Gisèle Pelicot „Das Leben ist nicht immer nachsichtig“

Gisèle Pelicot hat ihre Autobiografie „Eine Hymne an das Leben“ geschrieben. Foto: AFP

Bei verschiedenen Lesungen stellt Gisèle Pelicot derzeit ihre Autobiografie vor. Im Interview erzählt sie von Ehe, Verrat und Neuanfang.

Korrespondenten: Stefan Brändle (brä)

„Und geschminkt bin ich auch nicht!“ Mit diesem nur halb ernst gemeinten Einwand setzt sich Gisèle Pelicot (73) zum Gespräch in ihrem Hotelzimmer. Es geht um ihre soeben auf deutsch erschienen Autobiografie „Eine Hymne an das Leben“. Wie schon beim Prozess in Avignon wirkt sie sehr konzentriert und überlegt.

 

Frau Pelicot, Sie haben ein neues Zuhause auf der Atlantikinsel Ile de Ré gefunden, und dort mit einem neuen Partner das Glück wiederentdeckt. Wie haben Sie das geschafft?

Tja, ich musste mein Leben aus einem Trümmerfeld neu aufbauen, nachdem auf dem Polizeiposten alles herausgekommen war. Auch die dreieinhalb Monate Prozess in Avignon waren für mich sehr belastend. Das Leben auf der Île de Ré hat mir aber seither ermöglicht, mein Leben Schritt für Schritt neu zu konstruieren. Ich versuche, es so ruhig und friedlich wie möglich zu gestalten.

Was hat Sie dazu bewogen, Ihre Erinnerungen aufzuschreiben?

Anfangs hatte ich überhaupt nicht die Absicht, ein Buch zu schreiben. Aber ich denke, dass meine Geschichte anderen Frauen helfen kann. Ich versuche zu zeigen, dass ich trotz allem wieder aufstehen konnte, und ich möchte allen Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, eine Botschaft der Hoffnung vermitteln. Denn viele Frauen haben es noch schwerer als ich. Ich selbst musste nicht zur Polizei gehen, da mein Ex-Mann verhaftet worden war; zudem hatte ich alle Beweise in Form von Fotos und Videos. Viele Opfer müssen mit bedeutend weniger Anzeige erstatten.

Sie haben bewusst einen öffentlichen Prozess beantragt. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Sie reifte in mir während drei Jahren. So lange brauchte ich, um mir mein Leben zurückzuerobern. Die Scham hatte ich allzu lange mit mir herumgeschleppt. Im französischen Recht kann das Opfer entscheiden, ob der Prozess öffentlich ist oder nicht, und ich verzichtete auf ein Verfahren hinter geschlossener Tür. Die Öffentlichkeit sollte erfahren, was geschehen war. Das war nicht unbedingt ein Akt des Mutes, sondern der Entschlossenheit. Ich hatte den Vorteil, sehr gut begleitet zu sein – durch meine Anwälte, meine Kinder. Sie waren stolz auf mich.

Die Autobiografie von Gisèle Pelicot. Foto: AFP

Weil Sie die Scham auf die Gegenseite übertrugen, wie Sie in einem berühmt gewordenen Satz sagten?

Ich fand, man sollte wissen, wer die Angeklagten sind, sogar mit ihrem Namen. Stellen Sie sich vor, bei dem Prozess wären keine Journalisten und Zuschauer anwesend gewesen. Die Verteidigung hätte mich trotz aller Beweise gedemütigt. Eine solche geschlossene Gerichtsverhandlung ist für ein Opfer unerträglich. Daher hatte meine Entscheidung für einen öffentlichen Prozess enorme Wirkung: Heute trifft die Scham die Angeklagten.

Woher nehmen Sie Ihre Kraft?

Ich habe als Kind schwere Prüfungen erlebt – den krebsbedingten Tod meiner Mutter, andere Krankheiten, Trauer, das Leid meines Vaters und meines Bruders. Das Leben ist nicht immer nachsichtig. Ich versuche, die Würde zu wahren. Damit zeigte ich an dem Prozess, dass ich nicht aufgeben würde. Ich habe den Angeklagten und ihren Blicken standgehalten und ihnen gezeigt, dass sie mich nicht brechen können. Wobei ich wie gesagt nicht allein war; meine Anwälte, meine Kinder und Opferverbände standen mir täglich zur Seite. Man muss sich helfen lassen. Allein hätte ich es nicht geschafft.

Halfen Ihnen auch die Frauen, die Ihnen täglich vor dem Gericht applaudierten?

Ja, das war meine Rettung. Wie auch die zahllosen Briefe, die ich von Opfern aus aller Welt erhielt. Ohne sie hätte ich diesen Prozess nicht durchgehalten. Ich dachte, ich müsse nur die zwei ersten Prozesswochen dabei sein – es wurden fast vier Monate. Ich blieb, weil ich mich verantwortlich fühlte, und das nicht nur für mich, sondern für all diese Frauen, die nie gehört worden waren.

Wie haben Sie die 51 Angeklagten im Gerichtssaal erlebt?

Wie einen Block, eine Masse. Sie saßen Schulter an Schulter auf den Bänken, mit Anwälten, die wider alle Videobeweise behaupteten, es habe keine Vergewaltigung gegeben. Das war ein Prozess der Feigheit und der Verleugnung. Äußerlich sind es Männer wie alle anderen; sie stammen aus allen sozialen Schichten, sie sind ledig oder verheiratet, Väter oder alleinstehend. Aber es sind nur bestimmte Männer, die sich für das Böse entscheiden und im Internet ihren Allmachtsfantasien nachleben oder zur Tat schreiten. Man darf nicht alle Männer über einen Kamm scheren. Ich vertraue dem Mann, mit dem ich heute zusammen bin. Ein harmonisches Zusammenleben von Männern und Frauen ist möglich.

Wie ist das Verhältnis zu Ihren Kindern?

Dieser Fall war eine Explosion, die in der Familie alles zerstörte. Heute haben sich unsere Beziehungen etwas beruhigt. Mit meiner Tochter Caroline habe ich wieder Kontakt, wir telefonieren täglich. Diese Geschichte hat uns umgehauen. Jeder muss seinen eigenen Weg der Heilung finden. Wir sind auf dem Weg der Besserung, aber es braucht Zeit. Und die Narben werden bleiben.

Sie wollen Ihren Ex-Mann im Gefängnis besuchen – warum?

Ich möchte ihm in die Augen sehen und fragen: Warum dieser Verrat? Warum so viel Zerstörung? Er hat unser aller Leben verwüstet. Und ich möchte eine klare Antwort zu Carolines Inzestverdacht.

Was raten Sie Frauen, die Ähnliches wie Sie erleben?

Vor allem: sich nicht isolieren! Sprechen, sich anvertrauen, Hilfe suchen. Und wenn möglich Anzeige erstatten – auch ohne Beweise. Wichtig ist, angehört zu werden. Und auch wenn man sich nicht an die Gewaltnacht erinnert, kann man durch eine Haaranalyse nachweisen, dass man betäubt wurde. Das Wichtigste ist, nicht im Schweigen zu verharren.

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