Geschäftsführer von Allianz MTV Stuttgart zur Trennung Wollte der Verein Kim Renkema loswerden, Herr Irion?

Ihre Wege trennen sich nach der Saison: Aurel Irion, Geschäftsführer des Volleyball-Bundesligisten Allianz MTV Stuttgart, und Sportdirektorin Kim Renkema. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Aurel Irion, der Geschäftsführer des Volleyball-Bundesligisten Allianz MTV Stuttgart, muss nicht nur die Nachfolge von Sportdirektorin Kim Renkema regeln, sondern auch das Umfeld befrieden: Verliert der Triple-Sieger einen Teil seiner ehrenamtlichen Helfer?

Volleyball-Bundesligist Allianz MTV Stuttgart trennt sich von Sportdirektorin Kim Renkema – steht aber nicht nur deshalb vor großen Herausforderungen. „Wir sind“, sagt Geschäftsführer Aurel Irion, dessen Vertrag ebenfalls im Juni 2025 endet, „in wirtschaftlichen Zwängen gefangen.“

 

Herr Irion, steckt Allianz MTV Stuttgart in der schwierigsten Situation seiner Geschichte?

Das kann ich noch nicht absehen. Ich kann nur sagen, dass es mir persönlich gerade sehr, sehr schlecht geht, was mit zwei Todesfällen zusammenhängt.

Wollen Sie darüber sprechen?

Kurz vor Weihnachten ist meine Schwiegermutter gestorben, zu der ich ein sehr enges Verhältnis hatte. Und dann haben wir an diesem Donnerstag auch noch die Nachricht erhalten, dass unser Physiotherapie-Partner Kai-Uwe Aescht, der sich bei uns stark engagiert hat, tödlich verunglückt ist. Doch leider bleibt kaum Zeit zum Trauern, dafür steht in diesem Januar sportlich zu viel auf dem Spiel. Deshalb hoffe ich, dass es uns wenigstens gelingt, nun bei Allianz MTV Stuttgart die Reihen zu schließen.

Danach sieht es derzeit nicht aus. Die Trennung von Kim Renkema zum Saisonende hat in den sozialen Medien, aber auch bei uns in der Redaktion zu zahlreichen Reaktionen geführt – viele Leute haben in deutlichen Worten ihr Unverständnis artikuliert. Welche Nachrichten gingen bei Ihnen ein?

Es gab auch bei mir sehr viele Reaktionen.

Mit welchen Inhalten?

Oft wurde das Bedauern darüber ausgedrückt, dass eine Ära zu Ende gehen wird – es ist schließlich unbestritten, dass Kim Renkema einen sehr großen Anteil an den Erfolgen von Allianz MTV Stuttgart hat. Es wurden aber auch viele Fragen gestellt. Eine kann ich gleich beantworten: Kim Renkema ist unmöglich eins zu eins zu ersetzen.

Ein Bild aus besseren Tagen: Kim Renkema und Aurel Irion mit der Meisterschale. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Lassen Sie uns zunächst noch bei den Reaktionen bleiben. Via Facebook hat Ihr Teamleiter des ehrenamtlichen Ordnungsdienstes seinen Rücktritt erklärt, nach unseren Informationen wollen sich wegen des Renkema-Abschieds weitere Ehrenamtliche zurückziehen. Befürchten Sie einen Aderlass?

Das kann ich noch nicht abschließend beurteilen. Wir sind in Kontakt mit unseren Ehrenamtlichen, viele haben mir wohlwollende Worte geschrieben und erklärt, dabei bleiben zu wollen. Und einen Rücktritt auf Facebook bekannt zu geben, diese Welt ist mir fremd. Das sagt auch etwas über den Charakter von Menschen aus. Ich hoffe, dass die Ehrenamtlichen und Fans weiterhin zum Team und zum Verein halten – das hätten nicht nur unser Trainer oder Spielerinnen wie Krystal Rivers und Roosa Koskelo, die schon sieben Jahre bei uns sind, absolut verdient.

Wir haben gehört, dass einige Fans an diesem Samstag beim Spiel gegen den SC Potsdam Protestaktionen planen.

Darüber habe ich noch nichts gehört. Die Fans haben natürlich das Recht, ihren Unmut zu äußern, aber unter der Gürtellinie fände ich das schlimm.

Sie haben die Fragen, die bisher unbeantwortet sind, angesprochen. Eine davon ist, ob Sie als Geschäftsführer wussten, dass Kim Renkema nur ein Ein-Jahres-Vertrag angeboten werden wird?

