Grandioses Konzert in Stuttgart So war’s beim ausverkauften Skunk-Anansie-Konzert

Skunk Anansie am Mittwoch im ausverkauften LKA/Longhorn in Stuttgart Foto: /Ferdinando Iannone

Skunk Anansie haben am Mittwoch in Stuttgart ein Konzert zwischen Herzschmerz, Krawall und politischen Statements gespielt. Auch nach mehr als 30 Jahren Bandgeschichte sind die Briten immer noch eine der besten Livebands: Bilder und Kritik vom Konzert im ausverkauften LKA/Longhorn.

Stadtkind: Petra Xayaphoum (px)

Dass Skunk Anansie auf Krawall gebürstet sind, wird nicht nur am Bühnenbild offensichtlich, das Drummer Mark Richardson von aggressiv in die Luft stechenden, großen schwarzen Zacken umgibt. Auf die Rückwand der Bühne wird der Körper einer großen Spinne projiziert: Anansi, die westafrikanische Spinnengottheit der Tricks und Listen.

 

Von Anfang an auf 180

Wenige Sekunden später stürmt Sängerin Skin als letztes Bandmitglied brüllend die Bühne und stimmt den 2019 veröffentlichen Riot-Song „This Means War“ an. „I’ll fight hard till I fall“ – ich kämpfe erbittert bis ich umfalle – singt sie energisch ins Mikro und man glaubt der Britin sofort jedes Wort. Die Frage „Are you ready?“ – seid ihr bereit? – ist eher rhetorischer Natur, denn das überschäumende Energielevel der Frontsängerin macht von vorneherein eines glasklar: Ob ready oder nicht, hier wird man durchs Konzert gepeitscht, bis auch die hinterletzte Reihe ready ist.

Die Wut, Kraft und mitreißende Präsenz der 57-jährigen Frontfrau der britischen Alternative-Rock-Band ist seit mehr als drei Jahrzehnten ungebrochen, kocht an diesem Mittwochabend von Titel zu Titel geradezu hoch. Sie springt von einem Ende der Bühne zum anderen, stellt sich auf den Sockel des Lautsprechers und lehnt sich ins Publikum hinein, schmeißt ihren Mikrofonständer um und stimmt anschließend die erste Ballade des Abends, „Because Of You“ an, die bei jeder anderen Band einer stimmungsmäßigen Vollbremsung gleichgekommen wäre. Aber nicht hier, nicht heute, ganz im Gegenteil. Ergreifende Songs wie „Because Of You“ oder „Secretly“ fügen sich nahtlos in die sonst angriffslustige Setlist ein, holen das Publikum jedes Mal ein bisschen weiter hinterm Ofen hervor. Und ja, die sich an jeden Titel anpassende, fantastisch orchestrierte Bühnenlichtstimmung hat damit sicherlich genauso etwas zu tun, wie die Chemie unter den Bandmitgliedern, die miteinander scherzen, kuscheln, lachen.

Politisch wie eh und je

Zwischendrin kehrt einige Minuten andächtige Stille ein. Skin hält eine ausführliche Ansprache ans Publikum, prangert die Instrumentalisierung christlicher Werte für konservative, diskriminierende Politik gegenüber Transpersonen, queeren Menschen, Menschen brauner und schwarzer Hautfarbe sowie Frauen an, erntet Beifall und Jubelrufe. Es dauert nicht mehr lang - genau gesagt bis zur Hitsingle „Weak“, die wie der ultimative Icebreaker aufs anfangs noch etwas zurückhaltende Publikum wirkt - da liegen sich Menschen in den Armen, halten Händchen, schunkeln, tanzen, headbangen, singen, springen, winken, holen die Handykameras raus (Querformat) – alles auf einmal.

Im Rausch der Euphorie

Allerspätestens als sich die 57-Jährige danach bei „I Can Dream“ ins Publikum schmeißt, in deren Mitte singt und springt, stellt sich im LKA/Longhorn ein Zustand ein, den man nur als kollektive emotionale Ausgelassenheit und Seligkeit beschreiben kann. Auch die neuen Songs des kommenden Albums „The Painfull Truth“, das am 23. Mai erscheint, „An Artist Is An Artist“, „Cheers“ sowie der bisher unveröffentlichte Titel „Anymore“ kommen beim Publikum gut an. Letzterer, mit einer doomigen Grundstimmung, verspricht ein Banger zu werden. Aber jetzt ist eh alles egal.

Nach gut anderthalb Stunden und einer ausführlichen Zugabe, inklusive „Little Baby Swastikkka“ von ihrem ersten Album „Paranoid and Sunburnt“, ist der Ritt durchs Wechselbad-der-Gefühle-Land vorbei und die teils aus entfernten Gegenden des Landes angereisten Skunk-Anansie-Fans fahren beseelt wieder nach Hause. Nachdem das letzte Konzert in Stuttgart 2022 wegen Krankheit abgesagt werden musste, hat sich das Publikum dieses bewegende Live-Erlebnis auch redlich verdient.

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