Historische Gärten in Stuttgart Gartentür auf – Rundgang durch eine Wohlfühloase in der Halbhöhenlage

Hier lässt sich's leben, das meint auch die Besitzerin dieses Gartens, der im 19. Jahrhundert vom Gartenbauunternehmen Lilienfein entworfen wurde und heute am Kräherwald zu bewundern ist. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Am Kräherwald existiert einer der letzten Hausgärten des einst prominenten Stuttgarter Gartenbauunternehmens Lilienfein. Das plante einst auch Gärten für Daimler.

Lilienfein könnte in Stuttgart und der Region wieder ein Name werden, der für den Wert einer Immobilie nicht unbedeutend ist. Mit einem Lilienfein-Garten schmückte gegen Ende des 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert die württembergische Hautevolée ihre Villen: Borst, Cotta, Daimler, Franck, Bleyle, Kohlhammer, Laiblin – die Reihe gut betuchter Industrieller, Kaufleute und Adliger, die sich von der Stuttgarter Gartenbaufirma Albert Lilienfein & Sohn ein grünes Refugium anlegen ließ, geht in die Hunderte.

 

Der Landschaftsarchitekt Thomas Hauptmann hat an der Wiederentdeckung des Werks der einst namhaften Landschafts- und Gartenarchitekten Albert Lilienfein senior und junior in den vergangenen Jahren intensiv gearbeitet.

Über 230 Privatgärten in einer Dokumentation über Lilienfein

Mit viel Akribie hat der 63-Jährige Nürtinger in ganz Württemberg und Süddeutschland nach Lilienfein-Gärten gefahndet: solchen, die noch existieren, von denen nur Reste geblieben sind oder deren einstiger Standort noch bekannt ist.

Das Projekt hat Erstaunliches zutage gefördert: In einer kürzlich vom Schwäbischen Heimatbund herausgegebenen Dokumentation versammelt der Autor mehr als 230 Privatgärten, öffentliche Anlagen, Parks sowie Friedhöfe, die von Vater und Sohn Lilienfein zwischen 1871, dem Gründungsjahr des Stuttgarter Gartenbau-Unternehmens, und dem Zweiten Weltkrieg angelegt wurden. Allein in Stuttgart fanden sich 60 dokumentierte Lilienfein-Gärten.

„Ziel der Recherche war es“, so der Landschaftsarchitekt, „die Bekanntheit der Lilienfeinschen Planungen bei Eigentümerinnen und Eigentümern sowie bei den Standortkommunen zu steigern.“ Nicht zuletzt soll die Dokumentation Anregung zum Erhalt oder zur Wiederherstellung der hochwertigen Anlagen liefern. Ein Kulturschatz, den es zu heben gilt.

Blick in einen Lilienfein-Privatgarten am Kräherwald

Auch einer Hausbesitzerin am Kräherwald war der Name Lilienfein beim Kauf ihrer Immobilie im Jahr 2009 kein Begriff, wie sie erzählt. Hinter dem Haus der Familie erstreckt sich ein mehrere hundert Quadratmeter großer Terrassengarten. Ursprünglich hatte der Stuttgarter Klavierfabrikant Walter Pfeiffer Lilienfein mit der Anlage des Gartens beauftragt.

In dem Garten, einer der wenigen gut erhaltenen Hausgärten Lilienfeins, hat jetzt der Frühling Einzug gehalten und lässt die Polsterstauden, die sich über die alten Trockenmauern aus Stuttgarter Travertintuff wölben, in schönsten Farben blühen. Mediterrane Kräuter wie Lavendel und Thymian verströmen betörende Düfte. „Mauern, Trittsteine und Gartentreppe sind noch im Originalzustand“, erzählt die Eigentümerin, deren Name ungenannt bleiben soll.

Im Lilienfein-Garten am Kräherwald hat der Frühling Einzug gehalten. Foto: Ferdinando Iannone

Die Originalpläne des Gartens aus der Feder von Lilienfein junior sind erhalten. Auf dem vergilbten Blatt ist zu erkennen, dass sich früher an die dreistufige Anlage ein Obst- und ein Hühnergarten anschlossen. Dieser Teil ist heute überbaut. „Das Haus ist in den 1960-Jahren auf dem damals noch ungeteilten Grundstück gebaut worden“, erzählt die Gartenbesitzerin.

Im Zuge der Sanierung des Wohnhauses hatte die heutige Besitzerfamilie die Terrasse ein wenig angehoben, weshalb die erste Trockenmauer jetzt niedriger ist als früher. Auf der Terrasse gab es ursprünglich auch ein kleines Wasserbassin mit einer Grävenitz-Skulptur. Restauriert findet sie heute mitten im Terrassengarten ihren Platz.

Anfang des 20. Jahrhunderts gestaltete Lilienfein Hausgärten

Was an der Anlage des Gartens gut zu erkennen ist: Albert Lilienfein junior war ein Vertreter des sogenannten „architektonischen Gartens“ des frühen 20. Jahrhunderts. Während Vater Lilienfein, der auch Lehrer an der Städtischen Gewerbeschule in Stuttgart war, für das Großbürgertum des ausgehenden 19. Jahrhunderts vor allem noch große Gärten im landschaftlichen Stil gestaltete, wurde mit Beginn des 20. Jahrhunderts der Hausgarten kleineren Formats zunehmend als erweiterter Wohnraum verstanden. Wie in einem Gebäude verbinden darin gerade verlaufende Treppen oder Wege verschiedene Ebenen.

„Lilienfein hat im architektonischen Garten mit geometrischen Formen und dreidimensionaler Raumwirkung gearbeitet“, erklärt Hauptmann. Diese Wirkung werde zum Beispiel auch durch Pergolen, Laubengängen oder Hecken verstärkt. Für Lilienfein war der einstige Garten des Klavierfabrikanten Pfeiffer am Kräherwald ein mustergültiges Beispiel für einen Garten in Stuttgarter Hanglage, weshalb er ihn 1938 in der Zeitschrift „Die Gartenschönheit“ ausführlich beschrieb.

Aufwändige Gärten verliehen dem Wohlstand Ausdruck

Bei seinem goldenen Betriebsjubiläum 1921 sei Albert Lilienfein & Sohn „die älteste und leistungsfähigste Firma für Gartengestaltung in Württemberg“ gewesen, sagt Hauptmann. Nach 1871 waren im Zuge der Einigung Deutschlands, des gewonnenen Deutsch-Französischen Kriegs, der daraus resultierenden Reparationszahlungen sowie der aufkeimenden Industrialisierung viele Menschen wohlhabend geworden. Aufwändigen Gartenanlagen verliehen diesem Wohlstand Ausdruck, wovon die Firma Lilienfein gründlich profitiert hat.

Nicht profitieren konnte das Unternehmen von einem anderen Krieg: 23 Jahre nach seinem Vater starb der Sohn Albert Lilienfein 1945. Der Krieg war eine Zäsur für das Gartenbauunternehmen. Die Nachkommen konnten nach dem Zweiten Weltkrieg an die einstigen Erfolge nicht mehr anknüpfen.

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