Häusliche Gewalt gegen Männer „Sie hat mich von hinten mit dem Fuß die Treppe heruntergestoßen“

Richard Schmitt litt jahrelang unter der Gewalt seiner Frau. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Er erlebt die Ehe als Hölle. Statt Hilfe erlebt er Hohn – denn wer glaubt schon, dass ein Mann Opfer häuslicher Gewalt wird?

„Der Riss hier entstand, als sie in einem ihrer Wutanfälle einen Teller durch die Küche warf“, sagt Richard Schmitt und zeigt auf den Bruch im hölzernen Türrahmen. Der 36-Jährige trägt eine schwarze Hornbrille, Jeans und einen blauen Hoodie. Er steht in der Küche seines 2015 gebauten Hauses in einem kleinen Dorf in Mittelfranken. Hier wollte er eigentlich seine beiden Kinder zusammen mit seiner Ehefrau großziehen und mit ihr gemeinsam alt werden. Doch dann kam alles anders: Jahrelang litt Schmitt, der eigentlich anders heißt, unter häuslicher Gewalt.

 

Dabei begann die Liebesgeschichte des Paares wie im Märchen. Die beiden lernten sich im Kindesalter kennen, ihre Eltern waren eng miteinander befreundet. Als Jugendliche kamen sie zusammen, mit Mitte 20 heirateten sie, bauten ein Haus, planten Kinder. Auf Außenstehende wirkte die Beziehung harmonisch. „Niemand wusste, was hinter verschlossenen Türen geschah.“

Beziehung wird zu einem Albtraum

Es fing nicht mit Schlägen an, sondern mit verbaler Gewalt. Die Erniedrigungen begannen schleichend und steigerten sich von Mal zu Mal, berichtet Schmitt. „Sie redete mir ein, dass ich kein guter Mensch sei und dass ich ohne sie nichts wert wäre. Sie sagte mir, dass ich niemals wieder eine Frau finden würde und bezeichnete mich als fette Sau“, erinnert sich der 36-Jährige. Zudem isolierte sie ihn nach und nach von Freunden und Bekannten. Die Beziehung verwandelte sich zunehmend in einen Albtraum. Schmitt versteht bis heute nicht, wie das passieren konnte und was er hätte tun können, um alles zu verhindern.

Im Jahr 2020, nach der Geburt ihres zweiten gemeinsamen Sohnes, verschlimmerte sich die Situation. „Sie ging weniger arbeiten, wurde immer unzufriedener, hat das aber nie angesprochen. Der Psychoterror wurde immer schlimmer“, sagt Schmitt. Er schlug ihr vor, zum Ausgleich mit Sport anzufangen. Beim regelmäßigen Joggen mit einem Bekannten des Paares verliebte sie sich fremd. „Sie hatte zwei Jahre lang eine Affäre mit ihm. Ich wollte das nie wahrhaben, da ich sie geliebt habe. Ich dachte, sie würde mir so etwas nie antun.“

Fünf Mal in der Notaufnahme

Jedes Mal, wenn er sie darauf ansprach, sei die Situation eskaliert. „Ich bin Streit meist aus dem Weg gegangen, da die Kinder das nicht mitbekommen sollten“, sagt der zweifache Vater. Doch dann habe die Gewalt begonnen. „Sie hat mich von hinten mit dem Fuß die Treppe heruntergestoßen, hat mir in die Schulter gebissen, mich mit dem Handy am Hinterkopf geschlagen, sodass ich eine Platzwunde hatte.“

Insgesamt sei er von Juli 2023 bis März 2024 fünfmal in der Notaufnahme gewesen. Die Fotos der Misshandlungen sowie der Bericht des Hausarztes, in dem die Verletzungen bestätigt werden, liegen der Redaktion vor. Zum Schutz seiner Kinder und um die rechtliche Situation nicht zu verschärfen, möchte er anonym bleiben. Aus diesem Grund wurde auch seine Ex-Frau nicht befragt. Dieser Text basiert auf seiner Perspektive.

80 Prozent der Opfer sind Frauen

80 Prozent der polizeilich erfassten Opfer von Partnerschaftsgewalt sind Frauen. Das geht aus Statistiken des Bundeskriminalamts hervor. Aber das bedeutet eben auch: Jedes fünfte Opfer ist ein Mann. Wie hoch die Dunkelziffer tatsächlich ist, lässt sich schwer sagen. Manche Experten gehen davon aus, dass Männer häufiger Opfer häuslicher Gewalt werden als es die offiziellen Zahlen widerspiegeln. Hinzu kommt: Täter können auch Opfer sein – und umgekehrt. Klar ist in jedem Fall: Schmitts Geschichte ist kein Einzelfall.

