Georg Stamatelopoulos EnBW-Chef: „Wenn man 50 Milliarden investiert, gibt es Rückschläge“

Vorstandschef Georg Stamatelopoulos bezieht Stellung zu kritischen Fragen rund um die EnBW. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Eine Milliardenabschreibung, hohe Strompreise, ehrgeizige Investitionspläne: EnBW-Chef Stamatelopoulos erklärt, warum er den Konzern trotz aller Turbulenzen auf Kurs sieht.

Die EnBW steht unter Druck: Zwei aufgegebene Offshore-Windprojekte in Großbritannien kosten den Energiekonzern 1,2 Milliarden Euro, hinzu kommen Abschreibungen bei der Batteriespeicher-Tochter Senec. Gleichzeitig investiert Deutschlands drittgrößter Energieversorger Milliarden in Netze, Erneuerbare und neue Gaskraftwerke. Vorstandschef Georg Stamatelopoulos weist Vorwürfe zurück, verteidigt die damaligen Entscheidungen – und erklärt, wie der Strom günstiger wird.

 

Herr Stamatelopoulos, die EnBW steigt aus zwei Offshore-Windprojekten in Großbritannien aus und schreibt dafür 1,2 Milliarden Euro ab. Was ist da schiefgelaufen?

Die Projekte sind unter heutigen Rahmenbedingungen schlicht nicht mehr wirtschaftlich. Als wir 2021 eingestiegen sind, war die Welt eine andere: keine Ukraine-Krise, niedrigere Zinsen, andere Lieferketten, andere politischen Prioritäten. Heute haben wir massiv gestiegene Kosten, Probleme bei der Lieferantenseite und Auktionsergebnisse für Einspeisevergütungen, die nicht zu unseren Vorstellungen passen. Wir sind nicht bereit, Offshore-Windparks um jeden Preis zu bauen. Deshalb haben wir die Reißleine gezogen.

Es gab schon damals warnende Stimmen. Muss man heute nicht über Konsequenzen sprechen – auch personelle?

Ich sehe kein Organ- oder persönliches Versagen. Projektgeschäft bedeutet immer Risiko. Entscheidungen von früher wurden im Kontext der damals vorliegenden Informationen getroffen. Wir haben Risiken transparent gemacht und darüber auch regelmäßig berichtet. Dass ein Projekt am Ende nicht realisiert wird, gehört zur unternehmerischen Realität.

Sind Offshore-Projekte für EnBW damit erledigt?

Nein, Offshore ist eine wichtige Stütze für das Erzeugungsgeschäft der EnBW. Aber die aktuellen Bedingungen sind nicht förderlich. Offshore folgt einer Art Wellenbewegung bei der Einspeisevergütung: von hoher Förderung über Nullförderung bis hin zu negativen Auktionen, bei denen Unternehmen zahlen, um entwickeln zu dürfen. Wir sind inzwischen an einem Punkt, an dem Offshore ohne Förderung nicht mehr tragfähig ist.

Ein mögliches Instrument sind sogenannte Contracts for Difference – staatlich garantierte Ausgleichszahlungen, die Preisrisiken zwischen Marktpreis und vereinbarter Vergütung abfedern. Ohne solche Modelle droht eine Pause beim Offshore-Ausbau in Deutschland.

Zusätzlich gab es eine Abschreibung bei der Tochter Senec. Drohen dort weitere Verluste oder gar eine Insolvenz?

Für Senec müssen wir eine Entscheidung treffen. Eine Insolvenz steht aber nicht zur Debatte. Für die Zukunft erwarten wir keine weiteren Belastungen. Aktuell prüfen wir drei Optionen: Weitermachen wie bisher, einen Partner aufnehmen, oder das Geschäft auf ein Minimum reduzieren. Dieser Prozess läuft, und wir werden im laufenden Jahr entscheiden.

Klar ist: Keine der drei Optionen würde einen zusätzlichen Abschreibungsbedarf in nennenswerter Höhe verursachen.

