Heimlicher Coup 1986 Über Nacht: So entstanden in Stuttgart die ersten Frauenparkplätze Deutschlands

In der Stuttgarter Rathausgarage wurde 1986 Geschichte geschrieben. Die damalige Frauenbeauftragte Gabriele Steckmeister stellt die Frauenparkplätze vor. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Horst Rudel

Vor 40 Jahren dachte sich die damalige Stuttgarter Frauenbeauftragte Gabriele Steckmeister Parkplätze für Frauen aus – und setze sie mit einem Verbündeten einfach um.

Gabriele Steckmeister ist eine streitbereite Frau, die von sich selbst sagt, dass die gerne provoziert. Als sie im November 1985 zur ersten Stuttgarter Frauenbeauftragten gewählt wurde, betraten sie und die Stadtverwaltung Neuland. Unter dem damaligen Oberbürgermeister Manfred Rommel war das. Steckmeister, damals 33 Jahre alt und promovierte Sozialwissenschaftlerin, scheute die Auseinandersetzung nicht.

 

Dass damals erst erfunden werden musste, was heute so selbstverständlich scheint, ist eine der Geschichten, die mit Steckmeisters Person verbunden ist. Keine drei Monate war sie da im Amt. Die inzwischen in Berlin ansässige Hochschulprofessorin nennt es rückblickend die „geduldete Abkürzung des Dienstweges“. Motto: Einfach machen. Das klingt für eine Aktion aus dem Inneren der Verwaltung unkonventionell. Damals war es der Coup schlechthin. Über Nacht gab es in der städtischen Rathausgarage mit einem Mal 25 Frauenparkplätze – sieben im Erdgeschoss und 18 weitere im ersten Obergeschoss. Am Morgen des 24. März 1986 waren sie da. Die Schilder festgeschraubt an den Betonpfeilern. Einfach so?

Die Idee der Frauenparkplätze: Mehr Sicherheit für Frauen

Natürlich nicht. „Die Idee entstand in meinem Kopf“, sagt Steckmeister heute. Sie wollte etwas für die Sicherheit von Frauen in Tiefgaragen tun. Sie wollte aber auch generell auf die Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen. Für die Parkplatzinstallation hatte sie einen Verbündeten in der Stadtverwaltung. „Nacht-und-Nebel“-Aktion hat sie ihre Tun in einem Interview mit dieser Zeitung vor 15 Jahre auch genannt. Ihr Komplize war der damalige Tiefbauamtsleiter Erich Schurr. Er kann leider nicht mehr von diesem leicht subversiven Tun erzählen, da er 2017 mit 87 Jahren verstorben ist. Aber Steckmeister berichtet, dass er ihre Idee toll gefunden und ihr gesagt habe: „Lassen Sie die Schilder drucken“. Ab 17 Uhr waren die Parkplätze für Frauen reserviert und mit einer Notrufklingel versehen, um in Gefahrensituationen Alarm geben zu können.

Einen Tag nach der Schildermontage standen Steckmeister und Schurr bei einem Pressetermin in der Rathausgarage und stellten das neue Angebot der Stadt der Öffentlichkeit vor. „Wir wollen Vorreiter sein“, sagte Schurr. Stuttgart, so sagt es Steckmeister, war die erste Stadt, die Frauenparkplätze hatte. Weitere sollten folgen. Im Amtsblatt, wo Steckmeister unter der Rubrik „Thema Frauen“ regelmäßig schrieb, erklärt sie, die Frauenparkplätze nicht installiert zu haben, um „Privilegien für Frauen auf Kosten der Männer zu erringen“. Sondern vielmehr in einer Gesellschaft, in der alle vier bis sieben Minuten eine Frau vergewaltigt werde, „einen wirksamen – wenn auch nur oberflächlichen – Schutz zu schaffen“. Das entbinde Frauen nicht von individuellen Schutzmaßnahmen.

Die Signalwirkung, auf die Steckmeister setzte, trat offenbar ein. In Stuttgart zogen wenig später weitere kommunale Tiefgaragen nach. Im Juni berichtete Steckmeister in ihrer Kolumne im Amtsblatt, die Garage im Schwabenzentrum, unter dem Österreichischen Platz, in der Sophienstraße und die Freifläche am Rotebühlparkplatz hätten nun auch Frauenparkplätze. Auch private Parkhäuser, die durch kommunale Gelder mitfinanziert wurden, nahmen die Idee auf. Und dann auch andere Städte. Auch das Innenministerium prüfte, wie es sich an der Idee beteiligen könne. Von Stuttgart aus trat die Idee des Frauenparkplatzes ihren Siegeszug durch die Republik an.

Historisches Schild aus der Rathausgarage. Foto: StZN/Rudel

Die Nachfrage eines Zeitungskollegen, ob die Regelung nicht gegen das Gleichstellungsgebot verstoße und Männer benachteilige, ließ nicht auf sich warten. Das subjektive Schutzbedürfnis einer Frau sei mit dem eines Mannes in einer Tiefgarage nicht zu vergleichen, erklärte der damalige Rechtsreferent der Stadt damals im Interview.

Heute sieht Gabriele Steckmeister zwar noch immer die Notwendigkeit von Frauenparkplätzen, „möglichst am Ein- und Ausgang platziert“. Doch solange ein missbräuchlicher Nutzen durch Männer in Parkhäusern und privaten Einkaufsplätzen nicht durch die Straßenverkehrsordnung sanktioniert werde, „ist meine Position, dass sie abschaffbar sind“.

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