Im Detail war ich darüber nicht informiert, aber dass die Gesellschafter in diese Richtung denken, war mir klar.

Warum?

Die Volleyball-Bundesliga steckt in einer sehr schwierigen Lage, und wie es bei uns auf Sponsorenseite weitergeht, ist unsicher. Wir sind gefangen in wirtschaftlichen Zwängen.

Weshalb musste Kim Renkema 13 Monate auf ein klärendes Gespräch warten?

Das müssen Sie die Gesellschafter fragen. Was in einem solchen Fall rechtzeitig ist? Da hätte ich schon den Wunsch gehabt, dass die Gesellschafter die Gespräche etwas früher suchen. Auch bei mir selbst.

Ihr Vertrag läuft ebenfalls Ende Juni aus. Wurde mit Ihnen schon gesprochen?

Nein. Es gibt bisher nur das Signal, dass wir zeitnah verhandeln werden.

Für Kim Renkema war es ein riesiges Problem, so lange hingehalten worden zu sein. Wollte man sie loswerden?

Sicher nicht – und das würde Ihren Verdiensten rund um den Volleyball-Sport in Stuttgart auch absolut nicht gerecht werden.

Wenn die finanzielle Lage tatsächlich so unsicher ist wie dargestellt, dann werden auch Sie nur einen Ein-Jahres-Vertrag angeboten bekommen.

Damit rechne ich.

Wie würden Sie damit umgehen?

Das weiß ich noch nicht.

Droht Allianz MTV Stuttgart bald die komplette Führungslosigkeit?

Das hoffe ich nicht. Doch letztlich mache ich mir um meine persönliche Zukunft nicht so große Sorgen wie um die Frauen-Bundesliga. Kein Team will aufsteigen, wie es in Erfurt weitergeht, ist unklar. Vieles entwickelt sich zurück in Richtung Amateursport – und dann stellt sich schon die Frage, ob Allianz MTV Stuttgart noch professionelle Strukturen benötigt und ob sich der Verein diese leisten kann.

Kim Renkema wollte neben Ihnen gleichberechtigte Geschäftsführerin Sport werden. Hätten Sie das akzeptiert?

Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, wie das hätte ausgestaltet werden können. Allerdings gibt es bei Allianz MTV Stuttgart drei Leute mit einer vollen Stelle und eine Person mit einer Viertel-Stelle – bei dieser geringen Anzahl an Mitarbeitern zwei Geschäftsführer zu haben, wäre sicherlich schwierig geworden.

Ist die Trennung endgültig?

Alles andere ist schwer vorstellbar – und das gilt sicher für beide Seiten.

Wie wird es personell weitergehen?

Es gibt im Frauen-Volleyball in Deutschland kaum andere Sportdirektorinnen oder -direktoren, insofern können wir die Stelle nicht einfach ausschreiben. Ich denke, dass wir selbst wieder jemanden entwickeln müssen, der wie Kim das Geschäft von der Pike auf lernt und ein eigenes Profil entwickelt – wohlwissend dass dies kurzfristig zu schmerzhaften Rückschritten führen kann.

Laut unseren Informationen haben Sie bereits ein Gespräch mit Ihrer Außenangreiferin Maria Segura Pallerés geführt und eine Absage erhalten.

Davon weiß ich nichts.

Werden Sie als nächstes bei Roosa Koskelo und Krystal Rivers anfragen?

Wir machen uns Gedanken darüber, welche Schritte nun sinnvoll sind. Es ist zu früh, um Namen zu nennen, zumal die Spielerinnen derzeit andere Dinge im Kopf haben. Wir tun alle gut daran, uns auf die sportlichen Aufgaben zu konzentrieren, die es zu lösen gilt.

Wer kümmert sich mit Blick auf die nächste Saison um die Kaderplanung?

Kim Renkema hat bei uns einen Vertrag bis 30. Juni. Ich habe mit ihr, weil sie im Urlaub ist, noch nicht darüber sprechen können, inwieweit sie die Kaderplanung angehen kann und will. Aber wir erwarten schon, dass jemand, der seinen Vertrag erfüllen will, bis zum Ende volle Pulle gibt.

Wie sinnvoll ist es, jemanden den Kader planen zu lassen, der mit dem neuen Team nichts mehr zu tun haben wird?

Selbstverständlich ist diese Situation nicht optimal, weshalb der Verein ja gehofft hat, dass Kim Renkema das Vertragsangebot annimmt. Klar ist, dass sich unser Cheftrainer Konstantin Bitter bei der Kaderplanung noch mehr einbringen muss, als er dies ohnehin schon getan hat.

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