Großprojekt im Kreis Ludwigsburg Windpark in Eberdingen geplant – mit Windrädern nur für Bürger und die Gemeinde

Wie hier auf der Schwäbischen Alb könnte auch bei Eberdingen ein Windpark mit mehreren Anlagen entstehen. Foto: Imago/Arnulf Hettrich)

Eberdingen (Kreis Ludwigsburg) will ein riesiges Windkraftgebiet in Eigenregie entwickeln. Doch dazu müssen die Flächenbesitzer mitspielen, denen Investoren den Kopf verdrehen.

Rund um die Gemeindehalle in Nussdorf war am Donnerstagabend alles zugeparkt. Selbst in den vom Dauerregen aufgeweichten Wiesen am Wegesrand reihte sich Karosse an Karosse. Mehrere Hundert Besucher waren in den Eberdinger Ortsteil geströmt, um bei einer Infoveranstaltung erstmals Genaueres zu einem Thema zu erfahren, das historische Dimensionen hat, aber auch eine Menge Zündstoff in sich bergen könnte: Die Gemeinde möchte im Westen der Gemarkung einen großen Windpark entwickeln. Platz für bis zu drei Anlagen sollen dabei für eine örtliche Bürgergenossenschaft reserviert werden.

 

Das Areal ist vom Verband Region Stuttgart als Vorrangfläche für Windkraft auserkoren worden. Der Bau von Windrädern ist auf dem rund 180 Hektar großen Terrain also grundsätzlich erlaubt, kann von der Gemeinde nicht mit einem Veto verhindert werden.

Welche Konsequenzen das haben kann, zeigt sich aktuell in Wiernsheim im Enzkreis. Direkt an der Grenze zu Eberdingen befindet sich dort im Ortstteil Iptingen ebenfalls ein Gebiet, in dem Windräder privilegiert sein sollen. Investoren hätten bereits die Besitzer der Grundstücke umworben, sagte der Wiernsheimer Bürgermeister Matthias Enz bei der Infoveranstaltung. Er habe das Heft des Handelns jetzt „nur noch teilweise in der Hand“, fasste Enz sein Problem zusammen.

Gemeinde will Wertschöpfung vor Ort halten

Der Eberdinger Bürgermeister Carsten Willing möchte das Heft des Handelns in Sachen Windkraft nicht aus der Hand geben. Foto: Archiv (Jürgen Bach)

Ein Schicksal, das sein Eberdinger Pendant Carsten Willing unbedingt vermeiden will. Die Gemeinde strebt an, sich alle Grundstücke in dem Vorranggebiet zu sichern. Die Verhandlungen mit den Eigentümern führt im Auftrag der Kommune das Unternehmen Schweizer-Honold-Energiesysteme (SHE). Gestalten sich die Gespräche erfolgreich, soll eine Projektgesellschaft gegründet werden, um einen Windpark bauen zu lassen und zu betreiben. Die genaue Rechtsform müsse noch geprüft werden, man betrete absolutes Neuland, sagte Willing. „Ich kenne ehrlicherweise keine Gemeinde, die das in dieser Form umsetzen möchte“, erklärte er. „Ziel ist, die Wertschöpfung vor Ort zu halten“, betonte der Rathauschef.

Noch unklar ist, wie viele Windräder in dem Areal bei Nussdorf montiert werden könnten, das im Regionalplan unter dem Namen LB-11 vermerkt ist. Theoretisch wären 13 Anlagen technisch machbar und rechtlich möglich, verkündete Michael Schweizer von SHE – und löste damit ein starkes Raunen bei den Zuhörern in der Gemeindehalle aus. Er stellte aber sofort klar, dass so viele Windräder auf keinen Fall geplant seien. „Das wäre eine Überlastung und nicht sinnvoll“, sagte er.

Man müsse den Eberdinger Windpark in einem Paket mit den Plänen im angrenzenden Wiernsheim sehen. „In beiden Gebieten zusammen werden es insgesamt nicht mehr als zehn Windräder“, beteuerte Schweizer, dessen Firma seit vielen Jahren vergleichbare Projekte begleitet und umsetzt.

„Wir zahlen keine Kampfpreise, aber eine faire Pacht aus unserer Sicht.“

Michael Schweizer, Schweizer-Honold-Energiesysteme

Man strebe einen Mindestabstand von 900 Metern zur Siedlung und von 700 Metern zu Aussiedlerhöfen an, mehr als zwingend nötig. Zwischen den einzelnen Anlagen wolle man zudem einen großzügigen Puffer einplanen, auch, damit diese effizienter liefen. In den Wald wolle man zudem so wenig wie möglich eingreifen. Mit diesen Rahmenbedingungen und nach Einigung mit den Grundstückseigentümern wolle man eine Planung anfertigen und Standorte festzurren, erklärte Schweizer.

