Ein privater Ort der Erinnerung an der Heilbronner Straße. Der knapp 16-jährige Giovanni starb dort. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Welche Erinnerung verbirgt sich hinter dem Kreuz unterhalb des Pragsattels an der Heilbronner Straße? Wer bringt jede Woche frische Blumen? Was ist dort geschehen?
Für die meisten Menschen ist es nur eine flüchtige Wahrnehmung am Straßenrand. Etwas, das kurz im Augenwinkel auftaucht, dann ist es auch schon wieder verschwunden und vergessen. Einer von vielen Orten, an denen man sich fragt, was dort wohl geschehen ist. Täglich fahren Zehntausende unterhalb des Pragsattels mit dem Auto oder der Stadtbahn stadteinwärts an der kleinen Ausbuchtung der B 27 vorbei. Nur wer länger hinschaut oder an der Haltestelle Löwentorbrücke auf die Bahn wartet, sieht dort ein Kreuz, zwei Windlichter mit brennenden Kerzen und frische Blumen. In der Weihnachtszeit dort noch ein kleines Bäumchen mit roten Kugeln. Sind die Blumen in der Vase verwelkt, werden sie durch einen frischen Strauß ersetzt. Woche für Woche ist das so.
Seit wie vielen Jahren eigentlich schon? Welche Geschichte, welches Schicksal verbirgt sich hinter diesem offenbar privaten Ort der Erinnerung? Wer bringt seit vielen Jahren wöchentlich frische Kerzen und einen neuen Blumenstrauß? Wer macht sich die Mühe? Wer trauert hier?
Nuncia und Damiano Gatta unter dem Bild ihres getöteten Sohnes. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Nuncia und Damiano Gatta sitzen an einem langen Tisch in ihrer Altbauwohnung im Stuttgarter Westen. Daran ist Platz für die große Familie, für Schwester und Schwager, Kinder, Enkel, Neffen und Nichten. 1963 ist Damiano Gatta als 15-jähriger nach Deutschland gekommen. Seine Frau folgte später. Das Paar arbeitete immer hart, um sich in Stuttgart ein Leben aufzubauen. Beide blicken ernst. Manchmal übermannt sie der Schmerz, wenn sie erzählen. Über ihnen hängt ein Bild, ein überlebensgroßes, von einem Foto abgemaltes Porträt eines zuversichtlich blickenden Jungen. „Seine Haut war nicht so dunkel“, sagt Nuncia Gatta. Sie hat das Bild malen lassen. Die 75-Jährige spricht von Giovanni. Ihrem Sohn.
Die Kerzen brennen eine Woche
An ihn erinnern das Kreuz, die Blumen und die Kerzen am Straßenrand. Auch auf dem Tisch vor dem Paar steht jetzt eine brennende Kerze. Das heutige Wohnzimmer der Familie war früher der Raum, den sich Giovanni und sein älterer Bruder teilten. Der Jüngste, ein Nachzügler, schlief damals noch im Schlafzimmer der Eltern. Irgendwo liegt der Zettel mit der Anfrage unserer Zeitung, ob sie sich zu erkennen geben und erzählen wollen, warum sie diesen Ort der Erinnerung an der Heilbronner Straße geschaffen haben.
Vater Damiano hat den Zettel mit nach Hause gebracht, als er wie jeden Sonntagmorgen die Blumen ausgetauscht und neue Kerzen angezündet hat. Die Ewigkeitslichter brennen, wenn kein Wetter sie ausbläst oder löscht, fast genau eine Woche. Seit nun schon über 32 Jahren. Die Familie hat lange überlegt, ob sie sich melden soll.
