Größtes Gymnasium im Land Extremistischer TikTok-Account? Marbacher Schule erstattet Anzeige

Einige Lehrkräfte fühlen sich durch den Tiktok-Account in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Auf einem Tiktok-Account werden Lehrer mit KI-Videos verunglimpft. Wegen des mutmaßlich extremistischen Hintergrunds hat die Schulleitung Anzeige erstattet – und ruft zum Handeln auf.

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

Nach einem Vorfall mit möglicherweise extremistischem Hintergrund hat die Schulleitung des Friedrich-Schiller-Gymnasiums in Marbach Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Auslöser war ein TikTok-Account mit dem Namen „FSG Agartha“, der in der vergangenen Woche online gegangen war und inzwischen gelöscht wurde. Schulleiter Volker Müller sieht den Vorfall als Spitze des Eisbergs, fordert Schutzräume ohne Handys und spricht sich für ein Social-Media-Verbot nach dem Vorbild Australiens aus.

 

Doch was ist passiert? Nach Angaben der Schule wurden über mehrere Wochen auf dem TikTok-Account „FSG Agartha“ Lehrkräfte mit KI-modifizierten Bildern und Videos herabgewürdigt. Besonders problematisch sei der ideologische Hintergrund der Inhalte. Der Name „Agartha“ steht für einen mystisch-fiktiven Ort, der in rechtsextremen Kreisen im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie als angebliches „arisch geprägtes Weltzentrum“ gedeutet wird.

In den Videos wurde angeblich dargestellt, welche Lehrkräfte symbolisch Zugang zu dieser fiktiven Welt hätten und welche nicht. Begleitet werde dies, so die Schulleitung, von antisemitischer und extremistischer Bildsprache. Angeblich sollen unter anderem ein Hakenkreuz sowie der Schulleiter mit Stahlhelm vor einer Israelflagge zu sehen gewesen sein.

Die Schule habe den Vorfall sofort zur Anzeige gebracht, was die Polizei bestätigt. Einige Lehrkräfte hätten sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt gefühlt, strafrechtlich relevante Inhalte seien auf dem TikTok-Kanal jedoch nicht offenkundig erkennbar gewesen, so eine Polizeisprecherin.

Obwohl der Kanal gelöscht wurde, liegen der Polizei offenbar Beweisvideos vor. Der Sachverhalt wurde aufgenommen und an die Staatsanwaltschaft übersandt. „Ein konkreter Tatverdacht besteht nicht“, so die Polizeisprecherin.

Teil eines größeren Problems

Die Schulleitung reagierte nicht nur mit einer Anzeige, sondern auch mit einem Schreiben an die Eltern. Viele Schülerinnen und Schüler unterstützten solche Accounts durch Likes, Kommentare oder das Weiterverbreiten von Inhalten, oft ohne deren Hintergründe zu kennen.

Es gehe nicht nur um diesen Einzelfall, sagt Müller im Gespräch mit dieser Zeitung. Er mache sich zunehmend Sorgen über den Einfluss von Handys und Plattformen auf die Gesundheit der Jugendlichen und das Miteinander an der Schule.

Das FSG sei ein Schutzraum, in dem jede Individualität respektiert werde, sagt Müller. „Und kein Ort, in dem man in ständiger Angst leben muss.“ Dieser Schutzraum werde im digitalen Raum jedoch immer wieder durchlöchert – durch Beleidigungen in WhatsApp-Chats, verletzende Memes und verunglimpfende KI-Videos. Davon seien Schülerinnen und Schüler ebenso betroffen wie Lehrkräfte.

Auch früher habe es Beleidigungen und Streiche gegeben, so Müller. „Die konnten am Nachmittag mit Freunden oder der Familie jedoch abgearbeitet werden.“ Durch die digitale Vernetzung seien Schüler und Lehrer heute jedoch ständig diesen Eindrücken ausgesetzt, eine Pause gebe es kaum noch.

Zahlreiche Studien zeigen, dass eine verantwortungsvolle Nutzung digitaler Medien Vorteile haben kann, gleichzeitig aber ein Zusammenhang zwischen intensiver Handynutzung und Problemen wie Schlafstörungen, Depressionen, Angstzuständen, Stress und Konzentrationsschwierigkeiten besteht. Hinzu kommen Risiken wie Cybermobbing, Ausgrenzung und sexuelle Übergriffe.

Jetzt braucht es Schutzräume

Am FSG wird laut Müller bereits versucht, vor allem in der Unterstufe handyfreie Zonen zu etablieren – also Zeiten und Räume, in denen bewusst auf digitale Geräte verzichtet wird. „Manche Schüler empfinden das als sehr entlastend – nicht ständig das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen.“ Ein generelles Handyverbot gibt es am FSG jedoch nicht. In Baden-Württemberg existiert derzeit kein entsprechendes Gesetz, Schulen können jedoch ein grundlegendes Nutzungsverbot festlegen.

Müller wünscht sich einen klaren rechtlichen Rahmen, der den Schulen zugleich pädagogische Freiräume lässt. „Wir verbieten Rauchen und Alkohol für Minderjährige. Gleichzeitig wissen wir, dass auch Handys gefährlich sein können und süchtig machen – Verbote gibt es jedoch nicht.“ Auch das australische Modell, Social-Media-Plattformen für unter 16-Jährige zu verbieten, bewertet Müller positiv. Es wäre eine Entlastung und hätte einen positiven Effekt auf das soziale Miteinander an den Schulen.

Das FSG setzt aber nun erst einmal weiterhin auf die Bildung rund um das Thema. In allen Klassenstufen sollen in den kommenden Wochen Themen wie Extremismus, manipulative Inhalte und KI-gestützte Bildbearbeitung behandelt werden.

Zudem ist für die Elternabende der Klassen fünf bis sieben ein verbindlicher Vortrag zu rechtlichen Grundlagen und Risiken sozialer Medien geplant. Ziel sei es, die Schulgemeinschaft für versteckte Einflussnahmen zu sensibilisieren und die freiheitlich-demokratischen Werte der Schule zu schützen.

Was steckt hinter Agartha?

Verschwörungsmythos
Der fiktive Ort Agartha hat seinen Ursprung in esoterischen und okkulten Vorstellungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Der Mythos beschreibt Agartha als ein angeblich im Inneren der Erde gelegenes Reich. Ein konkreter Ort oder Zugang ist nicht belegt; in Verschwörungserzählungen wird der Eingang häufig im Himalaja verortet. Agartha gilt in diesen Erzählungen als hoch entwickelte Zivilisation mit überlegenen wissenschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Fähigkeiten. Zugang zu diesem Reich sollen nur „Auserwählte“ haben.

Internet-Trend
Aktuell taucht der Agartha-Mythos vor allem als Social-Media-Trend auf – insbesondere in rechtsextremen, antisemitischen und verschwörungsideologischen Milieus. Dort wird er teils mit völkischen Vorstellungen verknüpft und im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie als angebliches „arisches Weltzentrum“ umgedeutet. Ob die Betreiber des FSG-Agartha-Accounts selbst an den Mythos glauben oder sich lediglich eines verbreiteten Online-Trends bedient haben, ist unklar.

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