Hilferuf von Stuttgarter Tagesmüttern Zu viele freie Plätze – „Das Sterben des Berufsstands nimmt Fahrt auf“

Eine Tagesmutter bietet in der Regel fünf Plätze an. Wenn einige über längere Zeit nicht belegt sind, bringt sie das als Selbstständige in finanzielle Schwierigkeiten. Foto: dpa/Arno Burgi

Obwohl Eltern oft händeringend einen Betreuungsplatz für ihr Kind suchen, sind viele Tagesmütter und -väter nicht mehr voll belegt. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz und was läuft da schief?

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Die Klagen reißen nicht ab: Viele Eltern in Stuttgart suchen händeringend nach einer Kita. Aktuell fehlen 1800 Plätze für Kinder im Alter von null bis drei Jahren und 1100 Plätze für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren, erklärt die Pressestelle der Stadt auf Nachfrage. Doch gleichzeitig bangen Tagesmütter und -väter um ihre Existenz, weil sie nicht mehr genügend Betreuungsverträge abschließen. Einige von ihnen haben sich nun zusammengetan und mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit gewandt.

 

Für manche komme dieser Hilferuf bereits zu spät, sagt Melanie Wilke, die Sprecherin der 26-köpfigen Gruppe. Nur noch zwei von ihnen seien als Tagesmütter und -väter voll belegt. Sie selbst habe das Glück, darunter zu sein. Viele Kolleginnen und Kollegen hätten seit Monaten keinerlei Anfragen von Eltern mehr erhalten. Im Gegensatz dazu hätten sie früher alle sehr lange Wartelisten gehabt. Seit der Caritasverband der alleinige Träger der Kindertagespflege in Stuttgart sei, „funktioniert die Vermittlung zwischen den Eltern, welche dringend eine Betreuung suchen, und uns, die wir freie Plätze haben, so gut wie nicht“, sagt Melanie Wilke.

Werben Kitas Kleinkinder von Tagesmüttern ab?

Aus ihrer Sicht gibt es noch ein zweites Problem: Seitdem ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder von ein bis drei Jahren bestehe und die Zahl der Krippenplätze deutlich ausgebaut worden sei, würden Kitas immer häufiger gerade die kleinen Kinder „abwerben“. Gemeint ist damit, dass Eltern oft von der Tagesmutter in eine Krippengruppe wechseln, sobald sie einen Platz angeboten bekommen. Und zwar aus Sorge, dass sie ansonsten später keinen Kindergartenplatz haben. Dabei sei es aus pädagogischer Sicht eine Katastrophe, den meist gerade erst eingewöhnten Mädchen und Jungen erneut einen Wechsel zuzumuten.

Tageseltern sind selbstständig. Wenn sie, wie Melanie Wilke es beschreibt, nur noch einen oder zwei statt fünf Plätze belegt haben, führe dies zu massiven finanziellen Einbußen. Über längere Zeit sei das nicht tragbar. „Viele von uns haben keine andere Wahl als aufzuhören.“ Das Sterben des Berufsstands habe bereits Fahrt aufgenommen, sagt Melanie Wilke und fordert die Caritas und das Jugendamt auf, unverzüglich eine Lösung zu finden.

Tageseltern müssen Werbung für sich machen

Beim Caritasverband macht die Situation der Tagesmütter und -väter „betroffen“. „Das Problem ist groß, weil einerseits Existenzen auf dem Spiel stehen, und anderseits Kinder nicht betreut werden“, schreibt Knut Vollmer, Fachdienstleiter bei der Caritas, in einer Stellungnahme. Seiner Einschätzung nach gibt es mehrere Gründe für die Diskrepanz. Auch er nennt die gestiegene Anzahl an Krippenplätzen als eine möglich Ursache. Hinzu komme, dass die Geburtenzahlen zurückgegangen seien. Die Folge: Habe es früher oft lange Wartelisten bei den Tageseltern gegeben, sehe die Situation jetzt anders aus. Tageseltern müssten nun Werbung für sich machen, das sei ein Part der Selbstständigkeit. Der Caritasverband Stuttgart verweist auch darauf, dass es das Problem nicht nur in der Landeshauptstadt, sondern auch in anderen Kommunen gebe.

