Heilbronn zeigt Andrea Pichl Ikea-Möbel aus der DDR
DDR und BRD hatten durchaus enge Beziehungen. Die legt die Künstlerin Andrea Pichl offen – und baut dazu Gartenlauben und Kassenhäuschen nach.
DDR und BRD hatten durchaus enge Beziehungen. Die legt die Künstlerin Andrea Pichl offen – und baut dazu Gartenlauben und Kassenhäuschen nach.
Sport kann hochpolitisch sein. Daher wurde in der DDR 1979 Yoga offiziell verboten. Körperliche Hochleistung und sportlicher Kampfgeist waren erwünscht, Yoga galt dagegen als potenziell staatsfeindlich, weil man es für zu spirituell und ichbezogen hielt. Das Foto, das man dieser Tage in der Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn entdecken kann, ist deshalb weniger harmlos, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Denn die Herrschaften, die hier gerade im Schulterstand verharren, waren Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit.
Andrea Pichl hat den Schnappschuss, der in den 1980er Jahren entstanden ist, entdeckt und so vergrößert, dass die Wahrheit umso deutlicher sichtbar wird. Seit vielen Jahren arbeitet sich die Künstlerin an der DDR ab, in der sie selbst groß wurde – und in der sie nicht Kunst studieren durfte. Das konnte sie erst nach der Wende nachholen. Nun hat Pichl – als erste Künstlerin aus der DDR – den Ernst-Franz-Vogelmann-Preis gewonnen, der mit einer Ausstellung in der Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn verbunden ist.
Und dazu hat Andrea Pichl nicht nur viele interessante historische Details zusammengetragen, sondern lässt in der Kunsthalle den Geist des geteilten Deutschlands nachspüren, wobei die Mauer mitunter auch sehr durchlässig war. Wer sich in der BRD seine Möbel bei Ikea kaufte, ahnte nicht, dass zum Beispiel das Sofa Klippan in der DDR produziert wurde. Auch Salamander ließ bei den Brüdern und Schwestern im Osten fertigen. Es gab viele Produkte, die der Westen von drüben importierte, Feinstrumpfhosen, die bei Aldi verkauft wurden, Bettwäsche für Karstadt, Puppen für Quelle.
Die für den Westen produzierten Ostprodukte hat Andrea Pichl auf besondere Weise präsentiert. Sie hat in der Kunsthalle mehrere Häuschen und Lauben aufgebaut – darunter zwei DDR-Gartenhäuschen für den „verwirklichten Wochenend-Traum“, wie es hieß. Der wurde für DDR-Bürger möglich, sofern sie Westgeld besaßen oder Verwandtschaft im Westen hatten, die die Häuschen für sie kauften – mit soliden Devisen. An die versuchte die DDR mit vielen Mitteln zu kommen.
Einfach ist die Kunst von Andrea Pichl freilich nicht. Sie untersucht, wie Architektur mit deutscher Geschichte zusammenhängt und kombiniert dafür reale Gegenstände, zeigt historische Dokumente, greift Zeugnisse der Vergangenheit, aber auch in eigenen Zeichnungen auf oder integriert in ihre Ausstellungen Filme und Fotografien anderer Künstler. In der Summe entsteht ein komplexes Geflecht, bei dem verschiedene Zeiten, Epochen und Bedeutungsebenen ineinandergreifen, deren konkrete Zusammenhänge und historische Hintergründe sich meist nicht direkt ablesen lassen, sondern erst durch die ausführlichen Infoblätter erschließen.
So sieht man den großen Wandteppichen zwar an, dass sie die steinerne Bodenplatte eines Häuschens zeigen, aber man weiß nicht, dass es sich dabei um die WC-Anlage einer einstigen Gaststätte im Berliner Plänterwald handelt, einem Vergnügungspark, dessen Kassenhäuschen ebenfalls für die Ausstellung nachgebaut wurde. Eine Erinnerung an ein Prestigeprojekt, das man sich 160 Millionen DDR-Mark kosten ließ, um die Gäste aus dem Westen zu beeindrucken.
Andrea Pichl hält die Verklärung der DDR und ihrer Geschichte für gefährlich, weshalb sie mit ihren Installationen verschüttete Aspekte der Geschichte beleuchten will. So stolpert man in der Heilbronner Ausstellung über einen Haufen bunter Stoffe. Sie sind allesamt in der DDR produziert worden. Die Textilindustrie der DDR war lange sehr erfolgreich, weil man einen großen Teil ihrer Produktion in den Westen exportierte. Nach der Wende ging es dann bergab.
Wie Geschichte insgesamt nachwirkt, lässt sich besonders gut an Architektur und Wohnbauten ablesen, weshalb Andrea Pichl auch häufig Gitter und Zäune, Türen und Teppiche in ihren Ausstellungen verwendet. In Heilbronn hat sie auch ein sogenanntes Behelfsheim rekonstruiert. Die Hütten wurden 1943 auf Anordnung Adolf Hitlers errichtet für die vom Luftkrieg getroffene Bevölkerung.
Die Zeichnungen und Pläne, die Andrea Pichl im Innern der Hütte zeigt, führen dagegen zum Reichsluftfahrtministerium in Berlin, einem Gebäude, das besonders deutlich die radikalen Brüche und Systemwechsel der deutschen Geschichte spiegelt. Hier wurde die Wannseekonferenz geplant und haben die Nazis die Luftwaffe aufgebaut, die DDR nutzte das Gebäude als „Haus der Ministerien“.
Nach der Wende residierte hier die Treuhand – und einige Zeichnungen erinnern an die Stimmung der Bevölkerung nach der Wende. So kann man da lesen „Treuhand, wie treu handelst du“ lesen oder auch „Schluß mit der VerKOHLerei“.
Preis
Der Franz Vogelmann-Preis für zeitgenössische Skulptur wird alle drei Jahre in Heilbronn vergeben und ist mit 30 000 Euro dotiert. Frühere Preisträger waren Gregor Schneider, Ayşe Erkmen, Richard Deacon oder auch Thomas Schütte.
Info
Ausstellung bis 6.9., geöffnet Di – So 11 bis 17 Uhr, Do 11 bis 19 Uhr. adr