Handel Zölle – eine vormoderne Erfindung
Donald Trump stürzt die Weltwirtschaft mit seiner Zollpolitik ins Chaos. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Die Abgaben galten schon früher als ökonomische Dummheit.
Donald Trump stürzt die Weltwirtschaft mit seiner Zollpolitik ins Chaos. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Die Abgaben galten schon früher als ökonomische Dummheit.
Männer, die Zölle kassieren, waren noch nie besonders beliebt. Das galt lange, bevor Donald Trump auf diese Idee verfallen ist. Schon in der Bibel wurden Zöllner mit Sündern gleichgesetzt. Und im Wörterbuch der Brüder Grimm heißt es: Wie der Zöllner im neuen Testament „ein Ärgernis“ gewesen sei, so bezeichne das Wort „allgemein den geringen, sündigen und verachteten“ Menschen.
Der Zoll hat eine lange Geschichte. Die Anfänge reichen bis ins Altertum zurück. Das Wort selbst geht auf die griechische Vokabel „telos“ zurück, die Abgabe, Steuer oder schlichtweg Aufwand bedeutet. Die Römer sprachen allerdings nicht von Zoll, sondern hatten dafür ein eigenes Wort: portorium – worin die porta, der Eingang, steckt.
Im Hamburger Zollmuseum ist zu erfahren, „dass sie Geschichte des Zolls schon vor 5000 Jahren begann“. Es gibt dort Exponate aus dem Jahre 1764 vor Christus, die entsprechende Abgabepflichten auflisten. Für die Städte im antiken Griechenland wurden Zölle zu einer ihrer wichtigsten Einnahmequellen. Im alten Ägypten wurde zu Zeiten der Ptolemäer, die dort von 323 bis 30 vor Christus herrschten, Schutzzölle gegen den Import von Olivenöl verhängt, schreibt der Althistoriker Hans Volkmann.
Die Römer hatten ein ausdifferenziertes Zollwesen. Zölle wurden bei der Einfuhr, der Ausfuhr, beim Transport durch bestimmte Landstriche, auf Märkten und auf hoher See kassiert. Innerhalb Italiens wurden die Zölle 60 vor Christus durch die „Lex Caecilia“ abgeschafft, vermerkt Volkmann. Gaius Julius Caesar hat wenig später wieder Importzölle eingeführt. Vom zweiten nachchristlichen Jahrhundert an zeigt sich jedoch die Tendenz, die Zollbezirke zu vereinheitlichen, um so größere Wirtschaftsregionen ohne Binnenabgaben zu schaffen.
Die germanischen Königreiche haben nach der Völkerwanderungszeit das römische Zollwesen fortgeführt. Zölle wurden zu einer Regalie, einem königlichen Hoheitsrecht. Im Verlauf des Mittelalters wurde dieses zum Teil an die Kirche oder an Landesherren und Reichsstädte übertragen.
Zur Zeit des Merkantilismus vom 16. bis ins frühe 19. Jahrhundert wurden Importzölle zu einem Kernelement der Wirtschaftspolitik. Sie sollten das heimische Gewerbe gegen ausländische Konkurrenz schützen. Schon vor 1805 habe es jedoch in Preußen erste Überlegungen gegeben, ob Freihandel letztlich nicht profitabler sein könnte, so der Wirtschaftshistoriker Friedrich-Wilhelm Henning in seinem Standardwerk zur Industrialisierung in Deutschland. Auch Adam Smith, ein Vordenker des Kapitalismus, trat entschieden für Freihandel ein – zu einer Zeit, als die Briten ihr Textilgewerbe noch mit Schutzzöllen gegen Billigimporte abzuschotten versucht hatten.
Im Deutschen Reich war das Zollwesen zu jener Zeit besonders kompliziert, da in manchen Regionen alle paar Meilen eine Grenze zu überwinden war. 1834 wurde dann der Deutsche Zollverein gegründet und vereinte viele deutsche Staaten in einem gemeinsamen Wirtschaftsgebiet, womit zumindest die Binnenzölle wegfielen. Ohne Zollverein, so der Wirtschaftshistoriker Henning, hätte Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts eine „vielleicht nicht so stürmische Industrialisierung“ erlebt.
