Hermann Peters Himmlers Hundeforscher

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Hermann Peters sollte Stuttgarts Zoo am Killesberg planen. Stattdessen untersuchte er auf Wunsch von ganz oben Hunderassen. Porträt eines Mitläufers.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Die Nazis waren Menschenhasser und Hundefreunde. Adolf Hitler hatte ein Dutzend Schäferhunde und nahm im April 1945 zwei von ihnen mit in den Tod. Die Idee reinrassiger Tiere steht sinnbildlich für die auf Exklusion und Eugenik fixierte Naziideologie. Was dieser Teil der deutschen Geschichte mit Stuttgart zu tun hat, erzählt die Personalie Hermann Peters.

 

1907 kommt Peters in einem Vorort der schlesischen Stadt Kattowitz zur Welt. Nach dem Ersten Weltkrieg studiert und promoviert er in Biologie an den Universitäten Breslau, Berlin und Kiel, begleitet Alfred Wegener bei dessen Grönland-Expedition. Zwischen 1931 und dem Umsturz 1934 leitet er den königlichen Zoo in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Von 1936 an übernimmt er in Stuttgart die damals anlaufenden Planungen für einen städtischen Zoo auf dem Killesberggelände. Er freundet sich mit dem Oberbürgermeister Karl Strölin an, der ihn 1939 zum Leiter des neu eingerichteten Amts für Tierpflege beruft.

Foto aus Peters’ Personalakte von 1936 Foto: Stadtarchiv

Mit dem Überfall auf Polen im selben Jahr sind die Zoopläne ad acta gelegt. Ansonsten scheint der Krieg Peters nur wenig zu berühren. Die Wehrmacht hat ihn ausgemustert, er wohnt mit seiner Mutter zur Untermiete am Kräherwald – also nicht weit weg von seinem Büro am Kochenhof, wo Peters sich dank der guten Beziehung zu Strölin und dem Nazirichter Hermann Cuhorst ungestört seiner Forschung widmen kann. 1940 erscheint etwa sein Buch „Haustier und Mensch in Libyen“: Peters hat während einer wochenlangen Expedition urwüchsige Haustiere auf ihre Eignung für nordafrikanische Kolonien untersucht, außerdem Libyer fotografiert, vermessen und Typen wie der „wüstenländischen Rasse mit Berbereinschlag“ zugeordnet – eine Anbiederung an die Rassenideologie der Nazis.

Als Amtsleiter hält Peters Fachvorträge und konzipiert Ausstellungen. Er betreut die für den Zoo am Killesberg vorgesehenen Tiere oder organisiert den aus Futtermangel notwendigen Abtransport dreier Braunbären nach Hamburg. Sein Amt betreibt außerdem eine Kaninchenzucht und lässt für die Winterfütterung der Vögel Tausende Nistkästen aufhängen – das läuft damals unter dem Stichwort „Naturschutz“.

Entsetzte Rechnungsprüfer

Peters erregt Unmut in der Stadtverwaltung, weil er immer neue Ressourcen für sein Amt fordert – und auch bekommt. Zwischen 1939 und 1942 wächst der Personalbestand von von acht auf vierzehn Mitarbeiter „Dr. Peters scheint mir trotz des Krieges das Bestreben zu haben, sein Amt sehr stark ausbauen zu wollen“, heißt es in einer Aktennotiz. Die städtischen Rechnungsprüfer stellen drei Jahre nach Kriegsbeginn einigermaßen entsetzt fest, dass Peters von Stuttgart aus Hundeschlachtungen in Schleswig-Holstein erforscht. Oder dass er 1500 handschriftlich ausgefüllte Fragebögen von Stuttgarter Hundehaltern einem Grafologen übergibt, damit der auf den Charakter jener Hundebesitzer schließe.

„Ich habe den Eindruck, dass die Weiterbearbeitung als nicht kriegswichtig schleunigst eingestellt werden sollte“, heißt es im Schreiben an Oberbürgermeister Strölin. Der freilich protegiert Peters auch gegen andere Angriffe aus der Verwaltung, weil er seinen Freund für einen fähigen Wissenschaftler hält.