Zumeist sind Frauen von häuslicher Gewalt betroffen. Aber jedes fünfte Opfer ist ein Mann. Foto: IMAGO/Bihlmayerfotografie

Wo finden Betroffene Schutz? In Deutschland gibt es rund 400 Frauenhäuser mit über 7000 Plätzen – doch das reicht bei Weitem nicht aus. Viele Einrichtungen müssen regelmäßig hilfesuchende Frauen abweisen, weil sie voll belegt sind. Dabei hat sich Deutschland mit der völkerrechtlich verbindlichen Istanbul-Konvention verpflichtet, deutlich mehr Schutzplätze bereitzustellen – laut Experten etwa das Dreifache. Für Männer ist das Hilfsangebot noch geringer: Bundesweit existieren lediglich 14 Schutzunterkünfte mit insgesamt etwa 50 Plätzen sowie fünf weitere geschlechtsunabhängige Einrichtungen. Auch hier zeigt sich das gleiche Bild: Immer wieder werden Betroffene abgewiesen, weil es an Kapazitäten fehlt.

Ehepaar lebt mittlerweile getrennt

Lange Zeit habe sich Schmitt nicht gewehrt. „Ich habe das am Anfang heruntergespielt und mir eingeredet, dass es nicht so schlimm sei“, sagt er. Ein enger Freund habe ihn schließlich zur Einsicht gebracht. „Ich bin auf seinen Rat hin zu einer Psychologin gegangen, die mir eine Depression diagnostiziert hat, ausgelöst durch den Vertrauensverlust und den Psychoterror.“ Eine Beratungsstelle, die sich speziell an männliche Opfer häuslicher Gewalt richtet, habe er nicht aufgesucht. „Dazu hätte ich erst einmal einsehen müssen, dass ich ein Problem habe.“

Mittlerweile ist das Ehepaar getrennt. Seine Frau lebt nun bei ihrem neuen Partner – jenem Mann, mit dem sie während der Ehe eine Affäre hatte. Streit gibt es weiterhin. Um Geld, aber auch um die zwei gemeinsamen Kinder im Alter von neun und fünf Jahren. „Sie betrieb Täter-Opfer-Umkehr, wollte mich als Vergewaltiger und Psychopath hinstellen“, sagt Schmitt.

Für das Wechselmodell müssen sich die getrennten Eltern gut verstehen

Nach der Trennung waren seine Kinder zunächst jedes zweite Wochenende und einmal unter der Woche bei ihm. Mittlerweile erziehen sie die Kinder im Wechselmodell, eine Woche bei ihm, eine Woche bei ihr. „Dafür habe ich gekämpft“, sagt Schmitt. Aufgrund der erlebten Gewalt sei es nicht einfach gewesen, das Wechselmodell vor dem Familiengericht durchzubringen. „Das Problem ist: Es wird zur Bedingung fürs Wechselmodell gemacht, dass sich beide Elternteile gut verstehen. Das befördert Streit.“ Aktuell funktioniere das Modell gut. „Mal sehen, wie lange das so bleibt. Ich warte nur auf den Tag, an dem sie mir die Kinder wegnimmt. Aber ich werde weiterhin ums Wechselmodell kämpfen.“

Im Haus sind überall kleinere Risse und Kratzer – Spuren ihrer Wutanfälle. Wieso er sich nie gewehrt habe? „So bin ich einfach nicht. Ich bin kein Frauenschläger, da bin ich nicht der Typ für.“ Das Gericht bezweifelte das. „Der Rechtsanwalt hat zur Richterin gesagt: Also bitte, diese 54 Kilogramm schwere Fee hat den 90 Kilo schweren Bären verprügelt? Das glauben Sie doch selbst nicht.“ Schmitt ist 1,80 Meter groß und 88 Kilogramm schwer. Er wirkt jedoch nicht aggressiv, macht einen ruhigen, eher zurückhaltenden Eindruck.

Seit über einem Jahr bei einer Psychologin

Auch den beiden Kindern habe niemand geglaubt. „Manchmal haben sie im Kindergarten erzählt: Die Mama hat gestern schon wieder den Papa geschlagen“, erinnert sich Schmitt. Doch die anderen Kinder und die Erzieherin hätten ihnen das nicht abgenommen. Wieso auch? Ein Mann lässt sich doch nicht von seiner Frau schlagen, so das Narrativ. Die beiden Kinder spielen auf dem Sofa Pokémon, während Schmitt sie von der offenen Küche aus anblickt. „Früher haben sie viel gestritten, viel gezankt. Seit der Trennung sind sie ausgeglichener“, sagt er.

Auch er selbst habe erst mal wieder zur Ruhe kommen müssen. Seit über einem Jahr geht er zu einer Psychologin, um die traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten. Mit seiner einstigen Jugendliebe habe er mittlerweile abgeschlossen. „Seit der Trennung geht es mir viel besser. So glücklich wie aktuell war ich in 14 Jahren nicht mehr“, sagt er und blickt auf seine zwei Söhne, die immer noch auf der Couch liegen und spielen. „Das Pokémon hat sich entwickelt, Papa!“, ruft ihm der Kleinere von beiden zu. Schmitt wirkt glücklich darüber, seine beiden Kinder bei sich zu haben. Die Erinnerung an die Gewalt könne er dennoch nicht ganz vergessen. Das Haus trägt sie in sich.

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