Die EnBW gehört der öffentlichen Hand. Wie erklären Sie solche Abschreibungen den Eigentümern und Steuerzahlern?

Abschreibungen sind in einem langfristigen Infrastrukturgeschäft nichts Ungewöhnliches.

Wir haben in der Vergangenheit auch Kohlekraftwerke massiv abgeschrieben – und später wieder zugeschrieben, als sie in der Energiekrise Erträge brachten. Entscheidend ist die Gesamtentwicklung: Unser EBITDA hat sich in den letzten drei Jahren von rund 2,5 davor auf etwa 5 Milliarden Euro jetzt verdoppelt. Für 2025 bestätigen wir unsere Prognose zwischen 4,7 und 5,3 Milliarden Euro.

Die Strompreise in Deutschland sind hoch. Was läuft falsch?

Wir haben immer gesagt: die Energie in Deutschland muss sicher, klimafreundlich, und bezahlbar sein. Bezahlbarkeit ist derzeit tatsächlich der wunde Punkt der Energiepolitik. Wir haben in einer Systemkostenstudie gezeigt, dass sich bei gleichem Versorgungssicherheitsniveau und Beibehaltung der heutigen Klimaziele bis zu 700 Milliarden Euro Systemkosten einsparen lassen.

Was schlagen Sie vor?

Der wichtigste Hebel ist eine realistische Annahme zum Stromverbrauch. Statt von 1150 Terawattstunden im Jahr 2045 auszugehen, halten wir 920 für plausibler. Das ist im Übrigen nahezu eine Verdoppelung im Vergleich zum heutigen Wert von ca. 500 TWh. Allein das spart rund 400 Milliarden Euro an Netz- und Ausbaukosten.

Weitere Einsparungen sehen wir bei realistischen Offshore-Ausbauzielen und bei der Wasserstoffstrategie, wo Importe oft günstiger sind als heimische Produktion.

Was bedeutet die Einigung zu neuen Gaskraftwerken für die EnBW?

Sie ist überfällig. Wir brauchen wasserstofffähige Gaskraftwerke als Ergänzung zu den Erneuerbaren. Ohne staatliche Investitionsförderung wird das nicht funktionieren, weil diese Anlagen nur wenige Stunden im Einsatz sein werden. Aber für diese wenigen Stunden brauchen wir sie unbedingt. Wir wollen solche Anlagen bauen. Wie viele, hängt von den konkreten Ausschreibungsbedingungen ab.

Die neuen Kraftwerke sollen spätestens 2031 ans Netz gehen. Ist das überhaupt machbar?

Der Zeitplan ist extrem ambitioniert – realistisch wird es teilweise später.

Ist der Kohleausstieg gefährdet, wenn die Kraftwerke nicht kommen?

Unser Ziel bleibt: Ausstieg Ende 2028 – sofern Versorgungssicherheit und Netzstabilität gewährleistet sind. Das prüfen wir laufend.

Sie sind nun seit fast zwei Jahren EnBW-Chef. Hätten Sie sich das Amt so schwierig, so turbulent vorgestellt?

Ich empfinde es nicht als schwierig. Es ist eine fordernde Rolle, in der ich aber auch viel gestalten kann. Natürlich sind die aktuellen Zeiten auch gerade für einen Energieversorger besonders. Aber wirtschaftlich ist die EnBW sehr robust aufgestellt.

Woran machen Sie das fest?

Wir haben unser operatives Ergebnis auf dem doppelten Niveau von vor ein paar Jahren stabilisiert, im Jahr 2025 Rekordwerte beim Ausbau der Erneuerbaren erreicht, die größte Strompreissenkung unserer jüngeren Geschichte umgesetzt und eine Rekordinvestitionssumme von acht Milliarden Euro erfolgreich gestemmt. In dieser Woche hat der Kapitalmarkt unsere hybride Anleihenemission zehnfach überzeichnet. Sie kennen unsere Zahlen, unsere Strategie und vertrauen uns. Wenn man 50 Milliarden Euro investiert, gibt es Rückschläge. Entscheidend ist, dass man vorbereitet ist – und das sind wir.

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