Grundig-Erbin Maria Wruck Der Ruf des Herzens

Von buc 

Maria Wruck, Tochter der Unternehmerlegende Max Grundig, baut im Schwarzwald einen alternativen Tierpark auf. Ihre beste Freundin unterstützt sie dabei.

Tierfreundinnen: Maria Wruck (links) und Davina Platz mit der schüchternen Husky-Hündin Emily und  dem struppigen Mischling Platon Foto: StZ 7 Bilder
Tierfreundinnen: Maria Wruck (links) und Davina Platz mit der schüchternen Husky-Hündin Emily und dem struppigen Mischling Platon Foto: StZ

Sasbachwalden - Wie ist das, wenn man so reich geboren wird, dass man niemals arbeiten müsste? Maria Wruck hat mit der Frage gerechnet, das ändert nichts daran, dass ihr die Frage nicht gefällt. Neben ihr sitzt eine Pressesprecherin, allzeit bereit einzugreifen, wenn die Unterhaltung ins Persönliche abdriftet. „Wir würden gerne unser Projekt in den Mittelpunkt stellen“, sagt die PR-Dame dann freundlich, aber bestimmt.

Maria Wruck wird im November 1980 geboren, als Tochter des damals 70-jährigen Max Grundig, Gründer eines Elektronikkonzerns mit Weltruf, und dessen dritter Ehefrau Chantal, Französin und vormalige Gesellschafterin der Familie. Das Mädchen wächst in Baden-Baden auf. Als sie neun ist, stirbt ihr Vater. Im Gymnasium entwickelt Maria ein Faible für Mathematik und Physik, studiert aber Psychologie. Sie folgt ihrem Freund nach Göttingen, heiratet, lässt sich scheiden, heißt dennoch nicht mehr Grundig, sondern Wruck. Sie kehrt nach Baden-Baden zurück, adoptiert einen herrenlosen Husky und legt einen Gemüsegarten an. Maria Wruck isst gerne Nudeln, leidet unter Flugangst und meidet Menschenmengen. Sie ist keine Nachteule, sondern ein früher Vogel: Sobald es dunkel wird, zieht sie sich in ihr Nest zurück.

Die Grundig-Erbin Maria Wruck könnte bis zum Ende ihrer Tage ein unbeschwertes Dasein führen, doch zum Glück fehlt ihr etwas: eine Aufgabe, mit der sie die Welt ein bisschen besser machen kann. Auf den Spaziergängen mit ihrer Hündin Emily denkt sie nach, sie sucht nach ihrem Weg zu einem erfüllten Leben. Eines Abends ruft sie ihre beste Freundin an. „Davina“, sagt sie, „ich habe eine Weltklasseidee.“

Wie durch ein Stahlseil verbunden

Drei Jahre später sitzen Maria Wruck und Davina Platz im Gasthof Engel in Sasbachwalden. Sie wirken wie zweieiige Zwillingsschwestern: äußerlich verschieden – die eine dunkelhaarig, die andere blond – aber im Geiste wie durch ein Stahlseil verbunden. Die beiden 33-jährigen Frauen kennen sich seit dem Kindergarten, und das, was sie nun bei Schnitzel mit Pommes erzählen, klingt so, als würden sie noch immer ihrem Jungmädchentraum folgen: Maria Wruck und Davina Platz wollen oberhalb des Schwarzwalddorfs Sasbachwalden einen 40 Hektar großen Tierpark mit angeschlossenem Seminar- und Therapiezentrum aufbauen.

Kann das gutgehen, wenn zwei Busenfreundinnen ein Großprojekt stemmen wollen? Der Gemeinderat in Sasbachwalden hat diese Frage bereits mit Ja beantwortet. Der Ferienort kann zwar mit schmucken Fachwerkhäusern und vorzüglichem Wein der Lage Alde Gott werben, die Gäste bleiben trotzdem weg. Am deutlichsten ist der touristische Niedergang auf dem Breitenbrunnen sichtbar: In 810 Meter Höhe thront verlassen ein ehemaliges Kurhotel. Vor zehn Jahren wollte die Kommune auf dem brachliegenden Areal eine Skihalle bauen lassen – „Europas größten Kühlschrank“, wie es in der Presse höhnisch hieß –, doch die Landesregierung genehmigte die teure Umweltsünde nicht. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Maria Wruck und Davina Platz in dem Schwarzwalddorf nun wie Heilsbringerinnen verehrt werden: Ihr naturnahes Projekt soll jährlich 150 000 Besucher anlocken – Tierfreunde, Familien, Patienten, Schüler –, 4000 zusätzliche Übernachtungsgäste bringen und 50 Menschen einen festen Arbeitsplatz verschaffen.

„Willst du mein restliches Schnitzel?“, fragt Maria Wruck und schiebt ihren Teller zu Davina Platz hinüber. Das Gespräch verläuft ähnlich vertraut: Eine beginnt zu reden, die andere führt den Gedanken zu Ende. Die Konversation dreht sich um Zivilisationskrankheiten, um die Folgen ständiger Erreichbarkeit und um Emotionen, für die in unserer rationalen Welt kein Platz bleibt. Maria Wruck erklärt, was der amerikanische Psychologe Jon Kabat-Zinn unter Achtsamkeit versteht: Sie müsse verankert sein in der Demut und im Nicht-Wissen, in einer Offenheit allen Möglichkeiten gegenüber, aber auch in einem tiefen Einblick in sich selbst und in andere. Davina Platz ergänzt, dass man, wenn man dieser Meditationsrichtung folgen wolle, sich nicht unbedingt im Lotussitz stundenlang auf die eigene Atmung konzentrieren müsse. Man könne auch einfach ein Schaf beobachten: Schafe seien sensible Lebewesen, denen man mit Achtsamkeit begegnen könne, deren Nähe aber nicht in der Weise als bedrohlich erlebt wird, wie manche die Begegnung mit dem Mitmenschen erleben.