Gesundheitsreport der AOK So gesund sind Stuttgarts Beschäftigte

Schlangen und wenig Zeit: Stresssituationen wie diese im Stuttgarter Ausländeramt belasten die Gesundheit der dort Beschäftigten. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Bundesweit melden sich Arbeitnehmer häufig krank. In Stuttgart dagegen scheinen Beschäftigte von gesundheitsfördernden Maßnahmen zu profitieren. Dennoch leidet ein Bereich besonders.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Wer krank ist, ist krank. Da sollte eigentlich keiner widersprechen. Nur über die Frage, wie schlimm die Beschwerden wirklich sein müssen, um nicht zur Arbeit zu erscheinen, wird seit Monaten wieder heftiger diskutiert. So mancher Unternehmer macht sich angesichts der steigenden Zahl an krankheitsbedingten Fehltagen Sorgen um die Wirtschaft – und ist dabei, dem Mercedes-Benz-Chef Ola Källenius zuzustimmen, der unlängst verkündet hatte: Deutsche Arbeitnehmer bleiben zu häufig krank zuhause. Noch schärfer formulierte es der Seniorchef des Textilunternehmens Trigema, der bei zu häufigem Krankmelden den Lohn kürzen möchte. Denn: „Wer krank ist, braucht auch weniger“, resümierte Wolfgang Grupp unlängst in einem Fernsehinterview.

 

Doch im Gesundheitsreport 2024, den die AOK Stuttgart-Böblingen nun aktuell vorgestellt hat, zeigt sich auch: Gerade in der Heimat von Mercedes-Benz und Trigema-Shirts haben Arbeitnehmer weitaus weniger krankheitsbedingten Fehltage als in anderen Regionen bundesweit. So liegt nach Angaben des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) Baden-Württemberg mit einem Krankenstand von sechs Prozent noch unterhalb des Bundesdurchschnitts (6,5 Prozent) und damit auf gleicher Höhe mit Hamburg. Nur Bayern hat mit 5,9 Prozent einen noch niedereren Krankenstand.

Stuttgart gesünder als Mannheim, Heidelberg und Karlsruhe

Überraschend ist auch, dass ausgerechnet in Stuttgart die Arbeitnehmer besonders gesund erscheinen: So lag der Krankenstand in Stuttgarter Betrieben im vergangenen Jahr 2024 mit 5,6 Prozent deutlich unter dem Krankenstand aller AOK-Versicherten im Land. „Stuttgart behauptet sich somit als eine der gesünderen Wirtschaftsregionen in Baden-Württemberg“, sagt Jürgen Weber, stellvertretender Geschäftsführer der AOK Stuttgart-Böblingen. Und wird dabei vom dem Landkreis Waldshut (5,1 Prozent), Bodenseekreis (5,2 Prozent), dem Landkreis Freudenstadt (5,4 Prozent) und dem Landkreis Böblingen (5,5 Prozent) übertroffen.

Es sei ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein zu spüren, sagt Sarah Kilian, Analystin des Gesundheitsberichts. So zeigen die Auswertungen der Daten von 207 330 bei der AOK versicherten Beschäftigten , dass in Stuttgart der hohe Akademikeranteil der Bevölkerung dazu führt, dass sich die Bürger mehr um ihre Gesundheit kümmern. „Vorsorgeuntersuchungen, ärztliche Kontrolltermine aber auch Angebote zur Gesundheitserhaltung werden eher wahrgenommen.“

Gesundheitsförderung auch in kleinen Betrieben

Gleichzeitig stellt sich auch ein Umdenken seitens der Arbeitgeber ein: Die betriebliche Gesundheitsförderung wird von immer mehr Unternehmen und auch kleineren Handwerksbetrieben wahrgenommen, sagt Alfred Bauser, der als Sportwissenschaftler bei der AOK diesen Bereich betreut. „Wir haben eine Vielzahl an Firmen und Betrieben, die sich an uns gewandt haben – eben um mit diesen Maßnahmen zum Gesundheitsschutz den wachsenden Fehlzeiten entgegen zu wirken.“ Allein im vergangenen Jahr habe man mehr als 1000 Maßnahmen auf den Weg gebracht – insbesondere im Bereich der psychischen Gesundheit sowie der Muskel- und Gelenkbeschwerden.

Denn das sind nach wie vor die Hauptgründe, weshalb Arbeitnehmer sehr lange ausfallen: Obwohl diese Krankheitsbilder nur 2,5 Prozent der Krankmeldungen ausmachten, verursachten sie nahezu ein Drittel (32,8) aller Fehltage. In der Fachsprache werden diese daher Langzeit-Arbeitsunfähigkeiten genannt, kurz Langzeit-AU. „Solche Krankschreibungen halten mehr als 42 Tage an“, sagt Sarah Kilian. Weshalb hier präventive Maßnahmen besonders gefordert seien.

Beschäftigte in der Verwaltung sind häufig lange krank

Dabei nimmt die AOK Stuttgart-Böblingen besonders eine Branche in den Blick: Laut Wido hatten Beschäftige der öffentlichen Verwaltung und der Sozialversicherung auch 2024 die höchsten Fehlzeiten aller Branchen. Dazu gehören nicht nur Fachangestellte, sondern auch Beschäftigte bei der Polizei, Feuerwehr und dem kommunalen Straßenbau. Sie fielen im Mittel für 7,1 Prozent des Jahres aus. Zum Vergleich: Im Jahr 2023 waren es 7,3 Prozent. Nur Bahnmitarbeiter, Taxifahrer und Busfahrer aus der Branche Verkehr und Transport kamen auf ähnliche Werte (2024: 7 Prozent, 2023: 6,9 Prozent). Den geringsten Krankenstand hatten Banken und Versicherungen mit 3,8 Prozent im Jahr 2024 (3,5 Prozent im Jahr 2023).

Was sich außerdem zeigt: „Nahezu 90 Prozent der Krankmeldungen sind Kurzausfälle, wegen denen Arbeitnehmer etwa ein bis 14 Tage zuhause bleiben, diese machen jedoch nur 46 Prozent aller AU-Tage aus“, sagt die AOK-Analystin Kilian. Zu schaffen machten Arbeitnehmern allen Branchen grippale Infekte und Atemwegsinfektionen – vor allem innerhalb der Wintermonate.

Blaumachen statt arbeiten?

Hinweise darauf, dass Arbeitnehmer sich vielleicht häufiger krankschreiben lassen, als sie es vielleicht müssten, habe die Krankenkasse bei ihrer Datenanalyse nicht feststellen können. Dass der Krankenstand in der Bevölkerung zunimmt, sei dem Wandel auf dem Arbeitsmarkt geschuldet, sagt Weber. „Wir bemerken, dass die Digitalisierung und die Personalkürzungen in vielen Branchen zu einer höheren psychischen Belastung führt.“

Auch der Kritik seitens vieler Unternehmen, dass sich jüngere Arbeitnehmer häufiger als früher eine Krankschreibung holen, widerspricht Weber: Erfahrungsgemäß verlangen die Unternehmer von ihren Auszubildenden eine Krankschreibung ab dem ersten Ausfalltag. Das führe eben dazu, dass diese auch häufiger den Arzt aufsuchen.

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