Die alten Gebäude der IBM-Zentrale aus dem Jahr 1972 sollen erhalten werden, so der bisherige Plan. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Der ehemalige Deutschlandsitz des Computergiganten ging bereits durch mehrere Hände. Nun will ein Unternehmen aus der Schweiz einsteigen und Wohnungen bauen.
Konstantin Schwarz
10.11.2025 - 17:00 Uhr
Dem seit 16 Jahren leer stehenden IBM-Areal im Stadtbezirk Vaihingen könnte bald neues Leben eingehaucht werden. Seit 2020 zählt die Liegenschaft mit der Hausnummer 100 in der Pascalstraße zum Portfolio der in heftiges Schlingern geratenen Adler-Group. Diese hatte angekündigt, sich von allen Projektentwicklungen zu trennen und sich künftig auf ihren Wohnungsbestand in Berlin (17.600 Einheiten) konzentrieren zu wollen.
Jüngst konnte Adler den Tower in Fellbach losschlagen, in Hamburg fand das Projekt Holsten Quartier (87.000 Quadratmeter, ehemalige Brauerei) einen neuen Eigentümer. Nun scheint das IBM-Areal an der Reihe zu sein.
Als Rettungsanker sah Adler in den vergangenen Jahren auch die Landeshauptstadt selbst mit ihren ambitionierten Wohnbauplänen – oder das Land, das das Areal für eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge begutachtet hatte. Trotz häufigem Klinkenputzen im Rathaus fand man allerdings bisher nicht zusammen, die Stadt blockierte letztlich sogar die Entwicklung eines neuen Bebauungsplans mit 2000 Wohnungen für bis zu 5000 Menschen – gerechnet wird mit einer Investitionssumme von einer halben Milliarde Euro. Das würde den Wert des rund 20 Hektar großen Gewerbegebietes, in dem die Büroblöcke Moos ansetzen und auf den Parkplatzetagen der Beton bröckelt, nach oben treiben.
Projekt sollte Teil der Internationalen Bauausstellung IBA in der Region Stuttgart werden
Ein Architektenwettbewerb aus dem Jahr 2016, noch vom Vorbesitzer Gerch-Group ausgelobt, sieht ein „Schleifenhaus“ als Art bewohnbare Lärmschutzwand für die weitere Wohnbebauung zum lärmigen Autobahnkreuz (A8/A831) hin vor. Um einen zentralen künstlichen See gruppieren sich, so die weichgezeichnete Vision, von üppigem Grün umgebene Wohnhäuser. Insgesamt waren 194.000 Quadratmeter neue Gebäudefläche vorgesehen. Das Projekt sollte Teil der Internationalen Bauausstellung in Stuttgart und der Region 2027 werden.
Stadt Stuttgart hat kein Geld für den Kauf des Areals
Aus städtischer Sicht sollen die Verhandlungen bisher an den Preisvorstellungen des in Luxemburg beheimateten Konzerns gescheitert sein. Der hatte dem Vernehmen nach einen dreistelligen Millionenbetrag aufgerufen, was wohl als eine Stelle zu viel vor dem Komma angesehen wird. Angesichts der Haushaltsmisere müsste die Stadt aber auch bei adäquatem Millionen-Kaufpreis inzwischen den Kopf schütteln. Im Haushalt sind unter dem Stichwort Immobilien über mehrerer Jahre Deinvestitionen geplant, also mehr Verkauf als Zukauf.
Unternehmen wurde 2021 gegründet – und ist kein Unbekannter in Stuttgart
Adler scheint nun mit einem Interessenten nahezu handelseinig, der für die Landeshauptstadt kein Unbekannter ist. Es handelt sich um die Nokera AG mit Sitz in Rüschlikon in der Schweiz. Das Unternehmen wurde erst 2021 als Start-up gegründet, erreichte aber schnell eine Bewertung von über einer Milliarde Dollar. 2023 übernahm der Holzhausbauer Nokera den Klimatechnikspezialtisten R+S-Grupp in Fulda. Der Umsatz stiegt um 365 auf 500 Millionen Euro, die Mitarbeiterzahl von 1000 auf 4000. Im Juli 2025 trennten sich die Firmen wieder.
Serieller Holzfertigbau und Zusammenarbeit mit SWSG in Stuttgart
Nokera betreibt nahe Magdeburg eine große Fabrik für den seriellen Wohnhausbau in Holz. Nach eigenen Angaben könnten dort pro Jahr bis zu 30.000 Wohneinheiten montiert werden. Mit der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft SWSG erarbeite Nokera nach einer gewonnenen Ausschreibung ein Punkthaus (Grundfläche 144, Höhe neun Meter) für sechs Parteien. Es soll gezielt dem Mangel an Wohnungen im urbanen Raum begegnen. Mit dem Konzept, so SWSG-Geschäftsführer Samir M. Sidgi in einer gemeinsamen Pressemitteilung, ließen sich „in kurzer Zeit die vorhandenen Grundstückspotenziale im Bestand zu nutzen – ohne dafür zuvor Wohnungen abreißen zu müssen.“ In diesem Jahr gewann Nokera den Deutschen Nachhaltigkeitspreis.
Ein Beispiel für die Holzfertigbauten des Unternehmens. Foto: Nokera AG
Nokera will am kommenden Dienstag in öffentlicher Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung und Technik seine Vorstellungen für das frühere IBM-Gelände präsentieren. Am nächsten Tag zeigen die Unternehmensvertreter im Bezirksbeirat Vaihingen (18 Uhr in der Alten Kelter) unter dem Punkt „Entwicklung Eiermann-Campus“ ihren „Vorschlag zur weiteren Wohnbebauung“. Bis zur Sitzung wolle man zu Fragen keine Stellung nehmen, so ein Unternehmenssprecher auf Anfrage unserer Zeitung. Eine Sprecherin der Adler-Group teilte mit, man habe „Exklusivität mit einem Partner vereinbart“, daher könne man „keine Angaben machen“.
Innenentwicklungsmodell schreibt in Stuttgart Quote für geförderten Wohnraum vor
Auf dem alten IBM-Gelände greift bei einer Änderung des Bebauungsplanes das Stuttgarter Innenentwicklungsmodell (SIM), welches eine Quote von 40 Prozent für geförderten Wohnraum vorsieht. Dabei müssen überwiegend Sozialmietwohnungen entstehen, deren Nettokaltmiete 40 Prozent unter der ortsüblichen Vergleichsmiete liegt. Die Bindungsfrist beträgt 30 Jahre. Durch SIM soll ein Planungsgewinn durch einen neuen Bebauungsplan teilweise abgeschöpft werden. Ein Drittel dieses Gewinns darf beim Eigentümer verbleiben.