Als Schulkind ist Victoria oft alleine zuhause. Sie wächst als Einzelkind auf, ihre Eltern arbeiten tagsüber. Sie malt und liest viel. Im Urlaub ist sie auf die Kinder mit Geschwistern neidisch. Denn sie muss am Strand alleine spielen. Victoria fühlt sich schon damals einsam.
Bis heute kennt sie dieses Gefühl, beschreibt es mittlerweile als Teil ihres Charakters. Die Einsamkeit kommt immer wieder und in ganz unterschiedlichen Situationen auf - mal zuhause auf dem Sofa, mal unterwegs mit Freund:innen. „Ich fühle mich dann nervös und ich spüre ein unangenehmes Ziehen in meiner Bauchregion. Wenn es ganz schlimm ist, tut es auch in der Brust weh“, beschreibt die Studentin das Gefühl. Was dann hilft? "Daran denken, dass es bald wieder aufhört und ich mich hoffentlich bald wieder mit meinen engsten Freund:innen und der Familie treffen kann."
Einsamkeit ist nicht gleich Alleinsein
So wie Victoria geht es vielen anderen Deutschen. Dabei betrifft Einsamkeit keinesfalls nur ältere Menschen. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov im Oktober 2020 hat sich insgesamt die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen „sehr oft“ oder „eher oft“ einsam gefühlt. Einsamkeit wird dabei als eine wahrgenommene Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlichen sozialen Beziehungen definiert.
Der Stuttgarter Psychologe Oliviero Lombardi grenzt es außerdem klar vom Alleinsein ab: „Alleinsein zu können, ist etwas Positives. Einsamkeit hingegen ist etwas Ungesundes. Menschen sind im Grunde soziale Wesen. Sie brauchen Wahrnehmung, Wertschätzung und Austausch. Ich würde sogar sagen, eine von fünf Säulen für ein glückliches Leben sind soziale Beziehungen.“
Tinder und Instagram als Verstärker
Warum oft auch schon junge Menschen einsam sind, erklärt der Psychologe so: Relativ viele junge Menschen litten unter einer sozialen Phobie oder hätten bereits Mobbing und Ausgrenzung erlebt, sodass sie sich zurückziehen würden. Auch eine idealisierte Selbstdarstellung und übertriebene Selbstoptimierung durch soziale Plattformen wie Tinder und Instagram könnten dazu führen, dass man Kontakte eher oberflächlich pflegt und keine Schwäche zeigen möchte. „In diesen Beziehungen fehlt es an Tiefe und Nähe“, sagt Lombardi. „Das kann dann zur Vereinsamung führen.“
Auch das eigene Selbstwertgefühl spiele eine wichtige Rolle. „Insbesondere die Ausprägung des eigenen Selbstwertgefühls ist dafür verantwortlich, ob man Wertschätzung durch andere annehmen kann und auch ob man in der Lage ist, sich selbst ausreichend Wertschätzung zu geben.“ Ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl führe dazu, dass man mit sich selbst gut zurechtkomme. Bei einem zu niedrig ausgeprägten Selbstwertgefühl habe man das Problem, von der Wertschätzung anderer abhängig zu sein.
"Ich fühle mich beinahe hoffnungslos"
Auch die beiden jungen Frauen Annika und Laura kennen das Gefühl von Einsamkeit. Annika ist 33 Jahre alt und arbeitet als Laborleiterin in einem Chemieunternehmen. Die Stuttgarterin sagt über sich, sie habe viele Freund:innen einen anspruchsvollen Job mit vielen Kontakten und viele Hobbys. Trotzdem fühle sich sie sich abends oder am Wochenende oft einsam. „Dann fühle ich mich unwohl, fehl am Platz, beinahe hoffnungslos. Es fühlt sich so an, als ob da niemand ist, der wirklich bei mir bleiben möchte. Niemand würde sich Sorgen machen, wenn ich nicht heimkomme. Klar helfen enge Freunde. Aber diese Exklusivität und Intensität wie in einer Beziehung fehlt mir schon sehr.“
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Sonntage seien für sie am schlimmsten, denn dann würden alle Bekannten den Tag mit ihren Partner:innen und der Familie verbringen und keine Zeit für ein Treffen haben. Aber auch sehr ereignisreiche Tage seien schwierig, wenn Annika abends in die leere Wohnung heimkomme und niemand da sei, mit dem sie das Erlebte teilen könne. „Von Hochzeiten fange ich gar nicht erst an“, sagt sie.
