Gerhard Voss aus Stuttgart Er lernte Straßenbahnfahren, damit er den GT4 steuern kann

Gerhard Voss im Triebwagen 222 aus dem Jahr 1904. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone/KI/Midjourney/Montage: Ruckaberle

Als Bub liebte Gerhard Voss die gelben Straßenbahnen. Heute steuert er selbst welche. Der Stuttgarter machte seine Fahrerlaubnis nicht für den Job, sondern aus reiner Liebe zur Tram.

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

Aus dem Funkgerät knarzt es, als Gerhard Voss den Gartenschauwagen langsam auf den Hof des Straßenbahnmuseums fährt. Ein bisschen so, wie wenn ein Oldtimersammler seinen Original-Cadillac aus den 1960ern im Schritttempo aus der Garage steuert. Schließlich ist die historische Straßenbahn aus dem Jahr 1939 eine alte Dame und goutiert ruppiges Anfahren oder abrupte Vollbremsungen nicht. „Man braucht schon Gefühl“, sagt Voss. „Man muss spüren und horchen, während man fährt.“

 

An diesem Herbstsamstag ist Gerhard Voss mit dem Gartenschauwagen, einem seiner Lieblinge, auf der Oldtimerlinie durch Stuttgart unterwegs. Der 49-Jährige ist einer von 18 Fahrern (zwei Frauen, 16 Männer), die für den Stuttgarter Historische Straßenbahnen e.V. (SHB) die Museumsstücke durch die Stadt steuern dürfen. Und er ist einer von zweien, die nicht bei der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) arbeiten.

Seine Liebe zur Straßenbahn beginnt schon früh. Sein Vater arbeitet bei der Bundesbahn. Ab und an besuchen Gerhard und seine Schwester ihn im Büro. Seine Mutter setzt die Kinder in Botnang in die Straßenbahn, der Vater holt sie in der Stadt ab. Gerhard liebt diese Fahrten. Wenn sich der 4er den Botnanger Sattel hinauf schafft, quietschend die Botnanger Straße hinunter fährt und sich an der Haltestelle Wielandstraße der Stuttgarter Kessel vor ihm auftut, ist der Bub im Glück. Mit vier bekommt er zu Weihnachten seine erste Eisenbahn geschenkt – und will prompt eine Straßenbahn dazu.

Nach der Grundschulzeit in Botnang geht Gerhard auf das Karlsgymnasium und kann von nun an jeden Tag in den 4er steigen. In der „Strampe“ setzt er sich gerne genau hinter die Fahrer, um genau beobachten zu können, was die so tun. „Irgendwann wusste ich genau, wann sie anfingen zu bremsen und wann sie wieder beschleunigten“, erzählt er heute. Als seine Mutter dem damals 13-jährigen Gerhard vorschlägt, er solle doch einem Verein beitreten (und dabei eher an Fußball oder Leichtathletik denkt), bringt er bald darauf einen Handzettel vom Straßenbahnmuseum in Gerlingen mit nach Hause.

Auch wenn Gerhard Voss jetzt Straßenbahnfahren kann – er macht auch gern noch den Schaffner. Hier im Triebwagen 222 von 1904. Foto: Ferdinando Iannone/Lichtgut

Das Museum in der ehemaligen Gerlinger Wagenhalle öffnet 1989. Einmal im Monat kann man sich dort die alten Stuttgarter Straßenbahnen ansehen: den Triebwagen 222 aus dem Jahr 1904 zum Beispiel oder den 418 aus den 1920er Jahren, die Straßenbahnenthusiasten in den 1960ern vorm Verschrotten gerettet hatten.

Teenager Gerhard hilft beim Cafébetrieb und hört zu, was die Bahn-Kenner, die durch das Museum führen, den Besuchern so erzählen. 1994 wird der Betriebshof der SSB in Zuffenhausen frei, das Museum zieht um. Mit 20, da studiert Voss schon an der Uni Stuttgart Bauingenieurwesen, wird er SHB-Schaffner. Von da an ist er auf der Oldtimerlinie mit Fahrscheinkladde und Galoppwechsler unterwegs und verkauft Fahrkarten. Er bleibt auch dabei, als das Museum noch einmal umzieht und 2009 im alten Bad Cannstatter Depot wiedereröffnet.

Zwei Oldtimerlinien gibt es in Stuttgart

Gerhard Voss zuckelt mit dem Gartenschauwagen und zwei Beiwagen die Mercedesstraße entlang. Vier bis fünf Mal im Quartal fährt er die historischen Straßenbahnen auf der Museumslinie – aber auch auf Sonderfahrten, denn die Oldtimer werden gern für Geburtstage, Hochzeiten oder andere Feiern gemietet. Nur wo es noch ein drittes Gleis gibt, können die alten Bahnen fahren, die modernen DT8er sind viel breiter als ihre Vorgänger. Zwei Linien gehören auch den Oldtimern: Die Schleife durch die Innenstadt via Neckartor, Berliner Platz und Hauptbahnhof zurück ins Cannstatter Museum und die Panoramastrecke hoch zur Ruhbank und Fernsehturm.