Mit dem Deutschen Zollverein entfielen Zölle zumindest beim Handel zwischen dem Königreich Preußen und der benachbarten Grafschaft Mecklenburg-Schwerin, zwischen Baden und Württemberg, Hessen und Nassau.
Ein Langzeitvergleich der durchschnittlichen Zollsätze wichtiger Wirtschaftsnationen des kanadischen Historiker Albert Henry Imlah zeigt, dass die Zollsätze etwa von Frankreich und England von der Mitte des 19. Jahrhunderts an rückläufig waren und ab 1870 ein eher marginales Niveau erreichten, was bis zum Ersten Weltkrieg anhielt. Im Deutschen Kaiserreich gab es nach der sogenannten Gründerkrise zu Beginn der 1870er Jahre eine zweite Phase der Schutzzollpolitik. In der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre erlebten Schutzzölle auch in den USA eine Renaissance. Am 17. Juni 1930 trat der sogenannte Smoot-Hawley Tariff Act in Kraft, ein Gesetz, mit dem Zölle für mehr als 20 000 Waren auf Rekordniveau angehoben wurden. Benannt war es nach den Republikanern Reed Smoot und William C. Hawley, die den Präsidenten Herbert Hoover dazu bewogen hatten. Wegen der Zölle schrumpfte der US-Außenhandel um mehr als 60 Prozent. Etliche Staaten taten es den Amerikanern gleich, was den Welthandel einbrechen ließ und die Krise verschärfte. Der Industriepionier Henry Ford und der US-Banker Thomas W. Lamont nannten die Smoot-Hawley-Zölle eine „ökonomische Dummheit“. Hoovers Nachfolger Franklin D. Roosevelt leitete 1934 eine Kurskorrektur ein. Die „Neue Zürcher Zeitung“ schreibt über die aktuelle Zollpolitik: „Donald Trump katapultiert die USA zurück in die 1930er Jahre.“
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Zölle vollends aus der Mode: Mit der Zollunion der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft entfielen sie 1968 vollständig im Binnenhandel. Seit 1947 wurden Zölle weltweit im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) deutlich abgebaut. Seit 1995 geschieht dies im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO). Laut Bundeskanzler Friedrich Merz werden ungeachtet der Trump-Zölle noch drei Viertel des Welthandels zu WTO-Bedingungen abgewickelt.
Eine der frühesten Abgaben dieser Art, die ptolemäischen Importzölle auf ausländisches Olivenöl, belief sich auf bis zu 50 Prozent des Warenwerts. Im antiken Athen war ein zweiprozentiger Zoll auf überseeische Waren üblich. Von 413 vor Christus an verlangten die Athener fünf Prozent – auch von Bündnispartnern. Im deutschen Mittelalter waren die Zolltarife „ganz uneinheitlich, jeweils den örtlichen Bedürfnissen der Händler entsprechend“, so der Hamburger Mediävist Ernst Pitz. Erhoben wurden häufig keine prozentualen Aufschläge auf den Warenwert, sondern feste Tarifsätze für bestimmte Transportmittel, Maß- oder Stückeinheiten.
Nach einer Aufstellung des Historikers Ulrich Pfister von der Universität Münster lagen die Zollsätze für Importe nach Großbritannien um 1830 über 50 Prozent, nach 1840 bei etwa 30 Prozent und am Ende des 19. Jahrhunderts unter zehn Prozent. Albert Imlah zufolge verlangten die Vereinigten Staaten um 1835 durchschnittliche Zollsätze von mehr als 55 Prozent. Um 1840 sanken diese auf zehn bis 25 Prozent, erreichten nach 1870 aber noch einmal ein Niveau von mehr als 40 Prozent und verharrten bis zum Ersten Weltkrieg über 20 Prozent. Im Deutschen Kaiserreich bewegten sich laut Friedrich-Wilhelm Henning die Zollsätze für Getreide zwischen 22 und 28 Prozent, die für Fleisch zwischen 14 und 24 Prozent.