Heimatstadt von Cem Özdemir „Er steht zu seiner Heimat“ – was Bad Urach über seinen Ehrenbürger sagt

Cem Özdemir im Lauf der Zeit: damals als kleiner Junge in Bad Urach, heute als Bundesminister. Foto: privat, imago//Julian Rettig

In der Kleinstadt am Fuße der Schwäbischen Alb ist der Grünen-Politiker aufgewachsen. Nun wird er zum Ehrenbürger. Wie blicken die Menschen dort auf den Mann, der Winfried Kretschmann als Landesvater für Baden-Württemberg beerben möchte?

Baden-Württemberg: Florian Dürr (fid)

Auf dem Klingelschild klebt noch heute der Familienname: das ehemalige Haus der Özdemirs in Bad Urach unweit des Marktplatzes erinnert auch nach dem Tod der Eltern des Grünen-Politikers an den Namen Özdemir. Auf den Fensterscheiben in der Langen Straße 15 verweisen allmählich abblätternde Buchstaben auf die früher von Mama Özdemir betriebene Änderungsschneiderei. Ihr Sohn Cem ist Bad Urachs, beziehungsweise Deutschlands bekanntester Özdemir.

 

Auf ihn sind am Reformationstag alle Augen gerichtet, wenn die Kleinstadt den 58-Jährigen zum Ehrenbürger ernennt. Spricht der Bundesminister über Heimat, dann geht es häufig um die Kleinstadt am Fuße der Schwäbischen Alb: Im Kreis Reutlingen gelegen, mit rund 12 900 Einwohnern, bekannt für Wasserfälle und Thermalbad. Hier hat für den Grünen-Politiker alles begonnen.

Bolzplatz-Mitspieler erinnert sich an den jungen Cem Özdemir

„Seine Mutter war bei uns Kundin, da hat man viel mitgekriegt“, erzählt Lina, die in Bad Urach ein Friseurgeschäft betreibt und an einem sonnigen Mittag am früheren Haus der Özdemirs vorbeigeht. „Cem Özdemir hat viel von seinen Eltern geerbt: er ist sehr freundlich und redet mit den Leuten, wenn er hier ist“, sagt die 62-Jährige. Als Gastarbeiter aus der Türkei waren Abdullah und Nihal Özdemir nach Deutschland gekommen, in Bad Urach haben sie sich kennengelernt. Am 21. Dezember 1965 wird ihr gemeinsamer Sohn Cem in der Kleinstadt geboren, wächst dort auf – und macht seine ersten politischen Erfahrungen.

Das frühere Haus der Özdemirs in Bad Urach erinnert heute noch an die von Mama Özdemir betriebene Änderungsschneiderei. Foto: STZN/Dürr

„Cem hat den Müll getrennt und von Recycling gesprochen, da waren das für uns noch Fremdwörter“, erzählt Heinrich Beck, der eine Bäckerei-Filiale in der Kleinstadt betreibt und Cem Özdemir noch vom Kicken auf dem Bolzplatz kennt. „Wir sind stolz, dass Cem in der Politik erfolgreich ist und unser Ministerpräsident werden will“, sagt Beck. Seine Heimat habe Cem Özdemir während seines politischen Aufstiegs nie aus den Augen verloren. Heute lebt der „anatolische Schwabe“, wie er sich selbst einmal bezeichnete, zwar mehrere hundert Kilometer entfernt in Berlin, wo er seiner Arbeit als Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft nachgeht. Aber immer wieder betont der Grünen-Politiker in seinen Reden, wie ihn die schwäbische Kleinstadt auf seinem Weg geprägt hat.

Eine Strafarbeit weckt Özdemirs politisches Interesse

Am vergangenen Freitag gab es für Özdemir mal wieder einen Anlass: Er will Winfried Kretschmann als Landesvater für Baden-Württemberg beerben. Und was passt da besser ins Motivationsschreiben als der Verweis auf gelebte Heimatverbundenheit? Gleich im zweiten Satz erwähnt Özdemir Bad Urach. „Mich freut es, wenn er immer wieder zeigt, dass er zu seiner Heimat steht“, sagt eine Passantin auf dem Uracher Marktplatz. Dass er die Verbindung nie hat abreißen lassen, wird ihm hier hoch angerechnet.

„Cem Özdemir kommt immer wieder nach Bad Urach. Wenn wir Unterstützung brauchen, können wir uns an ihn wenden und wissen, dass er sich dafür einsetzt“, sagt Bad Urachs Bürgermeister Elmar Rebmann (SPD). Özdemir habe nie vergessen, „wo seine Wurzeln liegen – und was er diesen Wurzeln zu verdanken hat“, so Rebmann.

Cem Özdemir (li.) mit seiner früheren Nachhilfelehrerin Irmgard Naumann (re.) im vergangenen Jahr beim Schäferlauf in Bad Urach. Foto: imago//Julian Rettig

Deshalb pflegt der Grünen-Politiker auch heute noch den Kontakt zu alten Freunden und Bekannten. Einen besonderen Platz in seinem Herzen nimmt seine ehemalige Nachhilfelehrerin Irmgard Naumann ein. Sie wird beim Festakt am Donnerstagabend auch die Laudatio halten. „Cem hat Diktate mit 80 Fehlern geschrieben, da war alles rot“, erinnert sich die 73-Jährige. In der Grundschule sei er noch brav und zurückhaltend gewesen, später entwickelte er sich zum „Lausbub“. Eine Strafarbeit, für die er 14 Tage am Stück die Tagesschau anschauen musste, habe sein politisches Interesse geweckt. „Cem hat sofort einen Draht zu Menschen, er schwätzt mit dem Bürgergeldempfänger so wie mit der Queen“, sagt Naumann: „Das macht ihn so einzigartig.“

„Unterscheiden zwischen der Person Özdemir und dem Politiker Özdemir“

Sie, FDP-Mitglied, hofft, dass Özdemirs Partei noch zulegt bis zur Landtagswahl 2026, damit ihr ehemaliger Nachhilfeschüler neuer Ministerpräsident von Baden-Württemberg wird. Denn Stand jetzt müssten die Grünen eine gewaltige Aufholjagd hinlegen. Auch in Bad Urach gibt es kritische Stimmen: „Man soll nicht Autofahren, nicht fliegen. Aber selber sind seine Kinder mit dem Flieger von Berlin zur Oma nach Bad Urach gekommen“, ärgert sich Lina vor dem früheren Haus der Özdemirs.

Auch der CDU-Fraktionsvorsitzende im Bad Uracher Gemeinderat, Michael Schweizer, sagt: „Man muss unterscheiden zwischen der Person Özdemir und dem Politiker Özdemir“. Ersterer sei sehr anerkannt in Bad Urach, letzterer als Teil der aktuellen Bundesregierung eher weniger beliebt. Und wenn es nach Schweizer geht, muss der Nachfolger von Kretschmann nicht unbedingt Uracher sein: „Der nächste Ministerpräsident heißt Manuel Hagel.“

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