Hinrichtungen in der frühen Neuzeit Richtplatz am Bodensee: geköpft, gerädert, verbrannt
Zwei Forscher haben neue Erkenntnisse zum Richtplatz in Allensbach gesammelt. Die Spuren und Skelette zeigen die Bandbreite der brutalen Hinrichtungen.
Zwei Forscher haben neue Erkenntnisse zum Richtplatz in Allensbach gesammelt. Die Spuren und Skelette zeigen die Bandbreite der brutalen Hinrichtungen.
Es war ein Sensationsfund, der für internationales Aufsehen und großes Medieninteresse gesorgt hat: Der Konstanzer Kreisarchäologe Jürgen Hald entdeckte 2020 im Zuge von Straßenbauarbeiten in Allensbach am Bodensee eine frühneuzeitliche Hinrichtungsstätte. Dutzende Menschen kamen dort grausam durch Rädern, Erhängen oder Enthaupten ums Leben, zuletzt im Jahr 1770. „Allensbach gehört zu den wenigen erforschten Richtstätten im deutschsprachigen Raum und zu den Top fünf in Mitteleuropa – das ist für uns ein sehr wichtiger und vergleichsweise seltener Fund“, erklärt Hald.
Zwar habe es früher sehr viele Hinrichtungsplätze wie jene in Allensbach gegeben – allein im heutigen Kreis Konstanz gab es laut Hald je einen Galgen in Stockach, Gottmadingen, Eigeltingen, am Bohlinger Galgenberg und in Bodman-Ludwigshafen sowie weiteren Orten, der Konstanzer Galgen befand sich im heute schweizerischen Tägermoos. Doch nur wenige Hinrichtungsstätten konnten erforscht werden, da viele überbaut oder schlicht in Vergessenheit geraten sind. „In ganz Baden-Württemberg kannten wir vor Allensbach nur eine Richtstätte, die umfassend untersucht wurde – Ellwangen im Ostalbkreis im Jahr 1991“, sagt Hald. Aus Aufzeichnungen des Klosters Reichenau ist bekannt, dass zwischen 1518 und 1761 etwa 40 bis 45 Menschen in Allensbach hingerichtet wurden. „Wahrscheinlich hat jeder Reichenauer und Allensbacher im 16. und 17. Jahrhundert durchschnittlich ein bis zwei Hinrichtungen in seinem Leben gesehen – in Städten wie Konstanz öfters.“
Halds Grabungsteam konnte die sterblichen Überreste von 15 Menschen bergen. Darunter sind laut dem Anthropologen Michael Francken vier Frauen und elf Männer. Die meisten der Hingerichteten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt gewesen. „Wir haben aber auch eine junge Frau gefunden, die etwa 18 Jahre alt war, und drei ältere Männer, teilweise jenseits von 60 Jahren. Da muss man sich schon fragen, was die sich noch zuschulden kommen ließen, dass es der Todesstrafe bedurfte“, sagt der Anthropologe vom Landesdenkmalamt. Kinder waren keine unter den Hingerichteten.
Während völlig unschuldige Frauen meist der Hexerei bezichtigt worden waren und qualvoll verbrannt wurden, gab es für Männer je nach Vergehen unterschiedliche Strafen: Wiederholter Diebstahl wurde mit dem Erhängen am Strang bestraft, ein Raubmord mit Rädern. „Gerädert zu werden, war die grausamste Methode, die man damals kannte“, sagt der Kreisarchäologe Hald.
In Allensbach hat es laut Aufzeichnungen drei oder vier Räderungen gegeben. „Gesichert konnten wir aber nur eine finden“, sagt Hald. Der Geräderte wurde vom Grabungsteam gleich zu Beginn entdeckt und ist „der drastischste Fall“ für Hald gewesen: „Arme, Ober- und Unterschenkel waren mit einem schweren Wagenrad gebrochen – das Schlimme war, dass Delinquenten das alles oft mitbekommen haben, wenn nicht beim Kopf begonnen wurde.“
Zudem wurde in dem drastischen Fall der Delinquent enthauptet und der Schädel mit einem 33 Zentimeter langen Eisendorn auf dem mit dem Körper aufgestellten Rad fixiert. Nach der Bestattung beschwerte man den Leichnam noch mit einem großen Ziegelstein. „Das ist sehr wahrscheinlich ein Zeugnis davon, dass man damals große Angst vor Wiedergängern hatte“, erklärt Hald. Der Aberglaube sei sehr ausgeprägt gewesen. „Untote galten zu der Zeit als reale Gefahr. Aus unserem heutigen Blickwinkel ist das schwer nachzuvollziehen.“
Die häufigste Strafe für ein Vergehen war damals jedoch das Auspeitschen mit Ruten und die Verbannung aus dem Stadtgebiet. „Verbannte waren gebrandmarkt und hatten oft keine Möglichkeit, woanders zu überleben“, sagt Hald. In Konstanz sei ein Verbannter, der mehrfach in der Stadt erwischt worden war, wegen Diebstahls von zwei Karaffen Schmalz gehängt worden.