So geht Peters jahrelang und vom Krieg anscheinend unbehelligt seiner Forschung nach. Ergebnisse dieser Arbeit sind in der „Kriegsfilmchronik“ ebenso dokumentiert wie in den Zeitungen jener Jahre. Peters ist, soweit sich das aus den Akten rekonstruieren lässt, alles andere als ein strammer Nationalsozialist. Aber er integriert skrupellos rassistische Kategorien in seine wissenschaftliche Arbeit und bedient auch landsmannschaftlichen Stolz.

„Das klassische Land der Hundezucht ist seit jeher Württemberg gewesen“, schreibt im Sommer 1941 die „Württemberger Zeitung“ nach einem Interview mit Hermann Peters in ihrer Vorschau auf eine Hundeausstellung am Killesberg. Peters zeigt Schautafeln und erklärt, dass Hunde im Krieg menschliche Arbeitskraft ersetzen sollen. Was harmlos klingt, bedeutet in der Realität, dass Wachhunde KZ-Häftlinge auf Befehl totbeißen.

Peters vor einer Schautafel zu Hunden Foto: Stadtarchiv

Anfang Mai 1942 wird es ernst für Hermann Peters. Ernst Schäfer ist aus München nach Stuttgart gekommen. Er gehört zum persönlichen Stab des Reichsführers-SS Heinrich Himmler und bringt laut einer Mitschrift „dessen Wunsch zum Ausdruck“, dass das Stuttgarter Institut Züchtungsversuche an Hunden durchführen sollten, die von einer Expedition nach Tibet mitgebracht worden waren. Eigentlich hatte Himmler dort nach den Ur-Ariern suchen lassen, um die rassistische Weltanschauung der Nazis zu stützen. Gefunden wurden aber lediglich jene Tiere, die Hermann Peters zu „Schutzhunden für den Kampf im Osten“ heranzüchten soll. Nur zwei Wochen nach der Unterredung bezieht neben den Hunden ein SS-Mann am Killesberg Quartier, um deren artgerechte Haltung sicherzustellen.

Himmler bekommt seinen Willen nicht

Dabei bleibt es freilich nicht. Himmler überlegt es sich rasch anders und will die Hundeforschung komplett unter seine Aufsicht stellen. Peters wird ins brandenburgische Sperenberg an die von der Wehrmacht betriebene Hunde- und Brieftaubenschule versetzt. Weil er seine Fähigkeiten nach eigener Ansicht dort nicht angemessen einbringen kann, kommt er Himmler zuvor und besorgt sich einen als kriegswichtig deklarierten Forschungsauftrag für sein Stuttgarter Institut. Er soll für die Entwicklung von Hundegasmasken Tierschädel vermessen, wird unabkömmlich gestellt und kehrt zur Stadtverwaltung zurück.

Himmlers Leute halten davon natürlich gar nichts. 1943 fordern sie ihn auf, sich „freiwillig“ zur Waffen-SS zu melden und dort die Hundeforschung fortzusetzen. Peters spielt auf Zeit, ignoriert sogar Drohungen des Nazirichters Cuhorst und wird von einem Himmler-Vertrauten als „Drückeberger“ beschimpft. Himmler bekommt seinen Willen trotzdem nicht: Hermann Peters wird zur Wehrmacht eingezogen, kommt nach der Musterung aber sofort ins Lazarett. Auch aus Himmlers Hundeinstitut wird nichts: Der Entwurf für eine Satzung verbrennt bei einem Luftangriff, und weil sich das Kriegsglück im Laufe des Jahres 1943 wendet, verläuft die Sache im Sande.

Nach dem Krieg hilft Peters seine Verweigerungshaltung. Im Oktober 1947 stuft die Spruchkammer ihn als Mitläufer ein, er kann seine wissenschaftliche Arbeit fortsetzen. Bis 1950 bleibt der Biologe in Stuttgart, arbeitet an seiner Rehabilitierung und dokumentiert unter anderem den Kampf gegen die Rattenplage in der zerbombten Stadt. Er beendet seine Karriere an der Universität Heidelberg, wo er von 1965 an die Abteilung für Parasitologie leitet. Seine Geschichte, sagt der Stadtarchiv-Historiker Günter Riederer im Film über Peters’ Amt, ist „ein weiteres Beispiel für die Kontinuität von Funktionseliten vor und nach 1945“.

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