Geschichte der Textilfabrik Mendel & Levy Und plötzlich sirren die Nähmaschinen

Die ehemalige Fabrik von Mendel&Levy in der Lindenspürstraße Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Das Schicksal der Textilfabrik Mendel & Levy in Stuttgart-West und ihrer Eigentümer ist bewegend, aber es gibt keine Bilder von dem Gebäude – bis jetzt. Unsere Autorin schildert, wie das Projekt „Stuttgart 1942“ Geschichte zum Leben erweckt.

Stuttgart - Da ist dieser Moment. Als ein schmuckloses Gebäude aus den 1960er Jahren in sich zusammensackt, sich im Staub der Geschichte auflöst. Und ein viel älteres an seiner Stelle in die Höhe wächst. Stockwerk um Stockwerk. Und so, Meter für Meter, kehrt das Leben zurück. Im Erdgeschoss sirren die Nähmaschinen, eine Etage höher rattern die Knopflochstecher, im dritten Stock sind die Maschinen der Zuschneider zu hören, die sich durch Wollstoffe mit Nadelstreifen und weißes Baumwolltuch fräsen. Die Büglerinnen plätten, die Boten laufen, bald ist Mittagszeit, ganz oben in der Küche klappern schon die Töpfe, während Emil Levy und sein Schwager Bernhard Schreiber durch die Gänge hasten und für die Dienstreise ins Rheinland Musterbücher, Preiskataloge und Stoffproben einpacken.

 

So hätte es sein können. Vielleicht auch ganz anders. Mit einer Lupe in der Hand sitze ich im Stadtarchiv. Dort habe ich eine Fotosammlung aus dem Jahr 1942 entdeckt. Mit der Nase berühre ich fast den Kontaktstreifen, winzige 36 auf 25 Millimeter klein, auf dem ein Miniaturgebäude zu erahnen ist: die Herrentextilfabrik Mendel & Levy in der Lindenspürstraße 32.

Wochenlang habe ich nach Bildern, nach Dokumenten gesucht. Mich im Landesarchiv in Ludwigsburg durch die Akten eines Wiedergutmachungsprozesses gearbeitet. Jahrzehntelange Verschleppungen eines Verfahrens gelesen gegen die Stuttgarter Textilunternehmer Leibfried, die 1938 die Fabrik Mendel & Levy für einen Spottpreis gekauft hatten. Arisierung hieß das damals.

Einst war hier die Firma Bleyle

Das sehen die Angeklagten anders. Gutes Geld hätte sie gegeben. Leider sei der Kaufvertrag bei einem Luftangriff 1944 mit dem Gebäude zerstört worden. Karoline Levy, die Frau von Emil, widerspricht. Wegen antijüdischer Boykotte seien die Umsätze dramatisch eingebrochen, so dass die Inhaber 1935 keine andere Wahl hatten, als die Fabrik an Leibfried zu verpachten und später zu verscherbeln. Alles nicht wahr, kontern die Leibfrieds. Viel hätten sie zudem investieren müssen. Der Grund: Das Gebäude sei ursprünglich gar nicht für die Textilproduktion vorgesehen gewesen. Doch stimmt das?

Nein. Nach stundenlangem Aktenstudium im Wirtschaftsarchiv in Hohenheim endlich ein Treffer. „Am 8.12.1911 verkauft an Mendel & Levy“ heißt es schlicht in einem Immobilienbuch. Nicht der Satz ist eine kleine Revolution. Sondern, wer ihn geschrieben hat: Wilhelm Bleyle. Textilhersteller, Markengenie. Der mit den Matrosenanzügen, die furchtbar kratzen. Aber für Eltern so geschickt waren, weil man die rausgewachsenen Arme und Beine zum Selbstkostenpreis anstricken lassen konnte. In der Lindenspürstraße 32 baute Bleyle 1901 eine seiner ersten Fabriken, bevor er, sieben Jahre später, schräg gegenüber eine neue errichten ließ.

Die Erfolgsgeschichte von Bleyle ging weiter: Aufträge ohne Ende, Fabrikgebäude in Brackenheim, Ludwigsburg und in der Rotebühlstraße. An Mendel & Levy erinnert sich heute niemand mehr. Dabei florierte das 1874 in Stuttgart gegründete Familienunternehmen. Kundschaft gab es weit über den Kesselrand hinaus: in Westfalen, Norddeutschland oder Luxemburg.

Spurensuche in der Schwabstraße 126

Über das Thema bin ich gestolpert. Wortwörtlich. Nicht in der Lindenspürstraße, sondern in der Schwabstraße. Dort, vor der Hausnummer 126, sind zwei Stolpersteine ins Pflaster eingelassen. Hier lebten Bernhard Schreiber und seine Frau Hedwig, die Schwester von Emil Levy. Recherchen des Historikers Wolfgang Kress für die Initiative Stolpersteine bereiten mir den Weg. Der mich schließlich zu den im Stadtarchiv verwahrten Bildern führt, die für das Projekt „Stuttgart 1942“ genutzt werden.

Ich nehme am Leben der Familien Schreiber und Levy teil. Trauere um den Bruder Max Levy, der im Ersten Weltkrieg erschossen wird. Freue mich über die gute Auftragslage in den 1920er Jahren, als Smokings, Anzugshosen, Westen und Hemden besonders gefragt sind. Bange 1939 mit der Haushälterin Klara Kurz, als Hedwig und Bernhard Schreiber gezwungen werden, ihre Wohnung zu verlassen. Und deren Silberbesteck, Schmuck und Uhren in der Pfandleihanstalt verschwinden.

Nur ein Bruchteil des Geldwerts wird überwiesen. Auf ein Konto, das für die Schreibers gesperrt ist. Klara Kurz ist mehr als eine Angestellte – sie ist eine Vertraute und kann wichtige Dokumente vor den Nazis verstecken. Im Wiedergutmachungsprozess legt sie die Fakten auf den Tisch.

Deportation nach Theresienstadt

Ich bin wie Klara Kurz fassungslos, als das Ehepaar Schreiber 1942 nach Theresienstadt deportiert wird. Und wenig später eine lapidare Nachricht von ihrem Tod im Briefkasten liegt. Ich fiebere mit Emil Levy, seiner Frau Karoline und der Tochter Ilse mit, die es 1939 in letzter Sekunde schaffen, in die USA zu fliehen. Umgerechnet kostet sie die Ausreise rund 10 000 Euro. Zu zahlen sind eine „Reichsfluchtsteuer“ von 22 526 Reichsmark, eine „Judenvermögensabgabe“ von 18 000 Reichsmark und „Vollstreckungskosten“ von 231,85 Reichsmark.

Bei meinen Stadtführungen durch den Stuttgarter Westen baue ich die Fabrik Mendel & Levy wieder auf. Ich habe das Bild von 1942 dabei: die Straße kaum belebt, das Gebäude still. Doch plötzlich, erst ganz leise, dann immer lauter, fangen die Nähmaschinen an zu sirren.

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