Großfamilie aus Stuttgart Abenteuer Großfamilie: Sieben Kinder unter einem Dach

Sind täglich füreinander da: (v.l.n.r.)Bedri Bajgora mit Baby Anur, Arianit, Engjellina, Lejla, Egzona Bajgora mit Ardian, Feride und Englell. Foto: Lichtgut

Von Stress keine Spur: Bedri und Egzona Bajgora haben sieben Kinder und bleiben dennoch gelassen. Zusammenhalt und das Gefühl füreinander da zu sein sind allen wichtig.

Freizeit und Unterhaltung: Dominika Bulwicka-Walz (dbw)

Sieben Kinder bedeuten doch Stress, oder? Insbesondere dann, wenn zwischen Pubertät und Babyalter alle Lebensphasen eingeschlossen sind. Wer allerdings Egzona Bajgora sieht, würde nicht von Stress sprechen. Egzona Bajgora, eine freundliche Frau, die viel Ruhe ausstrahlt, ist siebenfache Mutter. In einem eleganten schwarzen Kleid sitzt die 34-Jährige auf einem Stuhl, hält abwechselnd den sechs Monate alten Anur und den zweijährigen Ardian auf dem Schoß und lässt sich von gelegentlichem Quengeln überhaupt nicht aus dem Konzept bringen, sagt stattdessen: „Ich bin eine große Familie gewöhnt und es ist schön“.

 

Wer das Haus der Familie Bajgora betritt, sieht am Eingang aufgereihte Schuhe in allen Größen. Über eine Treppe kommt man in eine gemütliche, picobello aufgeräumte Wohnung, wo helle Farben dominieren, läuft über flauschige Teppiche, auf den Sofas im Wohnzimmer liegen kuschelige Überwürfe. Die Wohnung der Bajgoras ist ein Wohlfühlort für die ganze Familie. Zur Familie zählen neben den Eltern Egzona und Bedri Bajgora auch die sieben Kinder: Engjell ist 13, Feride zwölf, Engjellina wird zehn, Lejla acht, Arianit ist vier, Ardian zwei und der jüngste Bruder Anur sechs Monate alt.

Ein Gefühl der Gemeinschaft

Sowohl Bedri als auch Egzona Bajgora stammen selbst aus Großfamilien. Er hat vier Brüder und drei Schwestern. Egzona Bajgora ist mit elf Geschwistern aufgewachsen. Beide sind gebürtige Kosovo-Albaner und als sie 2011 im Kosovo ihre Hochzeit feiern, sind über 1000 Gäste anwesend. Für beide ist schnell klar: Auch sie wollen eine große Familie. Nur ein Kind zu haben, das war für beide kaum vorstellbar.

Was aber ist so besonders daran, in einer Großfamilie aufzuwachsen? Bedri Bajgora denkt einen Augenblick nach und bringt es auf den Punkt: „Es ist das Gefühl der Gemeinschaft und füreinander da zu sein.“ Ein enger Zusammenhalt der Familien sei beiden wichtig. Dazu gehöre es auch, dass man einen engen Kontakt zur Familie habe. So telefoniert Bedri Bajgora täglich mit seinen zwei Schwestern, die in der Nähe wohnen. Seine Töchter spielen mit ihren Cousinen Basketball im Verein, wohin sie auch gemeinsam hinfahren. Und selbstverständlich kennt man die Familienmitglieder; das sind wohlgemerkt mehr als 200 Personen.

Früher Start am Morgen

Der Tag von Bedri Bajgora beginnt früh. Sehr früh. Der Familienvater steht um halb Fünf morgens auf. Zu seinem täglichen Morgenritual gehört das Beten und ein Sportworkout. Dann nimmt er sich noch etwas Zeit zum Durchatmen, bevor der morgendliche Trubel gegen sechs Uhr losgeht.

Wenn Bedri Bajgora beruflich ein Projekt betreut, verlässt er das Haus bereits um sechs und kann seiner Frau bei den Vorbereitungen für Schule und Kindergarten nicht helfen. „Dann muss meine Frau das alleine machen.“ Gänzlich alleine muss sie es zum Glück doch nicht machen: Die älteren Kinder machen nicht nur sich selbst für den Tag fertig, sie helfen auch dabei die kleineren Geschwister fertig zu machen. Um spätestens halb neun, wenn Egzona Bajgora die Jüngsten mit dem Auto in den Kindergarten fährt, haben alle das Haus verlassen.