Noch interessanter als die zahlreichen Skelette sind aus wissenschaftlicher Sicht die elf in Allensbach freigelegten Brandgruben – Relikte von Feuerexekutionen – vor allem um den Galgen herum. „Es muss ein sehr starkes Feuer gebrannt haben, denn wir haben in den tiefen Brandschichten auch verbrannte Menschenknochen gefunden“, sagt Hald. In den Konstanzer Ratsbüchern gibt es eine Abbildung, die zeigt, wie eine Frau mit einer Leiter ins Feuer gestoßen wird. „Solche Methoden müssen wir auch in Allensbach annehmen“, so der Experte. In einer der Brandgruben kam eine etwa anderthalb Meter lange Eisenkette mit Schlaufen und Haken zum Vorschein. „Im 16. Jahrhundert wurden sie strafverschärfend zum Strangulieren benutzt, damit es so noch länger dauerte, bis der arme Mensch starb“, sagt Hald. Die Kette könnte aber auch dazu benutzt worden sein, um den Delinquenten am Pfahl zu fixieren.
Manchmal hingen die Leichen der Hingerichteten mehrere Jahre am Galgen. Historischen Dokumenten zufolge wurden Henker sogar dafür bezahlt, herabgefallene Körperteile mit Pech und Seilen wieder zusammenzusetzen, damit der Delinquent länger hängen blieb. „Es ging um Abschreckung und darum, der Bevölkerung ein klares Signal zu senden: Macht ja nichts Falsches“, erklärt der Anthropologe Michael Francken. „Das muss ein ganz schrecklicher Anblick gewesen sein, wenn man da zwischen Allensbach und Hegne unterwegs war, von den Gerüchen ganz zu schweigen“, ergänzt der Archäologe Hald. Für die beiden Wissenschaftler stellte sich die Frage, ob nur die unterste soziale Schicht hingerichtet wurde oder ob auch die Oberschicht betroffen war.
Für Anthropologen wie Francken lässt sich das am Skelett ablesen. Die in Allensbach gefundenen Männer und Frauen waren mit im Schnitt 1,74 Meter respektive 1,61 Meter für die damalige Zeit überdurchschnittlich groß gewachsen – größer als die Delinquenten der Richtstätten in Ellwangen und Schwäbisch-Gmünd. Zudem waren die Allensbacher Hingerichteten gut genährt und nicht allzu übermäßig von schwerer Arbeit belastet. Ein Delinquent litt an Gicht, die von zu viel Fleisch und Alkohol herrührte. „Das konnte sich die normale Landbevölkerung nicht leisten, das war eine typische Reichenkrankheit“, erklärt Francken.
Ein anderer Hingerichteter erlitt schon Jahre vor seiner Exekution schwere Verletzungen am Schädel mit Löchern im Kopf und einer offenen Stirnhöhle, wahrscheinlich von Hieben mit einer Klinge. „Die Gefahr, daran zu sterben war groß, aber die Wunde war vollständig ausgeheilt“, sagt der Anthropologe. Der Delinquent müsse eine medizinische Versorgung erhalten haben, die damals sehr teuer war. „Auch das ist ein Hinweis auf eine höhere soziale Schicht. In Allensbach waren also alle Gesellschaftsschichten von Hinrichtungen betroffen“, sagt Francken.
Der Forscher betont, dass die Hingerichteten nicht zwangsläufig wirklich schuldig waren, vor allem bei den Verbrennungen angeblicher Hexen. „Das waren reine Unrechtsurteile“, sagt Francken. Deshalb habe es bei den Ausgrabungen auch eine kleine Andacht mit einem katholischen und einem evangelischen Pfarrer gegeben.
Laut dem Kreisarchäologen Hald ist geplant, nach Fertigstellung der Bundesstraße 33, die Allensbach und Konstanz in Zukunft vierspurig miteinander verbindet, mit einem Informationspunkt in der Nähe der Fundstelle des historischen Richtplatzes zu gedenken. Wo, steht noch nicht fest. Direkt am Fundort ist dies jedenfalls nicht mehr möglich: „Dort fahren heute die Autos drüber“, sagt Hald.
Ebenso offen ist, ob die sterblichen Überreste der Hingerichteten im Archiv des Landesdenkmalamts in Konstanz verbleiben oder in Allensbach wieder bestattet werden. Der Anthropologe Michael Francken hat dazu eine klare Präferenz: „In 100 Jahren werden wir über ganz andere Methoden verfügen, mit denen wir noch viel mehr herausfinden können. Dann wäre es gut, wenn die Skelette noch zur Verfügung stünden“, sagt er.