Turit Fröbe über „Häuser des Jahres“ „Es gibt zu wenig gute Architektur im privaten Wohnbau“

Auch Einfamilienhäuser von Architekten aus Stuttgart sind unter den „Häusern des Jahres 2022“. Dieses Einfamilienhaus im Schwarzwald von AMUNT Nagel Theissen Architekten aus Stuttgart hat besondere Anerkennung erhalten. Foto: Callwey Verlag/AMUNT Nagel Theissen Architekten

Die Architekturhistorikerin und Bausünden-Expertin Turit Fröbe hat die „Häuser des Jahres“ mitausgezeichnet. Im Interview spricht sie über Sinn und Unsinn von Einfamilienhäusern und erklärt, wie die Architektur das Thema zurückerobern könnte.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Die Architekturhistorikerin Turit Fröbe ist in der Jury des Architekturwettbewerbs „Häuser des Jahres 2022“. Im Interview erklärt sie, warum gute Einfamilienhäuser selten in Neubaugebieten stehen, was sie an Fertighäusern stört und warum sich die Architektinnen und Architekten das Feld der Einfamilienhäuser zurückerobern sollten.

 

Frau Fröbe, das Einfamilienhaus steht in der Kritik, weil es gegen die Wohnungsnot nicht hilft. Eine Studie belegt aber, dass sich sogar um die 20-Jährige nach einem eigenen Haus sehnen. Wie lässt sich das erklären?

Jahrzehntelang hat sich die Politik fürs Einfamilienhaus stark gemacht. Das lässt sich nicht so leicht zurückdrehen. Das Phänomen Eigenheim begann erst um 1900. Davor gab es Villen und Landhäuser, aber im großen Stil entwickelte sich das Eigenheim erst im Zuge der Industrialisierung, als die Städte aus allen Nähten platzten und als man mit der Bahn schnell raus an die Stadtränder kam. Man wollte aus der stinkenden Stadt mit ihren dunklen, engen Wohnungen ins Helle, in die Natur entfliehen. Auch die Nationalsozialisten machten sich dann stark für das Einfamilienhaus.

Das heißt, wer sich ein Einfamilienhaus wünscht, ist faschistisch?

Nein! Doch die politische Meinung war damals, dass Menschen, die auf ihrer eigenen Scholle sitzen, ruhiger, zufriedener sind. Und nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge des Wirtschaftswunders galt ein eigenes kleines Häuschen als erstrebenswert. Dieser Wunsch sitzt tief. Wir brauchen aber keine neuen Einfamilienhäuser, stattdessen werden wir uns neue Wohnformen überlegen müssen.

Was schwebt Ihnen vor?

Das Vaubanviertel in Freiburg etwa zeigt, wie zeitgemäßes Wohnen möglich ist. Es ist nachverdichtet, da stehen reihenhausartige Townhäuser neben mehrgeschossigen Häusern, das Viertel ist durchgrünt mit kurzen Wegen zu Kindergärten, Schulen, Läden. Es sind traumhafte Lebensbedingungen, da braucht man kein Einfamilienhaus am Stadtrand mehr.

Sie sind selbst oft am Stadtrand unterwegs auf der Suche nach Bausünden, die Sie in dem Buch „Eigenwillige Eigenheime“ und in „Abrisskalendern“ zeigen.

Ich setze Bausünden gerne in der baukulturellen Bildung ein. Es ist viel einfacher etwas Hässliches zu beschreiben, als beispielsweise eine Barockkirche, die direkt einschüchternd wirkt. Es gibt so viel langweiligen architektonischen Einheitsbrei, so viel lieblose Investorenbauten und trostlose Einfamiliensiedlungen, da bin ich dankbar über jede Bausünde, weil sie immerhin unterhält und den Blick für Architektur schärft. Ich habe rund 1500 Bausünden publiziert, aber nur eine Handvoll gute Architektur im privaten Wohnbau gesehen. Zehn, vielleicht 20 gute Gebäude.

Dennoch kürt die Jury des DAM – des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt am Main – und des Callwey Verlags Jahr für Jahr 50 gelungene Einfamilienhäuser.

Ja, aber sie stehen nur selten in den Neubausiedlungen mit ihren Fertighäusern. Das finde ich traurig. Die Häuser thronen eher in schöner Landschaft, am See, in den Bergen.

Woher kommt die Liebe zu Fertighäusern? Haben die Menschen Angst vor Architekten?

Weil sie billiger sind – allerdings nur, wenn man keine Extras wünscht. Und weil baukulturelle Bildung fehlt. Die wäre ganz wichtig und zwar nicht nur für Kindergartenkinder und in der Schule, sondern auch bei den Politikern, Entscheidungsträgern, Investoren. Ich hatte schon Gespräche mit Investoren, die sind fest überzeugt, dass sie gute Sachen machen. Sie sagen, die Leute wollen Toskanahäuser.