40 km/h Höchstgeschwindigkeit schafft der Gartenschauwagen, der 1939 für die Reichsgartenschau am Killesberg angeschafft wurde. Gerhard Voss muss vorausschauend fahren, denn auf keinen Fall sollen die wertvollen Oldtimer kaputtgehen oder, noch schlimmer, Menschen zu Schaden kommen. „Die Verantwortung, die man hat, spürt man immer“, sagt er. Als die Bahn im Tunnel durch eine Kurve fährt, quietschen die Räder wie früher, wenn der gute alte GT4 – kurz für Gelenktriebwagen 4 – sich in die Kurven legte. Das zischende Geräusch ist die Luft, die entweicht, wenn die Bremsen zugehen. Das alles klingt wie anno dazumal, aber auch die historischen Wagen sind in Sachen Sicherheit auf dem neuesten Stand und könnten automatisch durch eine Koppelspule gebremst werden, wenn versehentlich ein Haltesignal überfahren würde.

Gerhard Voss mit einem seiner Lieblinge, dem Gartenschauwagen. Foto: privat

Alte Straßenbahnen sind ein Publikumsliebling

Gerhard Voss fährt mit dem Gartenschauwagen an der Haltestelle Neckartor ein. Die Menschen, die auf die regulären Stadtbahnen warten, lächeln unwillkürlich, als sie den hübschen gelben Wagen sehen. „Wenn ich von jedem, der die Straßenbahnen fotografiert, fünf Euro bekäme, könnte ich tolle Urlaube machen“, scherzt Voss.

Am Berliner Platz muss sein Schaffner aussteigen, um per Hand das Signal zur Weiterfahrt anzufordern – „wir waren zu langsam“. Der Gartenschauwagen ist kein D-Zug und schon gar kein DT8.

Seit 2018 hat Gerhard Voss eine Fahrerlaubnis für die Straßenbahnen. Für die zwölf Wochen Ausbildung in der SSB-Fahrschule hat er seinen Jahresurlaub geopfert. Sein Geschäftspartner, mit dem der Verkehrs- und Projektplaner in Stuttgart ein Büro für Verfahrensmanagement betreibt, hatte Verständnis – er ist auch im SHB aktiv. Seine Frau war ebenfalls d’accord. Kein Wunder, sie ist selbst Stadtbahnfahrerin. In der Ausbildung lernte Gerhard Voss alle Signale kennen, erfuhr, wie man sich bei einer Störung verhält, und durfte dann auf die Strecke. Mehrere Pflichtfahrten muss er im Jahr machen, damit er die Routine nicht verliert. Alle drei Jahre ist zudem eine Untersuchung beim Betriebsarzt fällig. Um die 450 Mitglieder hat der Verein, 35 bis 40 gehören wie Voss „zum harten Kern“.

„Der GT4 ist pure Nostalgie“

Als der Gartenschauwagen wieder am Straßenbahnmuseum im Veielbrunnenweg angekommen ist, klatschen die Fahrgäste. Ein bisschen so wie im Ferienflieger nach Mallorca. Applaus, sagt Voss, gibt es meistens. „Die Leute sind gut drauf – sie sitzen ja nicht morgens um 6.30 Uhr in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit.“

Eine besondere Beziehung haben die meisten zum GT4, der alten „Strampe“, die noch bis 2007 fuhr. Auch Gerhard Voss: „Die ganz alten Bahnen zu fahren, ist ein bisschen, wie ins Sauriermuseum zu gehen. Aber der GT4 ist pure Nostalgie.“ Die dunkelroten Plastiksitze, die Abdeckung für den Heckfahrschalter ganz hinten, auf dem sich sehr geschickt morgens noch kurz die Hausaufgaben machen ließen, das charakteristische Quietschen der Räder – das alles katapultiert auch ihn in seine Kindheit zurück.

Geld bekommt Gerhard Voss übrigens nicht für seine Fahrdienste. Alle Fahrer und Schaffner gehören zum Verein und machen ihre Arbeit ehrenamtlich. Viele würden vielleicht sogar selbst etwas zahlen, um auf dem Fahrersitz des GT4 oder des Triebwagens 714 Platz zu nehmen. „Ich bin dankbar, dass ich das machen darf. Es ist eben kein Hobby wie jedes andere“, sagt Gerhard Voss. „Für mich hat jede Fahrt ihren Reiz.“ Dann geht er in die Pause. Später wird er wieder auf der Schiene sein: Der 418 wartet.

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