Großbrand in Korntal-Münchingen Ein Anschlag auf die jüdische Kultur Korntals?

Die Fahnen wehten auf den Gebäuden des Unternehmens von Paul Link. Foto: StZN/KS-Images.de/Andreas Rometsch

Die Stadt vor den Toren Stuttgarts ist über die evangelische Brüdergemeinde eng mit Israel verbunden. Eine Verbindung, die schon Jahrhunderte währt.

Ludwigsburg: Franziska Kleiner (fk)

In Korntal stößt der Besucher immer wieder auf Verbindungen zu Israel. Ob im Saalgarten, ob in der Ortsmitte in der Nähe zum Rathaus, die Bezüge sind vielfältig. Die Motivation ist stets die selbe, religiös begründet und eng mit der evangelischen Brüdergemeinde verknüpft.

 

Daher wird derzeit geprüft, ob es einen Zusammenhang von dem Brand in einem Baustoffhandel und den Verbindungen Korntals nach Israel gibt. Die Familie des Seniorchefs des Unternehmens, Paul Ulrich Link, ist eng mit der Brüdergemeinde verbunden, er gehörte viele Jahre dem Brüdergemeinderat an. Sein Firmengelände war am Sonntagfrüh in Flammen aufgegangen. Ein antisemitischer Anschlag wird nicht ausgeschlossen.

Wie die Brüdergemeinde den Pietismus prägte

Die Geschichte der Brüdergemeinde Korntal beginnt 1819, als sie als eine pietistische Gemeinde nach dem Vorbild neutestamentlicher Gemeinden gegründet wurde. Ziel war es, Familien aus Württemberg eine freie Religionsausübung zu ermöglichen. Die Gemeinde wurde auf Vorschlag des Leonberger Notars und Bürgermeisters Gottlieb Wilhelm Hoffmann durch König Wilhelm I. von Württemberg genehmigt. Korntal wurde ihnen dafür als Ort zugewiesen. Heute gilt die Stadt vor den Toren Stuttgarts deshalb als Keimzelle des württembergischen Pietismus, in dem die Bibeltreue ein zentrales Element ist.

Die Verbindung mit Israel begründet die Brüdergemeinde selbst so: „Das Christentum habe die gleichen Glaubenswurzeln wie das Judentum und das Volk Israel sei das auserwählte Volk Gottes. Für uns als Menschen, die an den Gott der Bibel glauben, sind das zwei zentrale Beweggründe, weshalb wir das reiche religiöse und kulturelle Erbe des Judentums bewahren möchten.“

Erste Kleinstadt, die im Wald deutscher Länder pflanzte

Zum Ausdruck kommt das auf vielfältige Weise, um „ein Zeichen der Verbundenheit zwischen Christen und Juden“ zu setzen. Nach dem Holocaust sei es den Gläubigen aber genauso wichtig, die Freundschaft zwischen Israel und Deutschland aktiv zu gestalten.

Am Sonntag waren Wehren aus dem ganzen Umland auf dem Geländer der Korntaler Baustofffirma im Einsatz. Foto: KS-Images.de / Andreas Rometsch

Zwei Jahre später, 1999, war Korntal-Münchingen die erste Kleinstadt in Deutschland, die einen eigenen Forst im sogenannten Wald deutscher Länder in Israel pflanzte. Im Jahr zuvor hatten die Evangelische Brüdergemeinde und die Stadt Korntal-Münchingen mehr als hunderttausend Mark gesammelt, um 5000 Bäume zur Urbarmachung der israelischen Wüste zu spenden. Mit dem auch staatlich geförderten Projekt sollten Teile der Negev-Wüste durch die Anpflanzung verschiedener Baumsorten wieder bewohnbar gemacht werden. Um das Projekt zu finanzieren, sammelt der Jüdische Nationalfonds weltweit Geld in der ganzen Welt. Der damalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Johannes Rau, hatte 1991 den ersten Baum für den „Wald der deutschen Länder“ gepflanzt.

In Korntals Saalgarten hinter dem Großen Betsaal der Brüdergemeinde wurde im Jahr 2000 ein Gedenkstein in Verbundenheit mit Israel aufgestellt. Dieser war aus Jerusalem-Stein gehauen und per Schiff nach Deutschland gebracht worden. Im „Korntal-Münchinger Wald“ bei Be´er Scheva steht sein Pendant.

Die Korntal-Münchinger machen selbst nicht viele Worte um das Miteinander von Nationen, Kulturen, Religionen im Ort, es ist Teil ihres Selbstverständnisses. Darauf verweist auch der Bürgermeister Alexander Noak (parteilos), der nach dem Brand auf dem Betriebsgelände des Baustoffhändlers Link sagt: „Falls sich die Vermutung einer Brandstiftung aus politischen Gründen bestätigen sollte, wäre dies eine erschreckende und äußerst traurige Nachricht für unsere bekanntlich tolerante und weltoffene Stadtgesellschaft Korntal-Münchingens.“

Weitere Themen