Vom Gourmet-Tempel ist gern die Rede, wenn Sterne-Lokale gepriesen werden. Aber nur selten dürfte diese verbale Heiligsprechung so zutreffend sein wie bei dem Ort, an dem sich 130 Gäste an zwei langen Tafeln zu einem kulinarischen Erlebnis der besonderen Art versammelten: Die Kirche St. Maria, Schauplatz des Rescue Dinners, zu dem das Projekt „Supp_optimal – Essen für alle“ der Bürgerstiftung Stuttgart geladen hatte, war, magisch erleuchtet von Hunderten von Kerzen, wirklich zu einem Gourmet-Tempel geworden. „Das passt wunderbar“, freute sich Ania Corcilius, die das Kirche-Kultur-Projekt „St. Maria als . . .“ leitet: „Nahrung ist in diesem Jahr unser Leitmotiv.“
Nichts beeinträchtigt den Geschmack
Rescue Dinner: Wer wird hier gerettet? Das, was andere Menschen in den Müll werfen. Geschirr zum Beispiel. Kein Teller auf den schön gedeckten Tafeln glich dem anderen, sie stammten wie das Besteck von Flohmärkten und Haushaltsauflösungen. Aber vor allem Lebensmittel. „Wir haben nur Zucker und Olivenöl gekauft, 94 Prozent der Zutaten zu diesem vegetarischen Dinner stammen aus geretteten Lebensmitteln“, sagte Johannes Nöldeke. Die Gäste erfuhren, dass für die Gazpacho im Glas und die Crostini dazu Paprika, Gurken und Zucchini verarbeitet worden waren, die am Großmarkt nicht mehr verkauft werden konnten, weil sie Druckstellen hatten, zu krumm oder zu klein oder zu groß waren. Nichts, was den Geschmack im Mindesten beeinträchtigt hätte. Für den Apfelsaft hatte Nöldeke mit seinen zwei Kindern die Früchte auf einer Streuobstwiese ernten dürfen und dann die 150 Kilogramm acht Stunden lang gepresst.
Für den Linsensalat, mit Roter Bete, Kernen und Pfirsich ein wahres Geschmackserlebnis, wurde „B-Ware von einer Erzeugergemeinschaft“ verwendet, in einer Ölmühle konnten 100 Liter abgeholt werden, weil eine Mischung aus Raps und Sonnenblumen unverkäuflich war. Aus 60 Kilo Kürbissen mit Schönheitsfehlern vom Großmarkt wurde die nicht minder köstliche Kürbissuppe, sogar das Salz in der Suppe war ein Geschenk des Produzenten. Spätestens bei der Pasta mit Tomaten, Fenchel und Pangritata wurde die Herkunft des Dinners aus der Kochschule „Marinella in cucina“ unübersehbar, deren sizilianischer Chefköchin und Unterstützerin Marinella Sammarco höchstes Lob gezollt wurde. Und was ist Pangritata? „Arme-Leute-Parmesan“, klärte der Moderator auf: „Geriebenes Brot, in Öl und Kräutern gebraten.“ Dass die gestiftete Pasta, 700 Kilo, „Rückstellungsproben aus der Mindesthaltbarkeitsprüfung“ waren, muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, die 2100 Dosen Tomaten hatten ein abgelaufenes Haltbarkeitsdatum, und die Mirabellen fürs Dessert kamen aus dem Garten von Irene Armbruster, Geschäftsführerin der Bürgerstiftung.
Ein Drittel aller Lebensmittel landet in der Tonne
Lauter wunderbare Geschichten, die das kulinarische Vergnügen noch steigerten, aber auch das Ausmaß an Verschwendung deutlich machen: Etwa ein Drittel aller Lebensmittel landet im Müll, in Stuttgart sind das jedes Jahr 80 000 Tonnen. Und die Privathaushalte sind daran zu 60 Prozent beteiligt. Lebensmittel vor der Tonne zu retten ist seit Langem ein ebenso soziales wie auch ökologisches Anliegen. Die Bürgerstiftung hat dafür mittlerweile auch ein großes Netzwerk an Unterstützern gewonnen, an der Spitze die Porsche AG. Aber auch die Beschicker des Stuttgarter Wochenmarktes sind wie Markus Fischer zuverlässige Lieferanten und wollen den Erlös des Erntedankverkaufs am 5. Oktober dem Projekt zukommen lassen.
Nöldeke hatte noch eine wichtige Frage: „Hat jemand zufällig eine Küche zu vergeben?“ Man denke da schon an etwas Größeres, für professionelle Zwecke. Denn Supp_optimal, das mittlerweile mehr als 120 000 warme Mahlzeiten im Glas an sieben Stellen in der Stadt ausgegeben hat, sucht nicht nur eine zentrale Küche, sondern hat Großes vor: „Wir wollen das erste Food-Sharing-Restaurant in Deutschland eröffnen.“ Es muss ja nicht gerade ein Gourmet-Tempel sein.