Giro d’Italia Jonas Vingegaard dominiert – und küsst und küsst und küsst

Das Ritual des Giro-Siegers: Jonas Vingegaard küsste bei jedem seiner fünf Etappensiege das auf dem Lenker seines Rades klebende Familien-Foto und seinen Ehering. Foto: Imago/Zennaro, Sirotti, LaPresse

Jonas Vingegaard gewinnt den Giro d’Italia und gehört jetzt zu den Triple-Siegern des Radsports. Zur Tour de France reist er voller Zuversicht: Dort will er Tadej Pogacar schlagen.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Viele Sportler haben Rituale, meist sind dies harmlose Gepflogenheiten. Allerdings nicht immer. Am Lenker von Jonas Vingegaard klebt ein Bild seiner Frau Trine und der beiden Kinder. Stets, wenn der Radprofi einen Sieg einfährt, küsst er kurz vor der Ziellinie nicht nur den Ehering an seiner rechten Hand, sondern auch das Foto der Familie. Das sind bewegende Momente, aber auch nicht ganz ungefährliche Situationen. Ein Schlagloch – und seine Zähne könnten beträchtlichen Schaden nehmen. Beim Giro d’Italia ging in den vergangenen drei Wochen alles gut. Obwohl Jonas Vingegaard ziemlich viel geküsst hat.

 

Der Däne stand erstmals bei der Italien-Rundfahrt am Start, und er hat das Rennen, das am Sonntag in Rom mit einem Sprintsieg des Italieners Jonathan Milan zu Ende ging, dominiert. Vingegaard (29) gewann nicht nur das Rosa Trikot, sondern auch fünf von sechs Bergankünften. Den Triumph auf der Königsetappe überließ er generös und im Gefühl des sicheren Sieges Sepp Kuss – seinem wichtigsten Helfer im Visma-Team. Es war auch ein Zeichen dafür, wie sehr Vingegaard mit sich selbst im Reinen ist. „Es lief besser, als ich es mir vorgestellt hatte“, sagte der Rundfahrtspezialist, „womöglich bin ich stärker als je zuvor.“ Die Botschaft dürfte angekommen sein – auch bei dem Konkurrenten, für den sie gedacht war.

Vingegaard überholt Pogacar in einer ganz besonderen Statistik

Tadej Pogacar ist der Superstar des Radsports, in diesem Jahr will er bei der Tour de France (4. bis 26. Juli) seinen fünften Sieg holen. Der größte Konkurrent des Slowenen wird Jonas Vingegaard sein, der Gewinner von 2022 und 2023, der jedoch auch schon dreimal Zweiter war, immer hinter Tadej Pogacar. Nach Jahren, in denen er stets das Nachsehen hatte, ist Vingegaard nun mal wieder an seinem Dauerrivalen vorbeigezogen – in einer ganz besonderen Statistik.

Überflieger: Beim Transfer am Samstag aus den Dolomiten nach Rom durfte Jonas Vingegaard neben dem Piloten Platz nehmen. Foto: Imago/LaPresse

Als erst achter Fahrer der Radsport-Geschichte hat der Däne alle drei großen Landesrundfahrten gewonnen. Wie Eddy Merckx, Bernard Hinault, Jacques Anquetil, Chris Froome, Felice Gimondi, Vincenzo Nibali und Alberto Contador triumphierte er bei Tour, Giro und Vuelta. Tadej Pogacar steht nicht in dieser Liste, ihm fehlt der Sieg in Spanien. Es gibt Experten, die deuten dieses Überholmanöver von Vingegaard als Kampfansage an den großen Tour-Favoriten. Er selbst würde so weit nicht gehen – auch wenn er sagt: „Ich bin Radprofi, und ich mag es zu gewinnen, am liebsten so viele Rennen wie möglich.“ Natürlich auch im Juli in Frankreich.

Jonas Vingegaard war beim Giro „konkurrenzlos“

Ob er dafür tatsächlich gut genug ist? Diese Frage hat der Giro nicht abschließend beantworten können. Jonas Vingegaard ist zwar klar der Beste und so überlegen gewesen, dass TV-Experte Rolf Aldag meinte: „Er war konkurrenzlos.“ Was allerdings auch daran lag, dass viele Kontrahenten fehlten.

Keiner der Radprofis, die in den vergangenen drei Jahren beim Giro das Podium erreichten, stand am Start, auch nicht Tadej Pogacar, der Sieger von 2024. Dessen UAE-Team hatte sich vorgenommen, Vingegaard zu fordern, so dass er alles geben muss, um zu gewinnen. Doch dieser Plan zerschellte schon auf der zweiten Etappe an einer Leitplanke. Nach einem Massensturz auf regennasser Fahrbahn musste das UAE-Spitzentrio Adam Yates (Gehirnerschütterung, Schnittwunden im Gesicht), Marc Soler (Beckenbruch) und Jay Vine (Ellbogenfraktur) das Rennen aufgeben. Übrig blieb Felix Gall.

Auch die Aufgabe des Österreichers war, Vingegaard zu attackieren, so dass dieser möglichst viele Körner in Italien lässt – schließlich zählt Galls Decathlon-Teamkollege Paul Seixas zu den Fahrern, die Vingegaard (und Pogacar) bei der Tour angreifen wollen. Doch dieses Vorhaben misslang ebenfalls. Felix Gall belegte zwar bei den fünf Solo-Etappensiegen von Jonas Vingegaard jeweils Rang zwei, gefährlich aber wurde er dem Dominator nie. „Jonas“, sagte Gall, der am Ende 5:18 Minuten hinter Vingegaard Zweiter der Giro-Gesamtwertung wurde, „hat hier einfach sein Ding gemacht.“ Und dabei laut Rolf Aldag auf manchen Etappen weniger Kraft gelassen als bei einer harten Trainingseinheit: „Er war mental gut drauf, sehr locker im Kopf – er hätte vermutlich noch schneller fahren können.“ Diese These belegt ein Blick auf die Wattzahlen.

Vingegaard hatte keine Probleme, auf dem Weg zu den Bergankünften 40 Minuten lang mehr als 6,5 Watt pro Kilogramm Körpergewicht zu treten. Dabei sah er nie so aus, als müsse er an sein Maximum gehen. Doch er weiß: Dieses wird er abrufen müssen, um Pogacar bei der Tour schlagen zu können. Unmöglich scheint das nicht zu sein. Zumal es so aussieht, als hätte es Vingegaard geschafft, seine Fahrweise an die Anforderungen des modernen Radsports anzupassen.

In den vergangenen zwei Jahren versuchte der Däne bei der Tour immer nur, am Hinterrad von Pogacar zu bleiben. Das mag daran gelegen haben, dass er nach seinem Horrorsturz im April 2024 bei der Baskenlandrundfahrt, nach dem er um sein Leben fürchtete, nicht in absoluter Bestform war. Es hatte aber auch mit seiner Mentalität zu tun. Nun, beim Giro, präsentierte er sich wesentlich angriffslustiger. Diese Veränderung nötigte auch der Konkurrenz Respekt ab. „Er ist einer der besten Fahrer der Geschichte“, sagte Egan Bernal, Tour-Sieger von 2019, über Vingegaard, „er kann Pogacar schlagen.“

Dann würde auch in Frankreich eifrig geküsst werden. Aller Gefahren zum Trotz.

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