Wenn Barbara Ottmüller, Catrin Zieziula und Beate Stöcklin über ihren Beruf sprechen, dann finden sie dafür auch sehr poetische Worte: „Es ist ein Zauber, unbeschreiblich kostbar und ein einzigartiges Erlebnis“, sagt Catrin Zieziula. Was sie beschreibt, ist die Geburt eines Kindes. Die drei Frauen sind freiberufliche Hebammen. Sie betreuen in der Region rund um Leonberg Mütter vor, teilweise während, und nach der Geburt.
Und das, da sind sich alle drei einig, sei eine Berufung. Zusammen haben sie mehrere Jahrzehnte Erfahrung, sie haben nicht nur freiberuflich, sondern auch in Geburtshäusern oder als festangestellte Hebammen in Kreißsälen gearbeitet – und damit so ziemlich alle Facetten abgeklappert, in denen man den Job als Hebamme gestalten kann.
„Man braucht erst mal nicht viel, nur eine Hebammentasche“
Über ihr Handwerk haben sie viel Gutes zu berichten: „Es ist einer der wenigen Berufe, bei dem man sich nach der Ausbildung schnell selbstständig machen kann“, sagt Barbara Ottmüller. „Man braucht erst mal nicht viel, nur eine Hebammentasche.“ Auf die Menschen, die man begleite, habe man damit aber schon eine gewaltige Wirkung: „Wir sind in einem kleinen Zeitfenster in den Familien, das für sie eigentlich sehr groß ist“, findet sie. Schön sei es, die Familien in den Start zu begleiten.
Laut ihrer Kollegin Catrin Zieziula stehen für viele Familien zunächst Fragezeichen im Raum: „Es kommt ein Kind, was macht man jetzt?“, formuliert es die Hebamme. Sie begegne kurz nach der Geburt häufig verzweifelten Eltern und Babys, die durchgeweint haben. „Nach zwei, drei Monaten sind das Eltern mit Ressourcen, die haben an viel Stärke gewonnen und sind eine richtige Familie geworden. Und du darfst ein Teil davon sein.“ Als Hebamme sei man in dieser Zeit eine wichtige Beratungsinstanz.
Die Hebammen müssen oft Anfragen von werdenden Müttern ablehnen
Obwohl die Betreuung durch eine Hebamme laut den drei Frauen besonders beim ersten Kind unverzichtbar ist, heißt das nicht, dass jede Mutter das in Anspruch nimmt – sei es absichtlich oder den Umständen geschuldet. Auch wenn jede gesetzlich versicherte Schwangere eigentlich den Anspruch auf eine Hebamme hat, finden viele Frauen keine. Zwei bis vier Frauen müsse sie täglich absagen, berichtet Barbara Ottmüller. Für Beate Stöcklin waren es im Spitzenmonat 57 Frauen, zu denen sie Nein sagen musste.
Spitzenverbände warnen deshalb seit eh und je vor Hebammenmangel in Deutschland. Prekärer wird es, weil der Job auch mit viel Druck und Stress verbunden ist – laut einer Studie denkt jede zweite Hebamme ans Aufhören. Und einige tun das auch. Als ihr Ausbildungsjahrgang jüngst 25-jähriges Jubiläum gefeiert hat, berichtet Beate Stöcklin, war die Hälfte ihrer damaligen Mitstreiterinnen nicht mehr als Hebamme tätig.
Ende der Geburtshilfe Leonberg: Für manche Frauen platzt ein Traum
Und dann kommen noch Hiobsbotschaften dazu, wie kürzlich das Aus der Geburtshilfe am Leonberger Krankenhaus. Der dortige hebammengeführte Kreißsaal, einer der wenigen in der Region, hatte einen guten Ruf. Er wurde aber innerhalb weniger Wochen vom zuständigen Klinikverbund unter Berufung auf gesunkene Geburtenzahlen vollständig eingestampft. „In meinem Kurs sind vier Frauen, die dort entbinden wollten“, berichtet Barbara Ottmüller.
Die Nachricht der Schließung in Leonberg schlug dort ein wie eine Bombe. „Da flossen das erste Mal in einem meiner Kurse die Tränen“, sagt sie. Wenn man ihr und ihren Kolleginnen lauscht, wird klar: Eine selbstbestimmte Geburt beginnt für sie schon bei der Wahl des Krankenhauses. „Die Frauen erzählen noch so oft, dass bei der Geburt für sie bestimmt wird“, sagt Catrin Zieziula. In einem hebammengeführten Kreißsaal wolle man das Gegenteil bewirken.
Und die Mütter, die sie im Wochenbett betreuen und in Leonberg entbunden haben? Die seien immer glücklich gewesen, berichten die drei Hebammen. „Da ist ein großes Geschenk eingelöst worden in vier Wochen“, findet Barbara Ottmüller. Catrin Zieziula sieht im Aus der Leonberger Geburtshilfe auch ein gesamtgesellschaftliches Phänomen: Wertschätzung für Mutter und Kind, die koste Zeit, Geld und Kraft. „Und dafür ist der Blick verloren gegangen“, findet sie. „Es wird unterschätzt, wie wichtig der gute Start ins Leben ist.“
Ruhige Stimmung im Kreißsaal: Vieles kann man einfordern
Immerhin: Die Hebammen aus Leonberg und Calw, wo ebenfalls die Geburtshilfe geschlossen wurde, sollen fortan in Böblingen arbeiten. „Viele Hebammen bedeuten schon auch Schutz im Kreißsaal“, sagt Barbara Ottmüller. Für Beate Stöcklin ist die Hebamme während der Geburt eine „Botschafterin im Kreißsaal“. Auch wenn ein Hebammenkreißsaal für Mütter und Kinder ein besonderer Schutzraum sei: Elemente davon könne man auch im regulären Kreißsaal umsetzen. Auch dort kann etwa das Licht gedimmt werden und die Stimmung ruhig sein. „Das muss man aber einfordern“, sagt Barbara Ottmüller. „Das vermittle ich im Vorbereitungskurs. Das ist unsere Aufgabe.“