Bürgerentscheide zu Windkraft Fünf von sechzehn Gemeinden entschieden sich 2025 in BW gegen Windräder

An vielen Orten in Baden-Württemberg haben 2025 die Bürger über Windkraft abgestimmt (Archivbild). Foto: Viviane/Pixabay

Noch nie gab es in Baden-Württemberg so viele Bürgerentscheide zur Windkraft wie 2025. Unsere Datenanalyse zeigt: Nicht überall war die Zustimmung hoch.

Volontäre: Frederik Herrmann (hef)

Sie heißen „Gegenwind Sachsenheim“, „Windkraftfrei Calw“ oder „Kein Windrad im Wald“: In ganz Baden-Württemberg wollen Bürgerinitiativen über die Windkraft vor Ort mitbestimmen, zumeist: sie verhindern. Ihr Ziel ist ein Bürgerentscheid, also eine Abstimmung aller Einwohner. Manche Initiativen scheiterten an formalen Hürden, doch mit 16 Bürgerentscheiden zur Windkraft wurde im vergangenen Jahr ein Rekord in Baden-Württemberg gezählt. An diesem Sonntag entscheiden die Einwohner von Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg) über vier Windenergieanlagen im geplanten „Energiepark Alleenfeld“.

 

Was sind die Ursachen für diesen Trend? Wie erfolgreich sind die Windkraftgegner? Und warum treten bei den eigentlich lokalen Bürgerentscheiden oft dieselben Sprecher auf? Um diese Fragen zu beantworten, haben wir die Ergebnisse der Windkraft-Bürgerentscheide seit 2015 ausgewertet.

Zuletzt mehrheitlich für Windkraft

Insgesamt 38 Bürgerentscheide zur Windkraft gab es in den vergangenen zehn Jahren. 21 davon endeten mit einer Entscheidung für Windräder, 17 gegen Windkraft. Im Rekordjahr 2025 sprachen sich die Bürgerinnen und Bürger in elf von 16 Fällen für das lokal geplante Windkraftprojekt aus.

„In den meisten Fällen werden Bürgerentscheide von Windkraftgegnern initiiert“, sagt Edgar Wunder, Landesvorsitzender des Vereins Mehr Demokratie, in einigen Fällen kommt der Impuls aber von den Gemeinden selbst. Sie wollen Bürger über so wichtige Projekte wie eine Windkraftanlage selbst abstimmen lassen.

So viele Bürgerentscheide zu Windkraft in BW wie noch nie

Edgar Wunder kennt viele Verfahren aus eigener Erfahrung, er hat sie selbst begleitet oder berät Bürgerinitiativen und Kommunen. „Eigentlich hätte es 2025 noch mehr Bürgerentscheide geben müssen“, sagt er. Die Zahl der Bürgerentscheide zur Windkraft hat sich 2025 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt – von 8 auf 16. Die Zahl der Windkraftprojekte habe sich dagegen verzwanzigfacht. Dass die Zahl der Bürgerentscheide nicht im gleichen Maße gestiegen ist, wertet Wunder als Zeichen für die wachsende Akzeptanz der Windenergie in der Bevölkerung.

Edgar Wunder engagiert sich im Verein Mehr Demokratie. Foto: Jens Schulze

Zahl für Windkraftprojekte nahm 2025 in BW deutlich zu

Hintergrund für den Anstieg an Windkraftprojekten ist die Ausweisung sogenannter neuer Vorranggebiete. Im Jahr 2022 verpflichtete das Wind-an-Land-Gesetz des Bundes die Regionalverbände, bis 2032 mindestens 1,8 Prozent der Landesfläche in den Regionalplänen als vorrangige Gebiete für Windenergie auszuweisen. Seitdem wurden zahlreiche potenzielle Flächen bestimmt und die Pläne dafür öffentlich ausgelegt. Nach Angaben des Landesministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft haben das bislang sieben von zwölf Regionalverbände getan – darunter Stuttgart, Ostwürttemberg und Neckar-Alb. Entsprechend stieg die Zahl der Vorhaben deutlich an: 2025 befanden sich rund 1300 Anlagen in Planung, etwa 100 wurden genehmigt, so eine Sprecherin des Ministeriums. „Das hat auch Gegenwehr hervorgerufen“, sagt Edgar Wunder von Mehr Demokratie.

Unterschiede zwischen Stadt und Land

Die Akzeptanz von Windkraft variiert deutlich. Auffällig sind Unterschiede zwischen Städten und ländlichen Gemeinden. Städte wie Bruchsal oder Herrenberg entschieden sich häufiger für Windkraft, kleinere Orte wie Kolbingen im Landkreis Tuttlingen stimmten eher dagegen. Darin spiegeln sich unter anderem auch die Unterschiede zwischen eher progressiven städtischen Milieus und konservativeren ländlichen Regionen wider.

