Handball-Bundesliga Wie der TVB Stuttgart in eine bessere Zukunft starten will
Hoffnungsträger ist der neue Trainer Misha Kaufmann, der auch etliche Bundesliga erfahrene Spieler dazubekommt.
Hoffnungsträger ist der neue Trainer Misha Kaufmann, der auch etliche Bundesliga erfahrene Spieler dazubekommt.
Ende gut, alles gut! Als am Sonntag die Partie des TVB Stuttgart in der Handball-Bundesliga gegen den SC DHfK Leipzig zu Ende war, flüchtete Trainer Jürgen Schweikardt erst einmal mit feuchten Augen in die Katakomben der Porsche-Arena. Nicht aus Enttäuschung, sondern aus Erleichterung. Über den Klassenverbleib.
Der knappe 29:28-Sieg reichte schließlich, um die SG BBM Bietigheim (25:35 gegen den SC Magdeburg) noch zu überholen und den Aufsteiger wieder in die zweite Liga zu schicken. Schweikardt gestand: „Ich bin um 4 Uhr aufgewacht und habe dann immer daran gedacht: Was wäre, wenn.“ Wenn die Mannschaft nach zehn Jahren im Oberhaus doch noch auf den letzten Drücker würde absteigen müssen.
Ganz unbegründet waren diese Gedanken nicht. Denn der Gast aus Leipzig wollte nicht noch einmal einen so leblosen Auftritt wie unter der Woche bei der Klatsche gegen die SG BBM Bietigheim hinlegen und kämpfte, als ginge es noch um den Titel. Und nachdem der TVB sich Mitte der zweiten Hälfte mal auf zwei Tore absetzen konnte, schlugen die Sachsen zurück und führten vier Minuten vor Schluss mit 28:27 – das hätte für den TVB den Super-GAU Abstieg bedeutet, da der ebenfalls noch bedrohte HC Erlangen zeitgleich in Wetzlar führte. „Es war auf jeden Fall das Extremste, was ich in meiner Sportkarriere erlebt habe“, so Schweikardt. „Das war der absolute Anschlag, das absolute Maximum von Belastung, was wir in den letzten Wochen hatten, und das wurde heute noch auf die Spitze getrieben. Wir sind einfach nur froh, dass wir es geschafft haben.“
Und er den Blick auf ein weiteres Jahr erste Liga richten kann, das nun schon elfte für den TVB Stuttgart. Dabei setzt der Verein auf den neuen Trainer Misha Kaufmann, der von ThSV Eisenach kommt und mit seinem Spielstil („der ist nicht unkonventionell, sondern kreativ“) für Aufsehen gesorgt hat. Schweikardt: „Natürlich ist er ein Hoffnungsträger, wenn man sieht, was er dort mit relativ geringen Mitteln erreicht hat.“ Der 41-jährige Kaufmann hat in Stuttgart bis 2028 unterschrieben und sagt nicht nur deshalb: „Ich glaube zu hundert Prozent an die Perspektive, die man im Verein hat und worauf man hinarbeiten möchte.“ Zur Erinnerung: Nach einer internen Vorgabe wollte der TVB aktuell eigentlich um einen einstelligen Tabellenplatz spielen. „An diesem Anspruch ändert sich nichts“, betont Schweikardt, der sich nun wieder auf seinen Hauptjob als Geschäftsführer konzentrieren kann, „wo zuletzt einiges liegen geblieben ist“.
Zumindest stimmen in diesem Bereich die Rahmenbedingungen: Der Verein kann bei seinen Heimspielen auf eine treue Fanschar (5000 Zuschauer im Schnitt) bauen und weiß auch starke Partner hinter sich, nachdem zuletzt die WGV als etabliertes Versicherungsunternehmen und weiterer Hauptsponsor mit einem Engagement von etwa einer Million Euro pro Jahr an Land gezogen und somit die Lücke von Wohninvest geschlossen werden konnte.
Nachdem nicht zuletzt aus finanziellen Gründen im Vorjahr etliche junge Spieler geholt wurden, kommt nun auch Erstliga-Erfahrung dazu. Allen voran Antonio Serradilla im linken Rückraum vom SC Magdeburg, dazu bringt Kaufmann aus Eisenach Ivan Snajder und den Wunschspieler Simone Mengon mit – außerdem kommt Torhüter Daniel Rebmann von Absteiger SG BBM Bietigheim. „Das sind schon gestandene Spieler“, sagt Schweikardt, zusammen mit Jakob Nigg von den HC Fivers aus Österreich und dem Champions-League-erfahrenen Norweger Kasper Thorsen Lien (Elverum). „Wir erhoffen uns damit eine homogene Truppe, selbst wenn auch die etwas Zeit brauchen wird“, sagt Schweikardt. Der Niederländer Jorick Pol als dritter Torhüter, der per Zweitspielrecht vorwiegend beim Drittligisten TSV Neuhausen/Filder eingesetzt werden soll, vervollständigt den Kader; noch offen ist, was mit Jonas Trochanovicius nach überstandener Verletzung passiert.
Auf der anderen Seite gibt es einen gewissen Aderlass. Gleich acht Spieler verlassen den Verein, darunter etablierte Leistungsträger wie die spanische Flügelzange Daniel Fernandez und Jorge Serrano, aber auch Eigengewächs Nico Bacani, der am Sonntag den viel umjubelten Siegtreffer erzielt hat.
Und damit Mannschaft, Verein und Fans von einer Zentnerlast befreite. „Es wird noch ein paar Tage dauern, bis die Anspannung endgültig abgefallen ist“, sagt Schweikardt, der jetzt erst mal Urlaub in Österreich macht. Dorthin wird es dann ja auch wieder die Mannschaft ziehen – zum inzwischen schon traditionellen Trainingslager in Zell am Ziller in der vorletzten Juli-Woche. Kraft tanken für eine dann hoffentlich weniger nervenaufreibende Saison.