Kinderheim St. Josef in Ludwigsburg Ein Alltag aus Gewalt, Demütigung und Missbrauch

Corinna Hofmann hat im Kinderheim St. Josef die Hölle erlebt, bis heute holen sie die Erinnerungen immer wieder ein. Foto: Andyy Photography/Andrea Walter

Corinna Hofmann hat ihre Kindheit im katholischen Kinderheim St. Josef in Ludwigsburg-Hoheneck verbracht – und ein Martyrium von Gewalt, Demütigung und sexuellem Missbrauch erlebt. Diese Traumatisierung verfolgt sie bis heute.

Sie ist eine starke Frau. Corinna Hofmann hat drei Kinder als alleinerziehende Mutter großgezogen. Nachts hat sie bei der Post gearbeitet, um tagsüber für die Kinder da zu sein. Wer sie in ihrem Wohnort Nürnberg trifft, sieht eine 54-jährige Frau, die im Gespräch Blickkontakt sucht, mit beiden Beinen im Leben steht. Sie kommt von der Nachtschicht, zündet sich eine Zigarette an. „Das war mein Stück Freiheit, immer schon“, sagt sie. Wenn sie als Teenager im Park des Kinderheims in Ludwigsburg-Hoheneck stand, gezeichnet von jahrelangen Prügelstrafen, eisiger Gefühlskälte und einem Missbrauch durch einen Pfarrer. Was Corinna Hofmann an Leid erlebt hat, wäre für zwei Leben zu viel.

 

Der Aufklärer der Odenwaldschule wird eingeschaltet

Sie steht stellvertretend für eine Gruppe von Hunderten ehemaligen Heimkindern, die in den 50er bis 70er Jahren im katholischen Kinderheim St. Josef gelebt haben – einem vom katholischen Karmelitinnen-Orden betriebenen Heim, deren Namenszusatz „Vom Göttlichen Herzen Jesu“ für die Kinder wie Hohn klang. Auf Initiative der Heimkinder hat das Münchner IPP-Institut, das schon die Fälle in der Odenwaldschule und im Kloster Ettal untersucht hat, nun einen 170 Seiten starken Bericht vorgelegt. In ihm steht schwarz auf weiß, was Corinna Hofmann und andere immer wieder erzählen wollten – und niemand ihnen glauben wollte. Ein Lehrer in Ludwigsburg hat einmal gesagt, sie hätten eine „blühende Fantasie“, ein Mitarbeiter des Jugendamts, dem sie sich offenbart haben, hat sie ausgelacht.

Corinna Hofmann kam als Kleinkind in das Heim, das auf dem Klostergelände von Hoheneck seit 1930 von Nonnen betrieben wurde – die nur dem Papst rechenschaftspflichtig sind. Ihre Familie war zerrüttet, ihre Mutter zog durch die Kneipen, das Kind war ihr lästig. „Sie ist zu früh gestorben, sie hätte länger leiden müssen“, sagt Corinna Hofmann über ihre Mutter. Diese bezeichnete sie einmal als einen „undankbaren Fratz“.

Doch das Kinderheim war nicht der sichere Hafen, der es hätte sein müssen. „Es gab keinerlei Liebe, keine Fürsorge, ich hatte niemanden, mit dem ich sprechen konnte“, erinnert sich die 54-Jährige. War sie als Kind traurig oder wagte gar zu weinen, wurde sie verprügelt. Gewalt war Alltag – die Nonnen waren überfordert und tradierten Wertvorstellungen aus dem 19. Jahrhundert. Besonders gefürchtet waren Schläge mit der Rückseite eines Kehrbesens, aus dem schon die Drähte schauten. Geschlagen wurde, bis Blut floss.

Kinder mussten sogar Erbrochenes essen

Wer nachts ins Bett gemacht hat, wurde mit dem Kopf in das urinierte Laken gedrückt, eiskalt abgeduscht und musste stundenlang auf dem Gang stehen, eine öffentliche Demütigung. Kleinkinder wurden an der Toilette festgebunden, wer nicht aufessen wollte, musste am Tisch sitzen bleiben – und manchmal sogar Erbrochenes essen. „Ich hatte immer Angst, Angst vor allem. Angst vor dem Einschlafen, Angst, etwas falsch gemacht zu haben, etwas Falsches gesagt zu haben“, erzählt Corinna Hofmann. Diese Angst begleitet sie bis heute: „Sie kommt aus dem Nichts, meine Kinder verstehen es nicht. Ich kann nichts dagegen tun.“

Die Oberin hielt die Nonnen an, Distanz zu zu wahren – emotionale Nähe zu Kindern war verpönt. Corinna Hofmann erinnert sich daran, wie sie als 15-Jährige ausriss, weil sie es nicht mehr aushielt. Als sie zurück ins Heim kam, war sie für die anderen Luft. „Niemand durfte mit mir reden, keine Schwester, kein Kind, tagelang, wochenlang“, erinnert sie sich. Das war so unerträglich, dass Corinna Hofmann sich fühlte wie ein Geist. „Wenn ich hierbleiben muss, bringe ich mich um“, hat sie sich dann irgendwann gesagt. Ihren eigenen Wert als Menschen zu erkennen, das hat sie nie gelernt – die katholischen Nonnen hatten ihr immer eingetrichtert: „Du landest in der Gosse, du bist ein verdorbenes Kind.“ Solche Sätze waren noch schlimmer als die Schläge – das Gefühl, einfach nichts wert zu sein.

