In Hamburg ließ Volker Lösch einst auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses die Namen der reichsten Bürger der Hansestadt verlesen. Seine Inszenierung „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ sorgte für einen Skandal. 16 Jahre später hat Lösch das nicht mehr nötig. Wenn er am Freitagabend beim Gastspiel im Theater Rampe von einer Hoffnung spricht, die es trotz allem gibt, dann steht sie gewissermaßen neben ihm: Marlene Engelhorn, dissidente Millionenerbin aus Wien, spielt mit.
Obwohl: Ein Spiel ist dies eigentlich nicht mehr. Das Stück „Geld ist Klasse“ ist Dokumentation, Provokation, Agitation. Ein Abend, zum Schreien komisch, abgründig, absurd, dramatisch, der ein Tabu bricht: Über Geld spricht man nicht, so heißt es. Über viel Geld noch viel weniger.
Volker Lösch gibt den Showmaster
„Geld ist Klasse“ wurde von Volker Lösch, Marlene Engelhorn, der Schauspielerin Marlene Reiter und dem Autor Lothar Kittstein entwickelt und erlebte seine Uraufführung am 20. September in Düsseldorf. An der Rampe gastiert das Stück für drei Tage; am ersten Abend ist das Theater ausverkauft. Lösch, unter Hasko Weber acht Jahre lang Hausregisseur am Stuttgarter Schauspiel, ist sehr wohl bewusst, dass dies nicht seiner Rückkehr in die Stadt geschuldet ist. Er wird zum Showmaster und kündigt, in bester TV-Ekstase, die superreiche Marlene Engelhorn an, die eigens aus Wien nach Stuttgart reiste, mit dem Zug, wie andere Leute.
Engelhorn ist eine Nachfahrin des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn. Sie erbte viele Millionen, sie verschenkte die meisten davon. Sie ist Mitbegründerin einer Initiative Wohlhabender, die sich für die Wiedereinführung der Vermögenssteuer einsetzt. Sie spricht offen über Schachzüge, die ihrer Familie Steuersparnisse in Milliardenhöhe einbrachten. Sie klagt die Superreichen an, die Gesellschaft zu zerstören, sie gehört selbst zu ihnen. Engelhorn studiert Germanistik, sie spielt Theater, und sie weiß Volker Lösch an ihrer Seite.
Erst stehen da zwei Hocker auf der Bühne, sonst nichts. Volker Lösch nimmt auf dem einen Platz, Marlene Engelhorn auf dem anderen. Sie tauschen sich aus, schildern ihre gesellschaftlichen Positionen, deklarieren Status, Einkommen. „Warum sind die so reich und wir so arm?“, fragt Lösch. „Die Antwort war immer . . .“, fährt er fort – „Weil die Reichen dafür gearbeitet haben, Volker“, fällt Engelhorn ihm ins Wort, allerliebst.
Das Unvorstellbare des unvorstellbaren Reichtums
Beide werden an diesem Abend Tatsachen aussprechen, die allbekannt sind. Sie werden das Unvorstellbare des unvorstellbaren Reichtums vorführen, indem sie es am Seil abmessen. Sie werden abrechnen mit der „Vollkatastrophe Kapitalismus“ und ihre Zuschauer auffordern: „Sie müssen über Macht sprechen und über die Machtstrukturen, die so selbstverständlich sind, dass sie unsichtbar werden und normal wirken. Aber Sie können diese Selbstverständlichkeit hinterfragen und entlarven.“ Volker Lösch stülpt sich eine Perücke über und schwänzelt in der Rolle des amtierenden Bundesfinanzministers hinter der superreichen Susanne Klatten her, macht beflissen Steuergeschenke.
Ist das Theater, ist es Kabarett? Volker Lösch und Marlene Engelhorn spielen sich selbst – er den tobenden Agitprop-Regisseur, der sich lobt und auf die Schippe nimmt, sie, mit scharfer, selbstbewusster Diktion, die Millionenerbin, die sich ins Publikum setzt. Marlene Reiter ist es, die diesem Abend echten schauspielerischen Glanz gibt, mit vielen Rollenwechseln, Gesichtern, auch als ein zartes Fräulein Bundesrepublik, das sich von superreichen Sonnenbrillentieren in Grund und Boden treten lässt.
Kritische Künstler – so harmlos, so ungefährlich
„Geld ist Klasse“ ist zuletzt ein aufrüttelnder, wütender, aber souverän gestalteter Abend. Er endet mit der Aufforderung an das Publikum, sich zu politisieren, zu solidarisieren, von Lösch, Engelhorn, Reiter aus jeweils eigener Perspektive vorgebracht. Dabei hat Marlene Engelhorn es schon früh am Abend ausgesprochen, in ihrer superreichen Bühnenrolle: „Wir lieben kritische Künstler:innen, weil wir genau wissen, wie harmlos, wie folgenlos, wie ungefährlich sie für uns sind.“