Gerlingen Handwerker im Dienst der Gesundheit

Joachim Glotz ist Inhaber des gleichnamigen Sanitätshauses mit Stammsitz in Gerlingen. Foto: Simon Granville

Das Gerlinger Sanitätshaus Glotz ist über die Jahre beständig gewachsen. Die Arbeit geht der Branche nicht aus – dank des medizinischen Fortschritts einerseits und des Gesundheitssystems andererseits. Doch laut Geschäftsführer Joachim Glotz hat man ein massives Problem: Es fehlen die Handwerker, die die Hilfen herstellen.

Ludwigsburg: Franziska Kleiner (fk)

Joachim Glotz macht nicht viel Aufhebens um seine Würdigung. Vermutlich, sagt er, habe er sie für sein berufspolitisches Wirken erhalten. Die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut hatte Glotz im zu Ende gegangenen Jahr die Wirtschaftsmedaille des Landes verliehen. „Sie sind es, die mit ihren Visionen, Ideen und Konzepten die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen vorantreiben“, hatte die Ministerin über den Geehrten gesagt.

 

Joachim Glotz hat diese Worte wohl vernommen. Er ist Geschäftsführer des gleichnamigen Sanitätshauses mit Stammsitz in Gerlingen. Das Unternehmen im Familienhand ist in den vergangenen Jahren beständig gewachsen. Mehr als 250 Mitarbeiter in 30 Berufen arbeiten heute dort. Über 23 Millionen Euro Umsatz hat das Unternehmen zuletzt gemacht. Die Menschen werden immer älter, früher aus dem Krankenhaus entlassen, zuhause versorgt. Die technischen Möglichkeiten sind besser geworden, Menschen mit Einschränkungen können länger mobil sein als früher. Der Bedarf ist groß. Doch diesem wachsenden Bedarf steht die sinkende Beschäftigungszahl entgegen. Fachkräftemangel heißt auch in dieser Branche das Schlagwort und öffnet Tür und Tor für Investoren und Unternehmensketten. „Das Gesundheitswesen ist ein attraktives Ziel“, sagt Glotz.

Der Unternehmer und seine Familie indes hatten sich entschieden, das Unternehmen in Familienhand zu belassen – das bedeutet auch, kleinere Betriebe zuzukaufen. „In den vergangenen 20 Jahren kamen zehn kleinere Unternehmen hinzu“, sagt Glotz über die Zukäufe: Vom Ein-Mann-Betrieb bis zum Unternehmen mit acht Mitarbeitern.

Heute ist Glotz in der Region verankert, in Bad Urach in der Klinikwerkstatt präsent, mit der respiratorischen Technik zur Unterstützung der Atmung weit über die Region hinaus präsent. „Natürlich gibt es Konkurrenz“, sagt der Unternehmer. Aber es gebe hier eine relativ gute Versorgungsdichte, konstatiert er und fügt hinzu: „Jedes Unternehmen kann organisch aus sich heraus wachsen.“ Was den Unternehmer in ihm freut, betrübt den Fachmann, der seit Jahrzehnten verbandspolitisch aktiv ist. „Die steigende Menge ist die Herausforderung.“ Denn dagegen steht die sinkende Beschäftigungszahl, der Rückgang der ausgebildeten Fachkräfte, die das Handwerk etwa des Orthopädietechnikers oder auch Orthopädieschuhtechnikers erlernen wollen. „Auch für uns wird es schwieriger, die Ausbildungsplätze zu besetzen.“ Zu wenig sei das Handwerk in der Öffentlichkeit präsent, sagt er selbstkritisch. Das ändere sich allenfalls, wenn die Paralympics seien, die Olympiade der Menschen mit geistiger oder körperlicher Einschränkung. Wenn Namen wie Markus Rehm aus Göppingen fallen, der einseitig oberschenkelamputierte Prothesenspringer, oder jener von Kugelstoßer Niko Kappel vom VfB Stuttgart – dann rückt dies auch Glotz’ Branche ins Licht.

Mit den technischen Verbesserungen wachsen die Möglichkeiten

„Die technische Entwicklung macht sich in fast allen Bereichen bemerkbar“, sagt Joachim Glotz. Digital gesteuerte Technologien, dazu neue medizinische Erkenntnisse und veränderte gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen – ob Rehatechnik, Sauerstofftherapie, Heimbeatmung oder Wundversorgung –, die Themen gehen auch auf politischer Ebene nicht aus. Der gelernte Orthopädiemechanikermeister Glotz, der heute in Korntal-Münchingen lebt, vertritt – wie einst sein Vater – die Interessen seines Standes auf Landes- und Bundesebene. Das Vorstandsmitglied des Bundesinnungsverbands für Orthopädietechnik war bis 2023 zudem Vorsitzender des Landesfachverbands Orthopädietechnik, Sanitäts- und medizinischer Fachhandel, ist außerdem Delegierter der Landesinnung für Orthopädietechnik.

Und doch ist der heute 62-Jährige eben auch der Enkel, der das Familienunternehmen in dritter Generation weiterführt. 1938 in Stuttgart von seinem Großvater gegründet, war der Betrieb jahrzehntelang in Stuttgart. 1962 mit dem Umzug nach Feuerbach kam erstmals ein Ladengeschäft im eigentlichen Sinne hinzu. Doch auch da war irgendwann keine Erweiterung mehr möglich. Ein neuer Standort musste gefunden werden – es wurde Gerlingen. Die Stadt sei den Eltern nicht fremd gewesen, sagt Glotz über deren häufige Spaziergänge . „Das Lamm war die Lieblingswirtschaft meiner Eltern.“ Eine Fläche im Ort bot sich an, Werkstatt und Ladengeschäft wurden dort zusammengelegt. Irgendwann wurde noch die angrenzende Fläche einer ehemaligen Gerlinger Großbäckerei hinzugenommen.

Heute sind im Unternehmen mehr als 30 Berufe vertreten, 22 Azubis in sieben Ausbildungsberufen erwarben Fachwissen, auch in der hauseigenen Werkstatt. Das unternehmerische Ziel ist klar formuliert: „Wir wollen die führende Marke als Versorger von Dienstleistungen und Produkten im Hilfsmittelbereich des Gesundheitswesens im süddeutschen Raum sein.“

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