Parallel muss die Gemeinde darauf hoffen, dass die Eigentümer der Flächen mitspielen, nachdem sich nur etwa die Hälfte des Vorranggebiets in kommunaler Hand befindet. Ein Problem wird unter Umständen sein, dass konkurrierende Investoren offenbar mit Angeboten hausieren gehen, die den Besitzern den Kopf verdrehen könnten.

Über den Pool der Gemeinde sollen pro Windrad und Jahr dem Vernehmen nach rund 70.000 Euro an Pacht ausgeschüttet werden. Entlohnt werden soll jeder Eigentümer in dem Vorranggebiet. Pro Hektar ist wohl mit 1700 bis 2500 Euro zu rechnen, wobei es Zuschläge geben soll, wenn sich auf einem Grundstück tatsächlich ein Windrad dreht oder für den Bau dort gegraben werden muss. Die Angebote von Investoren sollen sich indes bei einer Summe von 160.000 Euro pro Windrad bewegen. „Das können wir im Unterschied zu vielen anderen privaten Investoren, die das Doppelte und Dreifache aufs Papier geschrieben haben, nicht bieten“, stellte Carsten Willing klar.

Der Bürgermeister hält solche Summen für „utopisch“ und „nicht tragfähig“. Viele Kandidaten würden dann aus wirtschaftlichen Gründen schlicht nicht bauen können, ergänzte Michael Schweizer. „Wir zahlen keine Kampfpreise, aber eine faire Pacht aus unserer Sicht“, betonte er.

Wie man hört, scheint das Modell der Gemeinde gute Chancen zu haben und bei den Eigentümern zumindest nicht auf offene Ablehnung gestoßen sein. Vertragsentwürfe liegen den Eignern vor. Die Kommune wartet nun den Rücklauf ab und welche etwaigen Änderungswünsche es gibt.

Genossenschaft rechnet mit Rendite von vier bis sechs Prozent

Das Windrad in Ingersheim wird von einer Genossenschaft betrieben. Nach diesem Modell sind auch in Eberdingen bis zu drei Anlagen geplant. Foto: Archiv (privat)

Um noch höhere Beträge als bei der Pacht geht es beim Bau der Windräder. Rund zwölf Millionen Euro müsse man für eine Anlage investieren, sagte Ulrich Strobel von der Bürgerenergie Eberdingen, die über eine Genossenschaft bis zu drei Windräder errichten lassen möchte. 20 bis 30 Prozent müsse man als Eigenkapital einbringen, der Rest werde über Kredite finanziert. Es sei mit einer Rendite von vier bis sechs Prozent zu rechnen. Rund 80 Personen seien in der Genossenschaft organisiert, im Hintergrund aktuell weitere 170 bis 180 Frauen und Männer an dem Projekt interessiert.

Die Anlagen, die in Eberdingen errichtet werden sollen, haben eine Nabenhöhe von 174,5 Metern und einen Rotordurchmesser von 175 Metern. Rechnerisch können alleine über eine Anlage rund 4000 Haushalte mit Strom versorgt werden – also quasi ganz Eberdingen. Wobei das im Publikum auch zu der Frage führte, warum man dann so viele Anlagen bauen müsse. Befürchtungen wurden zudem geäußert, dass die Immobilien an Wert verlieren könnten. Diese und andere Kritikpunkte wurden aber stets in konstruktiver Form vorgetragen – sodass die Atmosphäre trotz des brisanten Themas in der vollen Halle nie hitzig wurde.

Wissenschaftliche Begleitung

Baubeginn
Das Windrad-Vorranggebiet LB-11 befindet sich in Eberdingen an der Grenze zu Wiernsheim-Iptingen im Enzkreis. Die Gemeinde will dort im Schulterschluss mit der Genossenschaft Bürgerenergie Eberdingen einen Windradpark realisieren. Mitte des Jahres soll der Einstieg in den Genehmigungsprozess erfolgen. Der Startschuss zum Bau der Anlagen könnte Mitte 2027 fallen. Die Inbetriebnahme der Windräder ist für Anfang 2029 vorgesehen.

Messungen
Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet. Forscher messen die Schallbelastung vor und nach dem Bau der Windräder, wollen aber auch die körperlichen und psychischen Auswirkungen untersuchen. Freiwillige, die im Umkreis des Windparks leben, können gegen eine Aufwandsentschädigung Messgeräte tragen und Fragebögen beantworten.

Weitere Themen