Hauptversammlung 2025 Unmut über rein virtuelles EnBW-Treffen

Will nur in die Kamera sprechen: EnBW-Chef Stamatelopoulos Foto: dpa/Marijan Murat

Bei der nächsten EnBW-Hauptversammlung geht es um drei Milliarden Euro öffentliche Mittel. Trotzdem will der Konzern sie nur virtuell abhalten – das stößt zusehends auf Unverständnis.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Wenn der Energiekonzern EnBW am 8. Mai 2025 zur Hauptversammlung lädt, steht ein besonderer Punkt auf der Tagesordnung. Die Aktionäre, vorneweg das Land Baden-Württemberg und der Landkreiseverbund Oberschwäbische Elektrizitätswerke (OEW) mit zusammen 93,5 Prozent der Anteile, befinden nicht nur über einen Jahresabschluss mit Milliardengewinn. Sie sollen auch eine Kapitalerhöhung von drei Milliarden Euro absegnen, für die letztlich der Steuerzahler gerade stehen muss: entsprechende Garantien werden von Land und OEW gerade beraten.

 

Doch eines ist genauso wie bei den Hauptversammlungen in den Jahren zuvor: das Aktionärstreffen findet nur virtuell statt, „ohne physische Präsenz“. Der neue Vorstandschef Georg Stamatelopoulos – für ihn ist es bereits die zweite „HV“ als Chef – und der Chefaufseher Lutz Feldmann samt ihren Kolleginnen und Kollegen sitzen in einer Art TV-Studio der EnBW, die Aktionäre verfolgen das Geschehen zuhause oder im Büro am Bildschirm – und können sich von dort aus auch äußern oder Fragen stellen. Kamen früher Hunderte von Anteilseignern in der Karlsruher Schwarzwaldhalle zusammen, zur Diskussion, zum Plausch am Rande und auch zum Imbiss, bleibt nun jeder in seinem Kämmerlein.

Die Ausnahme ist fast zur Regel geworden

Ermöglicht wurde die virtuelle „HV“ während der Corona-Pandemie. Eigentlich als Ausnahme gedacht, ist sie inzwischen fast zur Regel geworden. Viele Unternehmen haben die Vorzüge schätzen gelernt und wollen sie nicht mehr missen. Aufwand und Kosten sind geringer als bei den herkömmlichen Treffen, der Ablauf und der Umgang mit Kritikern lassen sich in der sterilen Atmosphäre besser steuern. Es gibt keine Zwischenrufe, keinen spontanen Beifall und keine Unmutsbekundungen – die Regie hat leichtes Spiel, zumal ein geübter Chefaufseher wie Feldmann.

Genau umgekehrt sehen es viele Kleinaktionäre und Aktionärsvertreter, auch bei der EnBW. Sie verweisen zudem darauf, dass die Zahl der Teilnehmer drastisch gesunken sei – von fast 800 bei der letzten Präsenz-Veranstaltung 2019 auf nur noch etwa 100. Schon in der Vergangenheit gab es scharfe Kritik am virtuellen Format, samt einer „Goldenen Zitrone“ als Negativpreis; man werde Vorstände nicht mehr entlasten, hieß es drohend. Doch die Großaktionäre Land und OEW beeindruckte das wenig, sie beharren auf der virtuellen „HV“ – und lehnen auch eine hybride Form ab. Die digitale und persönliche Teilnahme gleichermaßen zu ermöglichen, sei zu teuer und zu aufwendig, heißt es bei der EnBW.

„Häuptling Stamatelopoulix“ spricht ins Leere

Angesichts der anstehenden Kapitalerhöhung wird die Kritik nun noch lauter. „Bei einer derartigen grundlegenden Entscheidung mit einem derartig hohen Investitionsbedarf ist der direkte Austausch unverzichtbar“, sagt Markus Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Ohne unmittelbaren Eindruck könne man schlecht über die Seriosität der Personen entscheiden, die ein so hohes Finanzvolumen verantworteten. „Eine virtuelle Hauptversammlung bei solchen Kapitalmaßnahmen verbietet sich von selbst“, sagt auch der Stuttgarter Aktionärsvertreter Matthias Gaebler. Wer da den direkten Austausch verhindere, habe sich „aus meiner Sicht bereits disqualifiziert“. Gaebler fiel bei den Treffen oft durch pointierte Redebeiträge auf – und spottet mit Blick auf 2025 bereits über „Häuptling Stamatelopoulix“, der vor der Kamera gleichsam ins Leere spreche. Sein Fazit: „Aktienkultur geht anders.“ Unverständnis erntet der Energiekonzern auch aus der Landespolitik, die der Milliardenspritze zustimmen soll. Niemand dürfe sich angesichts der Kapitalerhöhung „ausgeschlossen fühlen“, sagt der FDP-Abgeordnete Frank Bonath. „Von der EnBW kann man erwarten, dass sie sowohl eine persönliche als auch eine virtuelle Teilnahme ermöglicht.“ Sein SPD-Kollege Nicolas Fink zeigt sich etwas nachsichtiger. Solange Öffentlichkeit gewährleistet sei, alle Informationen vorlägen und Fragen gestellt werden könnten sei „nichts gegen ein digitales oder hybrides Format einzuwenden“.

Doch die EnBW gibt sich unbeirrt. Bereits 2022 habe man per Satzungsänderung die rein virtuelle Hauptversammlung festgeschrieben. Dabei bleibe es.

Weitere Themen