Gleichzeitig ist die Beteiligung im ländlichen Raum meist höher: Im kleinen Ort Ostelsheim im Kreis Calw nutzten 75,6 Prozent der 1966 Wahlberechtigten ihr Stimmrecht, in Horb am Neckar (19 792 Stimmberechtigte) waren es nur 38 Prozent.

Doch der Weg zu einem Bürgerentscheid ist lang. Viele Initiativen scheitern an hohen formalen Anforderungen und komplexen Anträgen. Häufig schließen sich Bürgerinitiativen daher zusammen und suchen Unterstützung bei überregionalen Organisationen. Vereine wie Vernunftkraft oder der baden-württembergische Ableger Mensch Natur BW leisten Rechtshilfe, unterstützen die Bürgerinitiativen mit Informationsmaterial und vermitteln Referenten für Informationsveranstaltungen.

Überregionale Akteure versuchen Einfluss auf lokale Windkraftentscheidungen zu nehmen

Auffällig ist, dass dabei in vielen Orten dieselben Personen auftreten. Für Edgar Wunder ist diese Vernetzung unproblematisch: „Es ist doch logisch, dass sich Bürgerinitiativen vernetzen und Hilfe suchen.“ Die inhaltlichen Argumente wolle er nicht bewerten.

Umweltministerium warnt vor Falschinformationen

Das baden-württembergische Umweltministerium bewertet den Einfluss überregionaler Akteure dagegen kritisch und warnt vor gezielter Fehlinformation, die Verunsicherung schüre und die Stimmung anheize.

Diese Einschätzung teilt auch Franziska Mey, die am Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit in Potsdam zu Beteiligungsprozessen forscht. Sie beobachtet, dass Debatten von außen in die Kommunen getragen werden. „Entsprechend des aktuellen Trends scheint es in den Diskussionen zur Bewältigung des Klimawandels nicht mehr nur um das „Wie“ zu gehen, sondern immer häufiger steht auch das „Ob“ im Raum“, sagt sie. In manchen Fällen sei es sehr schwierig, konstruktive Diskussionen zu führen und überhaupt Argumente auszutauschen.

Endet nun die Welle der Bürgerentscheide?

Geht es mit den Bürgerentscheiden so weiter wie 2025? Nein, sagt Edgar Wunder. Da die Pläne für Vorrangflächen seit rund zwei Jahren bekannt sind und sich Investoren die attraktivsten Standorte gesichert haben, rechne er mit weniger neuen Verfahren.

Fiona Schlecht vom Dialogforum Energiewende und Naturschutz, einem Gemeinschaftsprojekt des BUND und NABU Baden-Württemberg, hat dagegen die Erfahrung gemacht, dass Protest und Gegenwind häufig erst in späteren Projektphasen entstehen würden. „Wir können uns gut vorstellen, dass es noch weitere Bürgerbegehren geben wird“, sagt sie. Auch sie berät Bürgerinnen und Bürger bei Konflikten im Zusammenhang mit Windenergie.

Derzeit gibt es in Baden-Württemberg nur ein offenes Bürgerbegehren zur Windkraft. Eine Bürgerinitiative aus Wertheim (Main-Tauber-Kreis) hofft auf einen Bürgerentscheid, um mehrere Windräder in einem angrenzendem Wald zu verhindern. An anderen Orten stehen dagegen die Termine für Bürgerentscheide bereits fest. Nach dem Entscheid in Sachsenheim am Sonntag stimmen die Bürger am 8. März parallel zur Landtagswahl in vier Gemeinden über Windkraftprojekte vor Ort ab. Für die Zeit danach sind aktuell keine weiteren Bürgerentscheide geplant.

Langer Weg zum Bürgerentscheid

Bürgerbegehren
Bürger können eine Abstimmung über ein bestimmtes Thema anstoßen, indem sie eine klare Ja/Nein-Frage formulieren und die erforderlichen Unterschriften sammeln. Der Gemeinderat prüft anschließend, ob das Anliegen zulässig ist.

Bürgerentscheid
Wenn das Bürgerbegehren zulässig ist, wird ein Bürgerentscheid durchgeführt. Die Bürger stimmen direkt über die Frage ab. Das Ergebnis ist verbindlich, wenn die Mehrheit zustimmt und mindestens 20 % der Wahlberechtigten teilnehmen – es gilt dann wie ein Beschluss des Gemeinderats.

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