"Mir fehlt etwas"
Die 24-Jährige Laura zog im August 2021 für ihr Master-Studium von Stuttgart nach Finnland. Dort wohnt sie nun in einer Zweck-WG und führt eine Fernbeziehung mit ihrem Freund, der in einer anderen finnischen Stadt lebt. Erst seit ungefähr zwei Monaten fühlt sie sich immer wieder einsam.
Besonders, wenn sie draußen unterwegs sei und andere Menschen mit Begleitung sehe, fühle sie sich mies. „Da fühle ich mich einsam, da mir genau das fehlt“, so die Studentin. „Ich fand es immer entspannend, mal für mich und alleine unterwegs zu sein, solange es eine bewusste Entscheidung war, das zu tun. Aktuell bin ich quasi gezwungen, die Zeit alleine mit mir zu verbringen und finde es sehr zermürbend.“
Unter Menschen einsam sein
Doch man kann sich auch unter Menschen einsam fühlen, weiß die 26-Jährige Victoria: „Für mich bedeutet Einsamkeit nicht nur, dass ich mich alleine zuhause unwohl fühle. Sondern auch dann, wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin, mich aber trotzdem nicht zugehörig oder verstanden fühle.“ Das Gefühl, in der Gruppe einsam zu sein, sei sogar unangenehmer als alleine zuhause. Die einsamste Zahl sei übrigens die Drei. Wenn sie mit einem befreundeten Paar unterwegs sei und die Dynamik und Vertrautheit zwischen den beiden sehe, fühle sie sich besonders einsam.
Früher schämte sich Victoria für ihre Gefühle, sagte niemandem, dass es ihr schlecht geht. Heute geht sie offener mit dem Thema um. Wenn sie sich in einer Gruppe unwohl fühlt, versucht sie gezielt auf einzelne Personen zuzugehen, sie in ein Gespräch zu verwickeln, gemeinsame Themen zu finden und fragt auch mal Freund:innen nach ähnlichen Erfahrungen oder Tipps. "Ich sage dann zum Beispiel: 'Ich fühle mich gerade einsam und weiß nicht, was ich dagegen machen soll. Hast du vielleicht eine Idee? Oder warst du auch schon einmal in so einer Situation?'", so Victoria. Die Reaktionen seien überrascht aber durchweg positiv. „Das macht mich dann weniger einsam.“
Den inneren Schweinehund überwinden
Auch Laura hat inzwischen Strategien für einsame Momente in Finnland entwickelt: Sie lenkt sich mit Podcasts und Musik ab, ruft Freunde an, schreibt Nachrichten oder Postkarten. Oder sie sucht nach neuen Kontakten, zum Beispiel über Facebook-Gruppen, Bumble Friends, Meet Up und Sportvereine.
Auch der Psychologe Oliviero Lombardi empfiehlt: „Man sollte den inneren Schweinehund überwinden und aktiv werden.“ Unter Umständen mit Unterstützung einer Psychologin oder eines Psychologen. Soziale Interaktion könne nämlich wieder erlernt werden, Hemmungen könnten überwunden werden.
26 Prozent höheres Risiko, eher zu sterben
Wem dies nicht gelingt, drohen auf Dauer gesundheitliche Beschwerden. Einsamkeit schadet uns so sehr wie Rauchen oder Fettleibigkeit, wie die Auswertung von 148 Studien aus den USA, Europa, Asien und Australien ergab. Wer also dauerhaft unter Einsamkeit leidet, steht chronisch unter Stress und trägt ein 26 Prozent höheres Risiko, eher zu sterben.
Ist Einsamkeit ein Phänomen unserer Zeit? Und wenn ja, warum sprechen wir dann immer noch so wenig darüber? „Einsamkeit ist genauso wie weibliche Lust oder Selbstbefriedigung immer noch ein Tabuthema. Wir sind zwar scheinbar eine offenere und informierte Gesellschaft, trotzdem ist es immer noch unangenehm, solche Themen anzusprechen. Auch nicht jeder hat Interesse sich darüber zu informieren“, sagt Victoria und ist sich unsicher, ob sie das Gefühl der Einsamkeit jemals wieder loswird.
Anmerkung der Redaktion:
Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Suizidgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.
Informationen und Hilfe bei Depressionen: www.deutsche-depressionshilfe.de
Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 (Mo-Sa 14-20 Uhr, anonym und kostenlos)
Dieser Text erschien erstmals am 29. Juni 2022.