Hinzu kommt scheinbar aber auch, dass nicht alle Eltern von der Kindertagespflege überzeugt sind. Von den 1800 Eltern, die einen Platz für ihr ein- oder zweijähriges Kind suchen, hat die Stadt 650 angeschrieben und über freie Kapazitäten in der Kindertagespflege informiert. Aber nur knapp 30 haben sich daraufhin bei der Caritas gemeldet. „Viele Eltern teilten auch direkt mit, dass sie kein Interesse an der Kindertagespflege hätten und einen Betreuungsplatz in einer Kindertagesstätte möchten“, schreibt die Stadt in einer Stellungnahme.

Über die Gründe kann freilich nur spekuliert werden. Möglicherweise seien viele Eltern nicht ausreichend über die besonderen Vorteile und Merkmale der Kindertagespflege informiert, so die Stadt. Manche würden sich bewusst dagegen entscheiden, weil sie ihr Kind nicht in einem fremden Haushalt betreut haben möchten. Hinzu komme, dass die Kindertagespflege einfach ausfalle, wenn Tageseltern erkranken, weil es keine Vertretungsregelung gebe. Zudem könnte in einigen Stadtteilen der Bedarf an Betreuungsplätzen im Kleinkindbereich geringer sein als das Angebot.

Tagesmütter betreuen oft in den eigenen vier Wänden. Foto: dpa/Bernd Weissbrod

Die Stadt und der Caritasverband arbeiten nun gemeinsam daran, die Situation für die Tageseltern zu verbessern. So sollen diese auf der städtischen Internetseite sichtbarer werden. „Wir befürworten das sehr“, sagt Knut Vollmer. Denn das trage zu einer Gleichberechtigung von Kindertagespflege und Kita bei. Zudem will der Caritasverband den Zugang zur Online-Plattform der Fachberatung Kindertagespflege vereinfachen und allgemein für die Kindertagespflege werben. Im Mai ist ein Treffen aller Beteiligten geplant. Dann sollen die Wirkungen der bereits ergriffenen Maßnahmen reflektiert und weitere Ansätze gesucht werden, um die Tagespflege sichtbarer zu machen und Eltern besser zu erreichen.

Städtische und freie Träger

Platzvergabe
Die Stadt Stuttgart informiert Eltern, die ihre Nachwuchs in der Kindertagespflege haben, wenn für sie ein Kitaplatz zur Verfügung steht. Sie empfiehlt dann aber auch, in der Kindertagespflege zu bleiben. Eltern erhalten eine Platzgarantie in einer städtischen Einrichtung zum dritten Geburtstag ihres Kindes oder spätestens zum darauffolgenden Kitajahr. „Diese Garantie funktioniert zuverlässig, dennoch entscheiden einige Eltern, lieber in die Kita zu wechseln“, so die Stadt in ihrer Stellungnahme.

Freie Träger
Zwei Drittel aller Kitaplätze werden von freien Trägern nach ihren jeweiligen Kriterien vergeben. Die Stadt schreibt: „Erhalten Eltern einen Platz bei einer nicht-städtischen Kita, nehmen sie diesen an, weil die Gefahr zu groß ist, keinen Platz im drei-bis-sechsjährigen Bereich mehr zu erhalten.“ Das Jugendamt werbe bei den anderen Trägern dafür, das städtische Verfahren zu übernehmen, damit die Kinder länger in der Tagespflege bleiben.

Kontakt Caritas
Eltern, die auf der Suche nach einem Betreuungsplatz für ihr Kind sind, können sich an die Caritas, Johannesstraße 33, Telefon 0711/2 10 69 62, wenden. Weitere Informationen stehen unter www.tagesmuetter-boerse-stuttgart.de.

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