Eine eingeschworene Gemeinschaft
Der Unfall, der ihr Leben aus seinem Fundament gerissen hat, geschah in den frühen Morgenstunden des 1. Januar 1994. „Es geht nie vorbei“, sagt Nuncia Gatta. „Das hört nie auf.“ Am Neujahrsmorgen waren der knapp 16 Jahre alte Giovanni, sein zwei Jahre älterer Bruder und drei Freunde in einem Golf unterwegs. Freunde waren sie. Kumpels, Teil der katholischen italienischen Community. Gemeinsam unterwegs auf Freizeiten, in Zeltlagern oder bei der Karfreitagsprozession in Stuttgart-Bad Cannstatt. Giovanni und sein Bruder waren wie die anderen bei den Pfadfindern. Eine eingeschworene Gemeinschaft. Zusammen mit ihren beiden Cousins spielten die Brüder in einer Band, Giovanni war der Sänger und Keyboarder. Auf den Bildern aus dieser Zeit sieht man Teenager, die miteinander Spaß haben und viel lachen. Auf einem baut Giovanni einen Schneemann, auf einem anderen posiert er mit einer Freundin. Beide tragen das Pfadfindertuch um den Hals.
An diesem Abend kamen die Autoinsassen aus Feuerbach, wo die jungen Leute zusammen Silvester gefeiert hatten. Sie fuhren auf der B 27. Unterhalb des Pragsattels prallte ihr Fahrzeug gegen einen Laternenmast. Die Straße war nass, die Temperaturen lagen laut Wetterbericht an diesem Samstag deutlich über dem Gefrierpunkt. Die Polizei nannte nicht angepasste Geschwindigkeit als Unfallursache. Der 18-jährige Fahrer und Giovanni, der auf dem Beifahrersitz saß, starben noch an der Unfallstelle. Giovannis Bruder, der mit den anderen hinten saß, wachte erst zehn Tage später auf der Intensivstation des Marienhospitals aus dem Koma auf. An das Unfallgeschehen kann er sich nicht erinnern. Aber er weiß noch, dass die anderen sich um den Platz neben dem Fahrer gestritten haben. Auch Giovanni wollte endlich nach vorne, nachdem er schon länger hinten gesessen war.
Die Jungen wollten allein feiern
Vater Damiano erzählt, was er von diesen schicksalhaften Stunden in Erinnerung hat. Still und zurückhaltend berichtet er. Was wirklich war in den letzten Momenten im Leben seines Sohnes, weiß niemand. Im Fortgang des Gespräches wird er eine Ausgabe der Bild-Zeitung vom Tag nach dem Unfall aus dem Nebenzimmer holen. Fast beiläufig legt er sie auf den Tisch. Er hat sie gekauft – „zur Erinnerung“, wie er sagt – und weil ihnen niemand gesagt habe, wie der Unfall genau geschehen sei. Gatta erzählt, dass die Familie bei den Schwiegereltern und anderen Verwandten in Stuttgart-Freiberg Silvester gefeiert habe. Die Jungs wollten zu den anderen Gleichaltrigen nach Feuerbach. Er ließ sie gehen, hatte er sich doch eine Woche zuvor bei dem späteren Fahrer des Unfallfahrzeugs erkundigt, ob er auch vorsichtig fahre. Er wollte wissen, zu wem sich seine Kinder ins Auto setzen. „Sie brauchen sich keine Sorge zu machen“, beruhigte der junge Mann den besorgten Vater.
Doch dann kam die Nacht. Als die Gattas auf dem Heimweg von der Familienfeier unterwegs in Richtung Stuttgart-West waren, trafen sie in der Nähe des Robert-Bosch-Krankenhauses auf eine Polizeiabsperrung. Auf der Ausweichstrecke auf eine weitere. Damiano Gatta vermutete einen Unfall, fragte bei einem Polizisten nach, bekam aber keine Auskunft. Als sie zu Hause im Stuttgarter Westen ankamen, war die Wohnung leer, die feiernden Söhne noch nicht zurück. Als es einige Zeit später klingelte und Polizisten vor der Tür standen, bestätigen sich die schlimmsten Befürchtungen der Eltern. Damiano Gatta braucht nur ein paar Sätze, um den Abgrund aufzuzeigen, in den die Nachricht die Familie stürzte. Der eine Sohn tot, der andere schwerstverletzt. Tage später brachten Polizeibeamte die Goldkette Giovannis und seinen Geldbeutel. Die kräftige Goldkette des Bruders, eine Geschenk zur Kommunion, ist seit dieser Nacht verschwunden. Das treibt ihn bis heute um. Kam da zum Leid auch noch ein Diebstahl? Keiner kann es sagen.