Was ist schlecht an Toskanahäusern?

Nichts ist daran schlecht, wenn sie in der Toskana stehen! Investoren kommen mit einem Individualisierungsversprechen daher, doch dann unterscheiden sich die Häuser nur marginal.

Gute Architektur, heißt es im Vorwort zu den Einfamilienhäusern des Jahres, mache rauschhaft glücklich. Hat Sie eines der Häuser beglückt?

Ja, mehrere. Zum Beispiel die Umnutzungen, Bauen im Bestand ist ein wichtiges Thema. Es ist schön zu sehen wie viel gute Architektur es geben kann. Ich würde mir wünschen, dass sich die Architektur das Thema Einfamilienhaus zurückerobert.

Wie soll das gehen? Einfamilienhäuser sind für Architekten zeitaufwendig in der Planung, der Gewinn ist überschaubar.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Architektenkammern gegebenenfalls in Kooperation mit der Bauindustrie Programme auflegen, in denen ganz junge Absolventinnen und Absolventen der Architekturfakultäten an Bauwillige vermittelt werden. Es gibt in Deutschland ja auch historische Beispiele dafür, wie qualitativ hochwertige Alltagsarchitektur für den Massenmarkt entstanden ist.

Sie meinen in den 1920ern, als in Frankfurt und Berlin Wohnbauprojekte von guten Architekten angestoßen wurden?

Genau. Eine Einheit in der Vielheit: Bruno Taut hat 12 000 Wohnungen gebaut, aber keine Stangenware. Das sind lebendige Siedlungen, die sogar unter Denkmalschutz stehen und teilweise Weltkulturerbe sind.

Gibt es Gegenden, in denen Sie weniger architektonisches Bauchgrimmen bekommen?

In den Niederlanden und in Dänemark zum Beispiel. Wenn dort junge Architektur gezeigt wird, sind die Architektinnen und Architekten 26 Jahre alt, bei uns sind sie im Schnitt 49. Die Länder haben eine andere Baukulturpolitik, junge Büros werden gefördert. Und in Tirol gibt es zum Beispiel die „M-Preis“-Supermärkte. Sie setzen seit 30 Jahren auf Baukultur.

Inwiefern?

Sie arbeiten mit jungen Architekten von der Uni und lassen sie bauen. Jeder Supermarkt ist anders, jeder ist ein Kunstwerk und sozusagen Nachhilfe in Baukultur, weil die Leute mit Baukunst in ihrem Alltag, beim Einkaufen, zu tun haben und nicht nur, wenn sie in ein Museum gehen. Das Projekt wurde als nachhaltigste Volksbildungsmaßnahme in Tirol gekürt. Wir haben hier ja auch Supermärkte. Die könnten das machen.

Sie sind weiterhin viel unterwegs und sammeln Stoff für Ihren nächsten „Abrisskalender“. Wie sehen die Trends bei Bausünden aus?

Es gibt immer mehr Fototapeten-Zäune – das sind Doppelstabmattenzäune, in die bedruckte PVC Folie eingezogen wird – und immer noch viele Schottergärten und andere Arten, den Vorgarten zu versiegeln. Gerade habe ich einen Etagenzierbrunnen mit lebensgroßen Pferdeköpfen in einer gekachelten Hoflandschaft ohne einen einzigen Grashalm gesehen. Die Leute nehmen sich keine Zeit für den Garten, er soll pflegeleicht sein. In Wolfsburg habe ich einen Garten komplett aus Kunstrasen entdeckt. Und bei öffentlichen Bauten sehe ich oft einen billigen Geschichtsbezug, pseudomäßigen Neo-Historismus. Das sieht auf den ersten Blick gut aus, schaut man aber genauer hin, zeigt diese Fake-Architektur ihre Fratze.

Info

Turit Fröbe
Die Architekturhistorikerin, Urbanistin und Baukulturvermittlerin, Jahrgang 1971, fotografiert seit über 20 Jahren Gebäude, die gemeinhin als Bausünde bezeichnet werden. Bekannt wurde sie mit dem Bestseller „Die Kunst der Bausünde“. Im Jahr 2021 hat sie mit „Eigenwillige Eigenheime“ (Dumont-Verlag) eine Auswahl der schrägsten Wohnhäuser versammelt. Auch ihr „Abrisskalender 2023“ – mit 365 Bausünden-Fotos von missgestalteten Gebäuden – ist im Verlag Dumont erschienen.

Buch
Turit Fröbe hat einen Essay geschrieben für den Wettbewerb „Häuser des Jahres 2022“, ausgelobt vom Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main und dem Callwey-Verlag in München. In dem Verlag erscheint auch das gleichnamige Buch zum Wettbewerb. www.callwey.de

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