Eine Frau erinnert sich an eine Situation mit dem Familienvater
Was die Polizisten dann in dem Einfamilienhaus mit dem weißen Gartentürchen und dem „Herzlich willkommen“-Schild in den Pflanzentöpfen an der Haustür zu sehen bekamen, mag man sich gar nicht vorstellen. Ebenso wenig die Szenen davor, die am Ende zu drei toten Familienmitgliedern führten.
„Ich kann das nicht begreifen“, sagt eine ältere Frau, die am Montag mit ihrem Hund an dem Haus vorbeikommt und die betroffene Familie vom Gassigehen kennt. „Lauter nette Leute“, sagt sie und erinnert sich an eine Situation mit dem Vater der Familie, als dieser mit ihr vor Jahren Kaulquappen „gerettet“ habe, unten am Fluss, an der Eyach, ein Nebenfluss des Neckars.
Doch jetzt soll dieser Mann der mutmaßliche Täter für eine grausame Tat sein: Seinen Sohn und seine Schwiegermutter soll der 63-Jährige mit Schüssen getötet, seine Ehefrau und Tochter schwer verletzt und sich am Ende selbst gerichtet haben. Die Polizei geht von einem „innerfamiliären Tötungsdelikt“ und anschließendem Suizid aus, die Ermittlungen laufen. Doch ein Motiv fehlt.
Die FDP trauert um einen jungen Hoffnungsträger
Selbst Menschen, die die Familie näher kannten, können sich das Geschehene nicht erklären – so wie der Oberbürgermeister von Albstadt, Roland Tralmer (CDU). „Das hat mich völlig erschüttert, ich hätte mir so etwas überhaupt nicht vorstellen können“, sagt er am Montag. Es habe „keinerlei Krisenanzeichen nach außen“ gegeben. Noch vor ein paar Wochen hatte er per SMS Kontakt zum Familienvater, Tralmer kennt ihn seit der Kindheit, die beiden waren zusammen im Fechtsportverein. „Er war bei verschiedenen Naturschutzprojekten der Stadt engagiert und hat die kommunalpolitische Entwicklung mit positivem Interesse verfolgt. Ein netter und höflicher Mensch – was für die ganze Familie gilt“, sagt der OB.
Ebenso der Sohn, der sich bei der Gemeinderatswahl Anfang Juni für die FDP aufstellen ließ, den Einzug ins Kommunalparlament jedoch knapp verpasste. Die Liberalen trauern um einen jungen Hoffnungsträger. Der FDP-Landesvorsitzende Michael Theurer schreibt am Montag: „Der Landesverband trauert um Felix Gminder. Die tragische Tat in Lautlingen lässt sich kaum in Worte fassen. Felix Gminder war ein engagierter Liberaler, ein überzeugter und überzeugender Europäer, der auf vielfältige Art Verantwortung für sich und seine Mitmenschen übernommen hat.“ Der FDP-Kreisverband Zollernalb veröffentlicht am Vormittag ein Bild seines getöteten stellvertretenden Kreisvorsitzenden auf Instagram mit einem emotionalen Text: Felix sei ein „großer Liberaler und ein besonderer Mensch“ gewesen, „den wir sehr geschätzt haben und unglaublich vermissen werden“.
Anwohnerin: „Wissen Sie, man weiß nicht, was in den Köpfen vorgeht.“
Am Montag beschäftigt die Menschen in Albstadt vor allem die Frage nach dem „Warum?“ OB Tralmer beobachtet bei den Bürgerinnen und Bürger eine große Fassungslosigkeit. Denn die Familie war bei vielen bekannt – das lag auch an ihrem Hund, mit dem sie immer wieder unterwegs waren. „Was ist eigentlich mit dem Hund?“, möchte die ältere Frau wissen, die mit ihrem Vierbeiner am Haus vorbeikommt. Eine Anwohnerin will am Sonntag gesehen haben, wie ein Polizist diesen an der Leine hatte, eine andere berichtet, der Hund sei wohl bei Verwandten untergekommen. Die Polizei kann keine Angaben dazu machen, ob es das Tier gibt und wo es sich befindet.
Eine Anwohnerin kennt die Familie ebenfalls von Gassirunden mit ihrem mittlerweile verstorbenen Vierbeiner. Am Montag schneidet sie in ihrem Garten Schnittlauch. „Als ich das gestern gehört habe, hat mich das schon beschäftigt“, sagt sie. Der Sohn der Familie sei „so ein netter Kerle“ gewesen. Auch mit dem Vater konnte man sich gut unterhalten, erzählt die Frau, immer freundlich und nett seien sie gewesen. Aber, sagt sie eindringlich: „Wissen Sie, man sieht von außen nicht hinein, man weiß nicht, was in den Köpfen vorgeht.“
Ehefrau und Tochter werden am Montag weiter im Krankenhaus behandelt
Der Vorfall hatte am Sonntag kurzzeitig auch Teile der Stadtbevölkerung in Angst versetzt, weil es sich Medienberichten zufolge um einen Amoklauf gehandelt haben soll. Die Polizei stellt dazu am Montag klar, dass man selbst nie von einem solchen Tatgeschehen gesprochen habe. Anfangs sei die Situation zwar unklar gewesen, aber später sei deutlich geworden, dass es sich wohl um eine „innerfamiliäre“ Tat gehandelt habe.
Die Staatsanwaltschaft Hechingen und das Kriminalkommissariat Balingen ermitteln „mit Hochdruck“ an der Aufklärung. Der mutmaßliche Täter soll als Jäger mehrere Schusswaffen legal besessen haben. Ob der 63-Jährige eine dieser Waffen bei der Tat einsetzte, sei in den laufenden Ermittlungen zu klären. Die beiden schwer verletzten Frauen, die Ehefrau und die Tochter des 63-Jährigen, werden am Montag nach wie vor im Krankenhaus behandelt.