch-Performance „Geld ist Klasse“ in der Stuttgarter Rampe.
Roland Müller
29.10.2024 - 11:08 Uhr
Sie ist die Frau, die ihr Vermögen verschenkt. 25 Millionen Euro sind es, die Marlene Engelhorn im Frühjahr unter die Leute gebracht hat. Aber weil sie keine „gönnerhafte Charity-Lady“ sein will, die nur das unterstützt, was ihren Vorlieben entspricht, gründete die 32-jährige Großerbin aus Wien zuvor einen „Guten Rat für Rückverteilung“: einen fünfzigköpfigen, repräsentativen Bürgerrat, der an sechs Wochenenden tagte und sein Füllhorn schließlich über 77 Initiativen und Organisationen ausschüttete. Das meiste Geld floss in Naturschutz und Obdachlosenhilfe, in Frauenhäuser, Fußballvereine, Feuerwehren. Die Schar der Empfänger war so divers wie der Bürgerrat selbst – und das einzigartige Experiment der Umverteilung von oben nach unten so Aufsehen erregend, dass selbst die „New York Times“ berichtete.
Erbin, die statt Vermögen weniger Ungleichheit will
Aber warum verschenkt die BASF-Erbin 25 Millionen Euro, nach eigenen Angaben 90 Prozent ihres Vermögens? Warum gründete sie zusammen mit anderen Reichen die Initiative „Tax me now“, ein Aufforderung an den Staat zur höheren Besteuerung von Erbschaften und Vermögen? Ist Marlene Engelhorn der gute Mensch von Wien?
Die drei Bühnenprotagonisten Lösch, Engelhorn und Reiter (v.l.). Foto: Christian Knieps/Christian Knieps
Zunächst ist sie eine Frau, die es mit Zahlen, Daten und Fakten hält. Das geht schon bei der Charakterisierung als „BASF-Erbin“ los. Ihr Vorfahr Friedrich Engelhorn, Gründer der Badischen Anilin- und Sodafabrik, hat noch zu Lebzeiten seinen Firmenanteil verkauft und den Pharmakonzern Boehringer gegründet. Boehringer-Erbin also, wie die Germanistin im Gespräch mit dieser Zeitung betont, daher stammt das viele Geld, von dem Engelhorn glaubt, dass sie es nicht verdient hat. „Warum sollte ich mit einer riesigen Multimillionen-Erbschaft durch die Gegend laufen, nur weil ich in diese Familie geboren wurde? Warum ist die Geburt der Faktor, der mein Leben sorgenfrei macht? Warum kann ein demokratisch organisiertes Gemeinwesen das vorhandene Vermögen nicht gerecht verteilen?“
Fragen, die Marlene Engelhorn bald auch im Stuttgarter Rampe-Theater stellt. Dort gastiert die Aktivistin von Freitag bis Sonntag (1.11. bis 3.11.) mit der Sozial-Performance „Geld ist Klasse“, gemeinsam mit der Schauspielerin Marlene Reiter und dem Agitprop-Regisseur Volker Lösch, der ebenfalls auf der Bühne steht; zum Bühnentext verdichtet hat das bei Gesprächen und Recherchen gewonnene Material der Autor Lothar Kittstein.
„Wir zeigen eine Szenenfolge, die durch die Absurdität der Ungleichheit führt“, sagt Engelhorn, „und wir konkretisieren das anhand der deutschen Steuergesetzgebung.“ Man werde Zahlen zur „krassen sozialen Ungerechtigkeit“ hören, eine Außenperspektive, die ergänzt wird durch die Binnenperspektive einer reichen Frau, die sie selbst ist. „Meine autobiografischen Erfahrungen dienen aber nur dazu, relevante strukturelle Details, die ich auch von anderen Vermögenden kenne, herauszuarbeiten“ – und die dazu führten, dass Millionäre und Milliardäre in einer Blase leben, in der Haushälterinnen, Chauffeure, Privatschulen, einflussreiche Netzwerke und abgesicherte Karrierewege als das Selbstverständlichste der Welt gelten. Und der Initiator des Projekts, Volker Lösch, verspricht das, was man von ihm als ehemaligem Hausregisseur im Stuttgarter Schauspiel ohnehin kennt: einen „energetischen Mix aus Fakten, Skandalen und Appellen“, aus dem eine „theatrale Attacke auf den Überreichtum“ erwächst.
Anders als andere „Rich Kids“
Dabei hilft es natürlich, dass auch die Tax-me-now-Mitgründerin über darstellerisches Talent verfügt, wenn man dem begeisterten Kritiker der „Süddeutschen Zeitung“ glaubt. Und dazu eben ihre erstaunliche Kompetenz beim Thema Geld und Gerechtigkeit. Andere „Rich Kids“ haben das Ranking angloamerikanischer Elite-Universitäten im Kopf, sie die Steuergesetze in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit all ihren Schlupflöchern. So rechnet sie vor, was die Vermögenssteuer, die 1993 in Deutschland ausgesetzt wurde, dem Fiskus bringen würde. Zum Vergleich zieht sie die Schweiz heran, die als Oase der Reichen gilt, aber anders als der große Nachbar eine solche Abgabe kennt, kantonal unterschiedlich bis zu 5 Prozent, wobei unterschiedliche Abzugsmodelle den Steuersatz auch schmälern können.
„Wenn die Deutschen Vermögen so besteuern würden wie die Eidgenossen, könnten jährlich gut 70 Milliarden Euro mehr im öffentlichen Haushalt landen“, sagt Engelhorn, „70 Milliarden für Infrastruktur, Bildung, Gesundheit, Klima.“ Mit der Änderung der Gesetzgebung könnte diese Quelle sofort wieder erschlossen werden. Am Ende würde ein Federstrich des Finanzministers reichen. Ach ja, auch er hat seinen Auftritt in der Lösch-Engelhorn-Reiter-Performance: Christian Lindner meets Susanne Klatten, die BMW-Erbin und vermutlich reichste Frau Deutschlands. Es stimmt schon: Geld ist Klasse.
Engelhorn und Lösch
Erbin Sie weiß, wovon sie spricht, wenn sie Steuergerechtigkeit fordert. Marlene Engelhorn, physiognomisch der Schauspielerin Liv Lisa Fries nicht unähnlich, kann es mit jedem Finanzberater aufnehmen. Sie zählt zu den Gründern von „Tax me now“, einer Initiative reicher Erben, die eine höhere Besteuerung von Vermögen und Erbschaften fordert.
Aufklärer Mit Armut und Reichtum hat sich der Regisseur Volker Lösch schon früher beschäftigt. Zum Skandal geriet sein „Marat/Sade“ im Hamburger Schauspielhaus, weil er darin die Namen der reichsten Hamburger verlesen ließ. Von 2005 bis 2013 war er unter Hasko Weber der prägende Hausregisseur des Stuttgarter Schauspiels.