Für Egzona Bajgora geht der Tag dann richtig los. Die Kinder räumen ihre eigenen Zimmer auf und helfen mit, aber sie kümmert sich größtenteils um die Ordnung in der 170 Quadratmeter großen Wohnung, die auf zwei Stockwerke verteilt ist. Sie wäscht Unmengen an Wäsche, die Maschine laufe praktisch ununterbrochen. Der große Wocheneinkauf, bei dem zwei Einkaufswagen voll werden, findet zwar immer freitags statt, unter der Woche müsse aber doch noch immer mal wieder etwas besorgt werden. Sie kocht die großen Essensportionen für neun Familienmitglieder, eines der Lieblingsessen der Kinder ist Pide, und man sitzt gemeinsam am glänzenden Holztisch im Wohnzimmer. Sind die Kinder abends im Bett, haben die Eltern etwas Ruhe und Zeit für sich. Erst gegen Mitternacht oder womöglich sogar später endet der lange Tag für sie.

Egzona Bajgora ist eher der Mensch, der den Tag so nimmt, wie er kommt. Anders ihr Ehemann: „Ich mag es zu planen. Das geht nicht immer auf, aber es macht die Dinge doch einfacher.“ Davon zeugt auch seine berufliche Laufbahn: Bedri Bajgora hat zunächst eine Lehre zum Spezial Straßen- und Tiefbaufacharbeiter im Sauerland gemacht. Anschließend ist er nach Stuttgart gezogen, hat in Reutlingen seinen Meister 2018 erworben und hat sich mit einem eigenen Betrieb selbständig gemacht. Die Selbständigkeit gibt dem 34-Jährigen heute die Möglichkeit flexibler zu reagieren, wenn er Daheim gebraucht wird. Wenn gerade keine Baustelle ansteht, wartet Arbeit im Büro auf ihn, das er in seiner Wohnung hat.

An einem Freitagnachmittag, alle sind nach Schule und Kindergarten wieder daheim, herrscht viel Leben in der Wohnung: Während der 13-Jährige sich alleine zu beschäftigen weiß, entdecken der zweijährige Ardian und sein vierjähriger Bruder Arianit die Süßigkeitendose und können beim Anblick der Bonbons nicht widerstehen. Feride sitzt im gemütlichen Sessel, nimmt ihren sechs Monate alten Bruder zu sich, hält ihn liebevoll auf dem Arm und erzählt von sich selbst: „Ich liebe Sport“, antwortet die Zwölfjährige auf die Frage nach ihrem Lieblingsfach in der Schule. Sie erzählt davon, dass sie einige Zeit lang Tennis trainiert hatte, jetzt aber lieber Basketball spielt und gerne ein Praktikum bei einer Kosmetikerin machen würde.

Sieben Kinder bedeuten tatsächlich viele unterschiedliche Interessen. „Es ist manchmal schon richtig schwer“, sagt Bedri Bajgora und meint damit, dass es durchaus herausfordernd sein kann Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Wird man womöglich mit jedem Kind gelassener? „Ich glaube schon“, sagt Bedri Bajgora und Egzona Bajgora pflichtet ihm bei. Es sei den Eltern zwar ein großes Anliegen, die Kinder möglichst früh selbständig werden zu lassen. Dennoch gibt es Bereiche, an denen die Eltern unbedingt aktiv teilhaben wollen. Im Fall des Ältesten beispielsweise, ist es der Fußball.

Große Leidenschaft für Fußball

Der 13-jährige Engjell ist ein begeisterter Fußballspieler. Das sei der Junge schon immer gewesen. Eine Leidenschaft, die er mit seinem Vater teilt. Engjell betreibt die Disziplin mittlerweile sogar als Leistungssport in der U14 Mannschaft des FC Esslingen. An rund vier Tagen in der Woche geht er zum Training, an den Wochenenden stehen Turniere an. Und sein Vater ist, soweit er es einrichten kann, immer mit dabei. Augsburg, Ravensburg, Karlsbad, an zahlreiche Orte hat er seinen Sohn an den Wochenenden bereits zum Turnier gefahren und am Spielfeldrand mitgefiebert. „Ohne Fußball kann ich mir das Wochenende gar nicht mehr vorstellen“, sagt der 34-Jährige lachend und man merkt ihm die Begeisterung für den Sport an.

Und was ist für die Familie Glück: „Wenn man zufrieden und gesund ist“, sagt Egzona Bajgora. Bedri fügt hinzu: „Wir sind dankbar für alles, Nächstenliebe ist wichtig und ich will das Beste aus mir rausholen. Ich liebe es, wenn man alles gibt.“

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