Seltene Erkrankung „Als hätte man mir den Stecker gezogen“: Stuttgarter hatte Hantavirus

, aktualisiert am 08.05.2026 - 09:34 Uhr
Bei Arbeiten auf dem Dachboden oder im Keller immer FFP-2-Maske tragen: So kann man sich vor Ansteckung schützen. Foto: Matthias Kessler

Wie läuft eigentlich eine Infektion mit dem Hantavirus ab? Ein Stuttgarter erzählt von seiner Erkrankung. Und was Hausärzte zu der Krankheit sagen.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Bettina Hartmann (ina)

Den alten Heinkel-Roller wieder auf Vordermann zu bringen, das war der Plan. Schon länger stand das Gefährt unbenutzt in der Garage einer Freundin. „Nun hatte ich endlich Zeit“, erzählt Peter Lähr (60) aus Stuttgart. Also machte er sich auf in den Stuttgarter Westen und schraubte mit einem Bekannten eine Weile an dem legendären Motorroller. „Wir waren nicht mal eine Stunde zugange – und nach ein paar Wochen beide im Krankenhaus“, so Lähr weiter. Beide hatten sich in dem unbelüfteten Raum mit dem Hantavirus infiziert.

 

„Das war 2021, zu Corona-Zeiten“, berichtet der Stuttgarter, der im Vertrieb eines Logistik-Unternehmens arbeitet. „Damals trug man in der Öffentlichkeit Maske, aber ausgerechnet in der Garage hatte ich keine auf.“ Warum auch? Vom Hantavirus hatte er zwar schon gehört, aber dass sich auch hierzulande jedes Jahr Menschen anstecken, war damals zumindest nur wenigen bewusst.

Beim Hantieren mit dem Hantavirus im Labor ist Vorsicht geboten – Patienten in Europa müssen aber nicht isoliert werden (Symbolbild). Foto: IMAGO/BSIP

Stuttgarter Hantavirus-Patient: Wie Stecker gezogen

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts werden deutschlandweit jährlich zwischen ein paar Dutzend und bis zu 3000 Fälle registriert, in aller Regel mit milden bis moderaten Krankheitsverläufen. „Die Zahl schwankt, je nachdem, wie hoch der Bestand der Nagetiere ist – und wie viele Tiere das Virus in sich tragen“, erklärt Jörg Latus, Chefarzt am Stuttgarter Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart, die Abweichungen. In Stuttgart gab es im Jahr 2021 laut städtischem Gesundheitsamt 138 Infektionen, Lähr war einer der Patienten: „Es hat mich heftig erwischt. Ich habe mich gefühlt, als hätte man mir den Stecker gezogen.“

Die Inkubationszeit beträgt zwischen ein paar Tagen und bis zu sechs Wochen. „Bei mir fing es nach etwa vier Wochen an“, so der Stuttgarter. Freitags habe er sich nicht gut gefühlt. Am Samstag kamen Kopf- und Gliederschmerzen sowie hohes Fieber hinzu. Eine Grippe vielleicht, habe er gedacht. Wobei er keine Symptome wie Schnupfen oder Husten gehabt habe: „Am Sonntag habe ich mich dann hundeelend gefühlt.“ Am nächsten Tag ging’s zum Hausarzt, der einen Bluttest veranlasste.

Bei Verdacht auf Hantavirus: Ab zum Hausarzt

Hantavirus-Infektionen seien ein fester Bestandteil der hausärztlichen Versorgung, sagt Susanne Bublitz, die Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Baden-Württemberg. Der Südwesten gehöre zu den Regionen mit erhöhtem Hantavirus-Vorkommen: „Wir kennen somit das Krankheitsbild, auch wenn die Erkrankung insgesamt sehr selten auftritt.“ Bei Symptomen sei die Hausarztpraxis somit die erste Anlaufstelle: „Hier wird die Krankengeschichte erhoben, das Risiko eingeschätzt und die weitere Diagnostik eingeleitet“, so Bublitz weiter. Bei schwerem Verlauf, insbesondere bei ausgeprägter Nierenfunktionsstörung, sei eine Einweisung ins Krankenhaus notwendig.

„Ab in die Klinik“ bekam auch Peter Lähr von seinem Hausarzt zu hören. „Im Klinikum Stuttgart wurden dann viele Tests gemacht. Zunächst war gar nicht klar, was ich eigentlich habe. Und mitten in der Nacht wurde ich auf die Intensivstation verlegt.“ In Lebensgefahr sei er zum Glück nicht gewesen: „Aber die Nieren haben nicht so gearbeitet wie nötig.“ Da es kein direkt gegen das Hantavirus wirksames Medikament gibt, ging es bei der Behandlung vor allem darum, die Nierenfunktion zu stabilisieren.

Prognose bei Hantavirus-Infektionen ist gut

„Nach einer Woche ging es mir besser, und ich wurde entlassen“, so Lähr. Überstanden war die Krankheit damit aber noch lang nicht. Eine Woche lang habe er sich so schlapp gefühlt, dass Bett- und Sofaruhe angesagt war: „Ich war fix und fertig. Konnte nur ein paar Meter gehen und habe die Umgebung teils nur schemenhaft wahrgenommen.“ Nach und nach habe er sich getraut, kleine Spaziergänge mit dem Hund zu unternehmen.

„Ab der dritten Woche ging es endlich bergauf. Nach sechs Wochen habe ich mich fit gefühlt und wieder gearbeitet.“ Spätfolgen habe er keine. So sei es auch bei seinem damals ebenfalls infizierten Bekannten. Die Prognose sei generell gut, zumindest bei einer Infektion mit den beiden in Mitteleuropa vorherrschenden Virenstämmen, sagt Jürgen de Laporte, Hausarzt in Esslingen und Bezirksvorsitzender von Nordwürttemberg im Landes-Hausärzteverband.

Masken bieten Schutz vor Infektion mit Hantavirus

Ursächlich für die Infektion waren wohl die Ausscheidungen einer infizierten Rötelmaus. „Als wir in der Garage gearbeitet haben, wurde Staub aufgewirbelt. Dabei haben wir den Erreger eingeatmet“, ist sich Lähr sicher. Ansteckend sei er nach Einschätzung der Ärzte nie gewesen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch gilt als sehr unwahrscheinlich und ist laut Experten auch nur bei bestimmten Virenstämmen möglich.

Schützen kann man sich jedoch. Da das Virus vor allem über den Kontakt mit infiziertem Urin, Kot oder Speichel von Rötelmäusen übertragen wird, sind einfache Hygienemaßnahmen am wirksamsten: „Wenn ich mitbekomme, dass Freunde und Bekannte ein altes Haus renovieren oder auf Dachböden, in Garagen, Schuppen oder Kellerräumen werkeln, sage ich allen, dass sie unbedingt Masken und Handschuhe anziehen sollen“, betont Peter Lähr. Ein Vorteil habe seine Infektion zumindest, sagt er scherzhaft: „Da ich Antikörper im Blut habe, werde ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach kein zweites Mal anstecken.“

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