Heizen in Stuttgart „Erdgas ist nicht die Zukunft“ – Wie der Ausstieg in Stuttgart ablaufen könnte

Wann wird in Stuttgart das Gas endgültig abgedreht? Der Netzbetreiber äußert sich dazu. Foto: Imago/Rolf Poss

Erste Teilstücke des Stuttgarter Gasnetzes wurden bereits stillgelegt. Eine neue Biogas-Pflicht erhöht bald den Druck auf Energieabnehmer. Wir erklären, wie der Wandel gelingen soll.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Erdgas ist der dominierende Energieträger fürs Heizen in Stuttgart. Momentan macht fossiles Gas einen Anteil von 61 Prozent aus. Das hat so keine Zukunft, sagen die Verantwortlichen bei Stuttgart Netze, einer Tochter der Stadtwerke, die das Stuttgarter Gasnetz seit dem 1. Januar 2025 betreibt. Hier erklären sie, worauf es bei der Transformation ankommt und wie sie ablaufen könnte.

 

Wie viele Gasanschlüsse gibt es in Stuttgart?

Die Zahl der aktiven Gasanschlüsse hat sich nach Auskunft der Stuttgart Netze in den vergangenen sechs Jahren kaum verändert. In der Coronazeit gab es einen leichten Anstieg, Gas galt vor Putins Krieg gegen die Ukraine und vor der Gaskrise als Brückentechnologie. „Das war damals noch en vogue“, sagt Harald Hauser, technischer Geschäftsführer der Stuttgart Netze. „Bis 2022 hat die Stadt Stuttgart Gasanschlüsse sogar noch gefördert.“

Fabian Rathmann (l.) und Harald Hauser von Stuttgart Netze Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

2020 gab es demnach 56.895 Gasanschlüsse, aktuell seien es 56.890. Wichtig: Hinter einem Gasanschluss können im Falle von Mehrfamilienhäusern auch mehrere Wohneinheiten hängen. Auch Doppelhaushälften haben oftmals einen gemeinsamen Anschluss. Die Zahl der inaktiven Gasanschlüsse ist leicht gestiegen: von 2877 (2020) auf 3100 (2026). Das Gasnetz in Stuttgart ist rund 2100 Kilometer lang.

Gibt es bereits stillgelegte Teile des Gasnetzes in Stuttgart?

Ja, Stuttgart Netze hat 2025 etwa 1,7 Kilometer stillgelegt. Ein Beispiel sei ein 270 Meter langer Abschnitt an der Botnanger Steige, sagt Fabian Rathmann, der bei den Stuttgart Netzen für den Netzbetrieb und die Transformation weg vom Gas zuständig ist.

Eine andere Neuerung, die die Stuttgart Netze erstmals ausprobieren: Im Park der Villa Berg haben sie eine inaktive Gasleitung genutzt, um Stromkabel darin zu verstauen.

Wann legt der Netzbetreiber ein Stück Gasnetz still?

Aktuell gilt, dass der Netzbetreiber eine Versorgungspflicht hat. Heißt, dass die Gas-Infrastruktur bestehen bleiben muss, solange mindestens ein Gas-Anschluss – beispielsweise an einer Straße – vorhanden ist.

Es bleibt allerdings abzuwarten, ob Netzbetreiber an dieser Stelle künftig mehr Spielraum bekommen und auch ihrerseits einen Anschluss kündigen dürfen. Wenn beispielsweise alle Nachbarn bis auf einen (oder wenige) auf eine emissionsfreie Heizung umgestiegen sind. Bis August muss die Bundesregierung eine EU-Richtlinie umsetzen, die den Netzbetreibern an dieser Stelle mehr Beinfreiheit einräumen könnte.

Bedeuten weniger Gasanschlüsse höhere Kosten?

Die Kosten für den Erhalt und den Betrieb des Gasnetzes darf der Netzbetreiber auf die Gaskunden in Form von Netzentgelten umlegen. Hängen immer weniger Abnehmer am Netz, steigt der zu bezahlende Anteil für den Einzelnen.

An dieser Stelle ist Harald Hauser eine Einordnung wichtig: Die Kleinverbraucher – also die Stuttgarter Haushalte – machen nur acht Prozent beim gesamten Gasverbrauch aus – obschon auf sie knapp 53 Prozent der Gaszähler entfallen. Das bedeute: Selbst wenn alle Privathaushalte auf Fernwärme oder Wärmepumpe umgestiegen sind, hätte dies keine eklatanten Auswirkungen auf die Höhe der Gaspreise. Die Netzentgelte machen laut Hauser 18 Prozent des Preises aus.

Rund 200 Großabnehmer, darunter Kraftwerke, die Unternehmen der Automobilbranche und auch Krankenhäuser, verbrauchen laut Stuttgart Netze 46 Prozent des Gases. Steige ein Großkunde um, habe dies merkliche Auswirkungen. „Das ist die eigentliche Dramakurve, die in dem Thema liegt“, sagt Harald Hauser. „Zu beobachten ist, was die Industrie macht.“

Bis wann wird es Gas in Stuttgart geben?

„Erdgas ist nicht die Zukunft“, sagt Fabian Rathmann. Wie lange die Transformation dauern wird, sei aber schwer abzuschätzen. Momentan seien die Zahlen beim Gasausstieg recht niedrig.

Was wird künftig aus dem Stuttgarter Gasnetz?

Die Leitungen sollen voraussichtlich langfristig im Boden bleiben. „Es bahnt sich an, dass es keine Rückbauverpflichtungen geben soll“, sagt Harald Hauser. Dass irgendwann Wasserstoff durch die Gasleitungen in die Stuttgarter Heizungskeller fließen wird, glaubt er nicht. „Die Wohnung mit Wasserstoff heizen – bei aller Fantasie der Welt: nein.“ Das sehen die meisten Experten ähnlich; um Häuser und Wohnungen zu heizen, dafür ist Wasserstoff schlicht zu teuer. Zudem wird er dringender in der Industrie benötigt.

Der Mannheimer Energieversorger MVV sieht das genauso. Dort hatte man den beschlossenen Gasausstieg im vergangenen Jahr offensiv kommuniziert, um die Menschen zum Umstieg zu bewegen.

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