Damiano Gatta fuhr am Morgen des 1. Januar 1994 ins Krankenhaus, um den Toten zu identifizieren. Seine Frau war dazu nicht in der Lage. Sie wird ihren toten Sohn erst wiedersehen, als er bereits im Sarg liegt.
Das Bild von Giovanni steht im Wohnzimmer seiner Eltern und schmückt auch sein Grab in Italien. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Während sein Bruder im Krankenhaus auf der Intensivstation ums Überleben kämpfte, organisierte die Familie die Beisetzung Giovannis in San Giovanni di Rotondo, dem Ort, aus dem sie stammt. Nuncia Gatta wollte nicht, „dass er unter die Erde kommt“. Giovanni, den alle Gianni nannten, sei ein Engel gewesen, kein Kind. Einer, der mit seinen wenigen Lebensjahren gesprochen habe „wie ein alter Opa mit 100 Jahren“. Einer, der viele Freunde hatte, Tiere liebte und Tierarzt werden wollte. Sogar die Steine liebten Giovanni, beschreibt seine Mutter seine Zugewandtheit. „Ich mache mir keine Sorgen“, habe er oft gesagt, das Leben sei so schön. „Er hat das Leben geliebt.“
Nach der Ausbildung wollte er zurück an den Heimatort der Familie – in den Wallfahrtsort San Giovanni di Rotondo. Die Beziehung dorthin ist intensiv. Den später heilig gesprochenen Padre Piu hat Nuncia Gatta als kleines Kind noch kennengelernt, wenn ihre Mutter sie zur Beichte mitnahm. Auf dem Friedhof der Stadt in Apulien fand Giovanni seine letzte Ruhe. Nicht unter der Erde sondern in einer Kapelle. Sein Sarg wurde in eine Wand eingelassen. Darunter später die Särge seiner Großeltern, die sich zu ihren Lebzeiten um das von Deutschland so ferne Grab kümmerten.
Giovanni bleibt ewig jung
In Stuttgart jedoch musste das Leben der Familie weitergehen. Nuncia Gatta ging weiter zu ihrer Arbeit im Krankenhaus. Die Angebote, in einer Trauergruppe oder bei einer psychologischen Beratung Unterstützung zu bekommen, lehnte sie ab. Für sie ist das unvorstellbar. „Ich wollte niemanden. Es ist mein Problem. Ich weiß, was ich verloren habe“, sagt sie und wischt Tränen aus dem Gesicht. Giovanni wird für sie ewig der aus dem Leben gerissene Teenager sein.
Doch zusätzlich zum Grab in Italien sollte ein Kreuz an der Unfallstelle an ihn erinnern. Ein Freund fertigte eines aus Holz an, auf dem Giovannis Name stand. Die Witterung setzte dem Holz so zu, dass Damiano Gatta beschloss, eines aus Edelstahl zu fertigen. Er arbeitete schließlich ein Leben lang als Schweißer. Das neue Kreuz ist ohne Aufschrift. Die Familie weiß, wofür es steht. „Es ist nur für uns zur Erinnerung“, sagt der Vater. Er ist der einzige in der Familie, der an diesen Ort regelmäßig kommt. Wegen des Blumen- und Kerzen-Austausches kommen muss. Alle anderen meiden die Stelle, so gut es geht. Zu groß ist der Schmerz über den Verlust noch immer.