Gewalt auf Schulweg in Waiblingen Angriff auf Elfjährigen schürt große Ängste – „Nicht mehr allein zum Bäcker“

Viele Eltern wollen die Laufgruppen nun wieder begleiten oder fahren ihre Kinder zur Sicherheit mit dem Auto zur Schule (Symbolbild). Foto: Imago

Ein Schulkind aus Waiblingen wird Opfer einer Gewalttat. In vielen Familien herrscht Bestürzung, Elternvertreter berichten von Sorgen und Ängsten. Neben Panik steht Aufklärung im Fokus.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Er kennt die Ecke gut. Berufsbedingt fährt Jan Knapp nahezu täglich an der Stelle vorbei, an der am Dienstagmorgen ein Elfjähriger auf dem Weg zur Schule angegriffen und in einen Hinterhof gezerrt wurde. „Die Dammstraße, das ist quasi vor der Haustüre. Unvorstellbar, dass da so was Schreckliches passiert“, sagt Jan Knapp, der eine Tochter im Grundschulalter hat, die an die Staufer-Gemeinschaftsschule Waiblingen geht.

 

Weil er dort Elternbeiratsvorsitzender ist, weiß der 36-Jährige genau, wie groß die Bestürzung innerhalb der Familien momentan ist. „Es haben sich so viele bei mir gemeldet. Sie können es alle nicht fassen, dass so etwas im beschaulichen Waiblingen passiert, und lassen ihre Kinder seit dem Vorfall nicht mehr alleine zur Schule“, sagt Jan Knapp und fügt an, dass die Verkehrssituation vor dem Schulzentrum leider generell schwierig sei. „Die Schule versteht die Sorgen natürlich und wünscht sich, dass die Eltern ihre Kinder, wenn sie diese fahren, an der dafür eingerichteten ,Kiss & Go-Zone’ aussteigen lassen.“

„Wir brauchen selbstständige Kinder, die richtig reagieren“

Für den Familienvater ist angesichts der erschreckenden Tat wichtig, die Kinder aufzuklären und zu stärken. „Wir brauchen selbstständige Kinder, die im Fall der Fälle richtig reagieren“, sagt Jan Knapp und fügt an, dass es nichts bringe, die Kinder jetzt nicht mehr auf die Straße zu lassen. Stattdessen hätten ihm viele signalisiert, dass sie das Vorgefallene mit den Kindern in Ruhe durchsprechen und diese sensibilisieren. „Aber ich habe auch schon gehört, dass die Kids jetzt teils nicht mal mehr alleine zum Bäcker dürfen, die persönliche Betroffenheit ist angesichts der Tat einfach sehr groß.“

Der Vorfall ereignete sich am Dienstagmorgen gegen 7.30 Uhr. Der elfjährige Junge aus Waiblingen wurde in der Dammstraße auf dem Weg zur Schule von einem Mann angegangen, in einen Hinterhof gezerrt und dort bedrängt. Der Täter begann, den Jungen zu entkleiden. Zwei Frauen hörten die Hilfeschreie, griffen ein, vertrieben den Mann und verhinderten durch ihre Zivilcourage Schlimmeres.

Die Polizei verhaftet einen 20 Jahre alten Mann – er sitzt in Untersuchungshaft

Am Donnerstagnachmittag ging die Polizei nach zwei Tagen voller Angst mit neuen Details an die Öffentlichkeit. Demnach wurde am Donnerstag gegen 7.45 Uhr am Bahnhof in Waiblingen ein 20 Jahre alter Mann aus Winnenden festgenommen. Ausschlaggebend für den Ermittlungserfolg war offensichtlich, dass das geschädigte Kind den Mann wiedererkannt hat. Der Mann sitzt nun in Untersuchungshaft. Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei betonen, dass die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind.

Frank Bürkle, Elternvertreter einer fünften Klasse im Gustav-Stresemann-Gymnasium in Fellbach, weiß, dass die Festnahme wenigstens für ein kleines bisschen Beruhigung bei den alarmierten Eltern sorgt. „Die Unruhe und der Aufruhr sind riesig. Für viele war die Vorstellung, dass der Täter vielleicht an einer anderen Ecke nochmals zuschlägt, besonders schrecklich“, sagt der Fellbacher und fügt hinzu, dass aber auch ganz klar zu spüren sei, dass die Verunsicherung generell groß sei, weil klar sei, dass so was jederzeit wieder passieren könne, auch wenn der Täter jetzt gefasst sei. „Der Tenor ist deshalb auch, dass die Eltern aufklären wollen, statt Panik zu machen.“

Eltern stärken Kinder: Gefahren erkennen und richtig handeln

Keiner lasse sein Kind momentan alleine an einem einsamen Feldweg laufen, aber die meisten würden trotz allem versuchen, ruhig zu bleiben. „Es geht jetzt darum, kindgerecht und individuell auf Gefahren hinzuweisen und richtiges Verhalten zu schulen“, sagt Frank Bürkle.

Hat selbst ein Kind im Alter des Opfers: Frank Bürkle ist als Vater und Elternvertreter in Sorge und spricht von großer Unruhe in Familien. Foto: privat

Der betroffene Junge hatte mit seinem Verhalten – er machte durch lautes Schreien auf seine Not aufmerksam – zwei Frauen alarmiert, die den Täter in die Flucht schlagen konnten. Für die Elternbeiratsvorsitzenden Stefanie Gatzhammer und Marie-Luise Wertz von der Hermann-Hesse-Realschule Fellbach ein wichtiges Signal. „Wir Eltern sind wachsamer, wollen gegenüber den Kindern aber auch keine Angst verbreiten. Stattdessen ist der Tenor unter den Eltern, dass Zivilcourage eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die es zu fördern gilt, weil sie so viel bewirken und verhindern kann“, sagt Wertz und erinnert sich an einen Fall, als ein Mädchen weinend in ihrer Einfahrt gestanden habe. „Damals war es ein Problem mit dem Rad, aber es kann schnell was Schlimmeres sein. Und dann müssen wir hinschauen und reagieren.“

So sieht es auch Nathalie Gehrke, die sich als Elternvertreterin an der Anne-Frank-Grundschule in Fellbach engagiert. Die Eltern seien sehr verunsichert, weil die Tat in Waiblingen so nah am eigenen Wohnort und vor allem am Schulort der Kinder sei. „Es herrscht schon länger viel Angst vor so einer Tat. Und jetzt ist es tatsächlich passiert und quasi super nah“, sagt die 39-Jährige und fügt hinzu, dass aufgrund des Vorfalls ein großer Zusammenhalt zu spüren sei. „Die Laufgruppen werden wieder eher begleitet, und man versucht, es den Kindern zu erklären. Wichtig ist jetzt, die richtige Mischung hinzubekommen. Also die Tat einzuordnen und den Kindern Tipps zu geben, aber jetzt auch nicht nur Angst zu machen und alle Selbstständigkeit rückgängig zu machen“, sagt Gehrke, die der Vorfall selbst sehr aufgewühlt hat und die deshalb auch hofft, dass das Thema an der Schule in Form von Gewaltpräventionskursen aufgegriffen wird.

Im Gespräch mit den verängstigten Eltern sei klar geworden, dass es nun darum gehen müsse, die Kinder noch mehr zu stärken, damit sie sich im Notfall so verhalten können, wie der betroffene Junge und sich auch trauen, über Erlebtes zu sprechen. „Die Kids müssen wissen, ich darf alles erzählen, und wenn ich nein oder stopp sage, dann gilt das, und zwar immer.“

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