Bald gibt es kein Holzofenbrot von Frank Bulthardt mehr: Der Bäckermeister gibt mit 48 Jahren sein beliebtes Geschäft in Ostfildern-Nellingen auf. Warum gibt er auf?
Morgens in aller Frühe raucht in der Esslinger Straße in Nellingen der Holzofen. Da backt Frank Bluthardt sein Brot, das er nach einem speziellen Rezept zubereitet. „Gut, dass unsere Nachbarn da so geduldig sind.“ Die Familienbäckerei hat einen großen Kundenstamm. Umso trauriger sind viele nun über die Nachricht, dass der Bäckermeister bald aufhört.
Nun sucht die Familie nach einem neuen Pächter. Sie wünscht sich, dass es in dem Laden an der viel frequentierten Straße bald weitergeht. „Ich entscheide mich für das Leben“, sagt Frank Bluthardt. Sein Arbeitstag beginnt täglich um 1.30 Uhr oder früher. Da steht Bluthardt in der Backstube.
Bäckermeister aus Ostfildern: „Auf Dauer will ich uns diesen Stress nicht antun“
„Auf Dauer will ich uns diesen Stress nicht antun“, sagt der 48-Jährige. Gemeinsam mit seiner Frau Kathrin hat er entschieden, die Bäckerei aufzugeben. Die Standesbeamtin arbeitet nebenbei im Laden mit, kümmert sich um die Buchhaltung. Dem Ehepaar fällt der Abschied schwer: „Wir gehen mit einem weinenden Auge.“ Zum 30. April ist Schluss.
„Die Bedingungen für das Bäckerhandwerk werden immer schwerer. Aber wir gehen mit einem weinenden Auge.“
Frank Bluthardt, Bäckermeister
20 Jahre hat Frank Bluthardt die Bäckerei in der Esslinger Straße geführt. Seine Familie hatte die Tradition 1903 begründet. Damals eröffnete Wilhelm Bluthardt in der Rinnenbachstraße im Filderdorf Nellingen das Gemeindebackhaus. 1929 wurde es aufgelöst, und die Bäckerei Bluthardt zog in die heutigen Räume um.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eröffnete Hermann Bluthardt die Bäckerei wieder, die dessen Sohn Hermann 1972 übernahm. Aus gesundheitlichen Gründen musste jener 2001 aufhören. Für seinen Sohn Frank war klar, „dass ich einen handwerklichen Beruf ergreife.“ Da entschied er sich für die Bäckerlehre, lernte aber in einem anderen Betrieb. 2005 eröffnete er das Familiengeschäft wieder.
Neben Brötchen und seinen Brezeln, die für viele „die Besten“ sind, bietet Frank Bluthardt Spezialitäten an, die man anderswo kaum mehr findet. Schwäbische Mitschele und Milchhörnchen zum Beispiel sind beliebt. Zwiebelbrot und Kartoffelbrötchen verkaufen sich gut. Das alles bäckt Bluthardt nach traditionellen Rezepten. Vom schnelllebigen Betrieb der Backwaren-Ketten lässt er sich nicht beirren: „Wir achten darauf, dass unsere Brote noch ihre Teigruhe erhalten“, sagt der Meister. Nur so könnten sie das Aroma und den Geschmack entfalten. Für die hohe Qualität wurde er vom Deutschen Brotinstitut mehrfach mit Goldmedaillen ausgezeichnet. Von der Arbeit mit seinem angestellten Bäcker Michael Filpe schwärmt der Chef.
Bäckerei Bluthardt in Nellingen: Stilvoll eingerichtetes Café hat viele Stammgäste
Besonders schön ist die Atmosphäre im Laden, dem ein kleines Café angegliedert ist. Den Nebenraum hat Kathrin Bluthardt mit Gespür für Stil gestaltet: „Da haben wir viele Stammgäste.“ Ältere Damen kommen nach dem Schwimmen und tauschen sich aus. Senioren gönnen sich einen Kaffee und eine Brezel, genießen die Ruhe im Raum mit Blick auf die Straße. „Hier erfährt man, was in Nellingen gerade los ist“, verrät die 46-jährige Kathrin Bluthardt.
Dass die Familie in der Bäckerei mit anpackt, freut Frank Bluthardt. Hilfe bekommt er von seiner Schwester Nicole Dreizler. Seine Mutter Heidi bedient die Kunden mit Elan. Mit der Verkäuferin Laura Wirkner bleibt sie auch bei Andrang gelassen. Nette Worte haben die Verkäuferinnen immer parat. Die Senior-Chefin steuert auch Rezepte bei. „Oma Heidis leckerer Grießkuchen“ ist zur Kirbezeit ein Renner. Auch Kathrin Bluthardts Eltern Josef und Margarete Schilling helfen mit.
Den Menschen in Nellingen sind die Bluthardts verbunden. Kunstvoll gestaltete Torten für Hochzeiten, Taufen oder Geburtstage machte der Bäckermeister auf Bestellung. Bei Festen war er mit seinem mobilen Holzofen dabei und hat Pizza gebacken: „Da standen alle um den Ofen.“ Wenn ein Verein sonntags ein Fest hatte, stellte er sich auch da in die Backstube. Große Bestellungen lieferten er oder sein Team mit dem Lastenrad.
Dass die Bedingungen für Bäcker immer schwerer werden, sieht Bluthardt als Problem der Branche. „Uns fehlen Fachkräfte.“ Extreme Arbeitszeiten hielten den Nachwuchs ebenso ab wie ungewisse Perspektiven für Selbstständige. Die hohen Energiekosten sieht Kathrin Bluthardt als Problem. Die viermonatige Baustelle an der Esslinger Straße hat die Familie schwer belastet: „Für den Nuller zu arbeiten“, das sei auf Dauer nicht zu machen. Jetzt freut sich die Familie auf den neuen Lebensabschnitt, in dem neben den fordernden Berufen auch mal wieder Zeit ist „für Reisen und Downhill-Radfahren“. Dass es die richtige Entscheidung ist, hat Bluthardt seine elfjährige Tochter gezeigt: „Jetzt freut sich Papa wieder.“