30 Jahre hat ihr niemand geglaubt

Über all dies hat Corinna Hofmann nie sprechen können – bis unsere Zeitung 2018 die Heimkinder aufgesucht und interviewt hat. Selbst damals konnte sie noch nicht erzählen, was in ihrer Kindheit all die Grausamkeiten an Monstrosität noch überragt hat: der Missbrauch. Er kam daher in der Gestalt eines freundlichen und charismatischen Menschen: Jugendpfarrer Wilfried Metzler, ein fröhlicher, braun gebrannter Mann. „Er war eine Erscheinung“, erinnert sich Corinna Hofmann. Endlich jemand, der warmherzig auftrat, den Kindern zuhörte. Sie sogar auf seinem Pferd reiten ließ – und der Spielkamerad war, den sie so sehnlich vermisst hatten. Auch andere Zeitzeugen bezeichnen ihn als unglaublich zugewandten Mann, einen Menschenfischer.

Doch hinter der glänzenden Fassade versteckte sich ein Abgrund an Niedertracht. Sonntags nach dem Gottesdienst mussten die Mädchen zur Beichte – allein in ein Zimmer mit Pfarrer Metzler. Die Nonnen zogen ihnen dazu extra kurze Kleider an. Dann mussten sich die Kinder auf den Schoß des Pfarrers setzen. „Er war so freundlich, doch dann hat er verlangt, dass wir sein Glied streicheln mussten“, sagt Corinna Hofmann und muss den Blick abwenden. Auch zu Oralverkehr wurde sie gezwungen – noch heute wird ihr übel, wenn sie daran denkt.

Ein System von Missbrauch durch einen Pfarrer

Eine Erzieherin organisierte die „Zuführung“ der Kinder, wurde selbst regelmäßig übergriffig und riss Mädchen nachts aus dem Schlaf, um sie zu missbrauchen. Die Nonnen wussten von den systematischen sexuellen Übergriffen – Corinna Hofmann hat es ihnen erzählt und wurde deswegen als „Schandmaul“ verunglimpft, wurde so erneut zum Opfer. „Bis heute kann ich keinen Mann an mich heranlassen, ich ertrage keine Nähe“, sagt sie, „dann wird mir wieder übel.“ Nachdem immer mehr Zeugen diese Vorfälle bestätigt haben, kann auch sie darüber reden.

Jetzt endlich liegt alles auf dem Tisch, der IPP-Bericht dokumentiert auch diese Ungeheuerlichkeit. „Das Heim hatte institutionelle Gewalt und Machtmissbrauch zum Prinzip“, sagt Florian Straus, der Leiter des Instituts, „die emotionale Kälte ist eine Besonderheit dieser Einrichtung.“ Das Hohenecker Heim steht beispielhaft für viele Einrichtungen in den 60ern und 70ern – und doch wurden die Kinder hier besonders brutal und kaltherzig behandelt. „Das war nicht üblich, auch nicht in dieser Zeit.“

Die Ordensoberin Schwester Edith Riedle hat sich nach anfangs zögerlicher Aufklärung kooperativ gezeigt und sich entschuldigt. „Wir haben Schuld auf uns geladen, es tut uns leid“, sagte sie öffentlich. Der Orden überarbeitet seine internen Richtlinien, auch für die drei Kinderheime in Südkorea und den USA, die er noch betreibt. Das Heim in Hoheneck wurde 1992 geschlossen. Für Corinna Hofmann war das Eingeständnis eine Erleichterung, dass ihre Erinnerungen nicht mehr als „Hirngespinste“ abgetan werden. Im Aufklärungsprozess gab es eine vorsichtige Annäherung von ehemaligen Heimkindern und Ordensschwestern – doch manche haben Zweifel, ob bei den Karmelitinnen die letzte innere Einsicht da ist, dass die autoritären Strukturen und Werte der Organisation ein Teil des Problems sind.

Die eigenen Kinder als Schutzburg

Die Kindheit im „Kinderknast“, wie ein Polizist das Josefsheim einmal nannte, hat Corinna Hofmann geprägt, bis heute. Sie suchte unbewusst Kontakt zu Männern, die sie erniedrigten und quälten, wurde mit 17 schwanger, führte in Nürnberg zehn Jahre eine Beziehung voller Gewalt und neuen Demütigungen. Erst als sie ins Frauenhaus ging mit den Kindern, eine neue Wohnung bezog, ging es aufwärts. Seither lebt sie alleine, kann niemanden an sich heranlassen. Und doch ist es ihr gelungen, eine Schutzburg zu bauen: durch den Kontakt zu ihren Kindern, die 32, 35 und 37 Jahre alt sind. „Bei uns gilt: einer für alle, alle für einen.“ Endlich ein sicherer Hafen, nach all den harten Jahren.

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