Da war die Welt in Ordnung: Michael Schmücker im Festzelt beim Historischen Volksfest 2022 (Archivbild) Foto: Andreas Rosar
Gastronom Michael Schmücker wollte bei der Silvesterfeier und beim Historischen Volksfest Menschen bewirten. Beides hat die Stadt gestrichen. Was bedeutet das für ihn?
Einen Vertrag hat er. Einen gültigen. Noch für acht Jahre. Doch Papier ist geduldig; das hilft Gastronom Michael Schmücker (60) nicht. Denn das Historische Volksfest wird gestrichen, Stuttgart muss sparen, die benötigte eine Million Euro wollen die Stadträte nicht aufbringen. Kein Volksfest auf dem Schlossplatz, kein Festzelt, keine Einnahmen.
Noch hat er seinen Vertrag mit der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart nicht herausgekramt. Aber er ist sich ohnehin sicher, dass da eine Klausel drin sei, die eine Klage aussichtslos erscheinen lässt. Immerhin hat er im Vertrauen auf diesen Vertrag eine hohe fünfstellige Summe investiert, etwa in die Küche und in historisch anmutende Kleidung fürs Servicepersonal.
Wann ist genug gespart?
Klagen will Michael Schmücker nicht. In keiner Beziehung. „Ich identifiziere mich mit dieser Stadt“, sagt er, „ich sehe natürlich die schwierige Lage.“ Jeden Tag gibt es neue Hiobsbotschaften, denn die Stadt darf ihre laufenden Ausgaben nicht über Kredite decken. Das heißt, 800 Millionen Euro müssen eingespart werden.
Wo wird gestrichen?
Vieles ist Pflicht, der Betrieb von Ämtern und Schulen, die Mülleimer müssen geleert werden, soziale Leistungen stehen den Bürgern qua Gesetz zu. Streichen muss man also das, was man freiwillig tut. Gebäude bauen und sanieren, Schwimmbäder und Bibliotheken unterhalten, Sport- und Musikvereine unterstützen sowie Musikprojekte. Oder Feste veranstalten.
Da hat es Michael Schmücker hart getroffen. Die Silvesterfeier wurde gestrichen, da war er mit Michael Wilhelmer fürs Bewirten der gut 10.000 Gäste zuständig. Und das Historische Volksfest wird nicht stattfinden, geplant war die nächste, die dritte Auflage für 2026. Alle vier Jahre sollte es nach dem Auftakt 2018 zum 200-Jahr-Jubiläum des Cannstatter Volksfestes auf dem Schlossplatz stattfinden. 2022 hatte Schmücker das Festzelt von Marcel Benz übernommen. Und sich auf zwei weitere Feste anno 2026 und 2030 eingerichtet.
Die Silvesterfeier auf dem Schlossplatz Foto: Andreas Rosar
Die Stadt spart durch den Verzicht auf die Silvesterfeier und das Volksfest zwei Millionen Euro. Für Schmücker bedeutet es – neben einer geringen Sichtbarkeit – einen „weit sechsstelligen Umsatz“, der ihm fehlen wird. Und mit dem er geplant hatte fürs kommende Jahr. Das Planen für die Silvesterfeier war schon im Gange, und auch über das Historische Volksfest hatte man sich Gedanken gemacht und Werbung vorbereitet.
„Wir wollten während des Volksfestes starten und werben, Reservierungen für die Abende verkaufen“, sagt er, dann habe er erfahren, da sei was im Busch, „da haben wir das erst mal gestoppt.“ Mal ganz abgesehen von seinem finanziellen Verlust, findet er den Verzicht auf die beiden Feste auch einen Verlust für die Bürger. „Gerade das Historische Volksfest war ein Fest für Alt und Jung, entschleunigt, geerdet, ohne irgendwelche Sicherheitsprobleme“, sagt er, „das können Stuttgart und der Schlossplatz mehr denn je brauchen, die Resonanz und die Berichterstattung war einhellig positiv.“
Nur die AfD hat geantwortet
An alle Fraktionen hat er geschrieben, seine Argumente dargelegt. Eine einzige hat geantwortet – die AfD. „Das war schon bitter“, sagt er. „Ich weiß, wir sind nicht der Daimler, ich bin nur ein kleiner Gastronom, der versucht, in schwierigen Zeiten zurechtzukommen“, sagt er, „aber gar keine Resonanz, das ist enttäuschend.“
30 Mitarbeiter hat er, bewirtet im Gazi-Stadion, im Varieté, beim Weindorf, macht Catering, bis zu 200 Leute hat er im Einsatz bei großen Festen. An der Silvesterfeier verdienten seine Mitarbeiter bis zu 250 Euro für die Nacht. „Damit gönnen sich die Menschen was, geben es wieder aus, gehen aus“, sagt er, „tragen das Geld wieder in die Stadt.“
Winfried Kretschmann zu Besuch im Festzelt beim Historischen Volksfest Foto: dpa
Bei allem Verständnis fürs Sparen, „aber ich muss auch die Investitionen sehen und was zurückfließt“. Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie würden profitieren. Alle Schausteller und Gastronomen würden ein Standgeld entrichten. „Wir kaufen regional ein, beim Bäcker, beim Metzger, bei der Brauerei, wir zahlen Gewerbesteuer“, sagt Schmücker, „natürlich sind wir im Vergleich kleine Unternehmen, aber wir ziehen auch nicht ins Ausland mit unserer Produktion.“ Seine Firma ist seit 30 Jahren in Stuttgart, „mir liegt diese Stadt am Herzen“. Und man müsse schon darauf achten, nicht alles einzusparen, wo Menschen Freude haben, zusammenkommen können. „Das Sommerfest wurde gestrichen, das kommt nicht wieder“, sagt er, „und ich fürchte, beim Historischen Volksfest wird es nicht anders sein: Was mal weg ist, bleibt weg!“