Hochlauf des Top-Modells Was der S-Klasse-Start für das Sindelfinger Mercedes-Werk bedeutet

Black is beautiful: Mit weitem Abstand die beliebteste Farbe bei der neuen S-Klasse ist offenbar schwarz. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Mercedes-Benz feiert den Anlauf von gleich drei Flaggschiffen in Sindelfingen. Die modellgepflegte S-Klasse verkauft sich bereits besser als erwartet, der EQS indes nicht.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Der Donnerstagvormittag war kein gewöhnlicher im Sindelfinger Mercedes-Werk. Der Hersteller zelebrierte dort den Hochlauf von gleich drei Modellen auf einmal. Und es waren nicht irgendwelche, sondern die prestigeträchtigsten im gesamten Konzern: S-Klasse, S-Klasse Maybach-Mercedes und das elektrische Top-Modell EQS. Seit drei Monaten fährt Mercedes die Produktion der Flaggschiffe in der hochmodernen Factory 56 hoch. Die Erwartungen, die auf ihnen liegen, sind enorm. Entsprechend prominent besetzte der Hersteller den Startschuss.

 

Von seinem Büro im achten Stock in Gebäude 14 hat Produktionsvorstand Michael Schiebe die „Factory“ stets im Blick, wie die Halle 56 intern nur genannt wird. „Die drei Modelle haben eine extrem hohe Bedeutung für das Unternehmen“, sagt er. Dabei markiert die Neuauflage der S-Klasse gar keine neue Modellreihe, sondern gehört noch immer zur elften Generation mit dem internen Kürzel W223, die 2020 vorgestellt wurde.

Mehr als 50 Prozent neue Komponenten

Wohl aber handelt es sich um eine sehr umfangreiche Modellpflege, bei der mehr als die Hälfte der Komponenten neu entwickelt wurde. „Das stellt das Produktionsteam sicher vor Herausforderungen, etwa bei den beheizbaren Sicherheitsgurten oder beleuchteten Getränkehaltern“, sagt Schiebe augenzwinkernd.

Noch stärker als bisher versucht Mercedes, die S-Klasse-Klientel mit einer ellenlangen Liste an möglichen Sonderausstattungen zu beglücken – was aber die Komplexität in der Montage steigert.

Flexible Fertigung als Pfund

Stolz auf den Dreifach-Start (v.l.): Ergun Lümali, Sara Gielen und Michael Schiebe Foto: dpa/Weißbrod

Die Sindelfinger Werkleiterin Sara Gielen kann das nicht schrecken, im Gegenteil. Sie zeigt sich überaus stolz auf ihre Belegschaft, die im 111. Jahr des Werkes „wie ein perfekt abgestimmtes Uhrwerk ineinandergreife“ und Technologie, Mensch und Know-How verbinde. Das sieht auch der Betriebsratsvorsitzende Ergun Lümali so. Der dreifache Serienanlauf beweise, „dass Spitzenproduktion und gute Arbeitsbedingungen untrennbar zusammengehören“.

Das Alleinstellungsmerkmal der Factory ist ihre flexible Fertigung, bei der alle drei Modelle je nach Bestelleingang auf derselben Linie laufen. Die Entscheidung dazu fiel, um flexibel zwischen Verbrenner- und Elektromodell variieren zu können. Das hatte seinen Preis: 730 Millionen Euro wurden investiert. Ergo schwebt über dem Produktionsstart die bange Frage, wie gut sich die Modelle verkaufen. Denn von der erwünschten Auslastung war die Factory zuletzt meilenweit entfernt. Seit November 2023 fuhr der Konzern in seinem Prunkstück nur noch im Ein-Schicht-Betrieb.

Umso erfreuter war Lümali, am Donnerstag die Wiederaufnahme des Zwei-Schicht-Betriebs verkünden zu können. „Ab Sommer oder Spätsommer“ soll es so weit sein. Michael Schiebe: „Die Bestelleingänge der S-Klasse liegen oberhalb unserer Erwartungen.“ Man habe schwäbisch-konservativ kalkuliert und korrigiere das nun gern nach oben.

Und das Sorgenkind EQS? Dieses liege auf dem „erwarteten Niveau“, was immer das heißen mag. Der Produktionsvorstand, der zuvor die Sportwagentochter AMG erfolgreich führte, schob aber nach, dass die EQS-Markteinführung in den USA erst im Juli anstehe. Und der Markt dort anders ticke: „Die amerikanischen Kunden konfigurieren sich nicht wie in Deutschland ihr Fahrzeug, sondern kaufen das fertige Modell beim Händler.“ Auch wenn der Absatz der EQ-Modelle zuletzt schwächelte, für Betriebsrat Lümali ist der Weg klar: „Die Elektromobilität ist für Mercedes die Hauptstraße in Richtung einer dekarbonisierten Zukunft.“

Harte Konkurrenz aus China für Mercedes

So lägen die Absatzzahlen aller Elektromodelle im ersten Quartal 34 Prozent über dem Vorjahr, rechnet Michael Schiebe vor. Dies beinhaltet indes auch den vollelektrischen GLC und den jüngst lancierten CLA. Neben der Frage nach dem Markterfolg sind die deutschen Premium-Hersteller aber bei den E-Modellen insbesondere auf dem chinesischen Markt mit einer harten Konkurrenz konfrontiert. Die bietet vergleichbare Modelle zu einem Bruchteil des Preises an, was schnell die Frage nach Verlagerungen an günstigere Standorte aufwirft.

Zumindest bei den jetzt in Sindelfingen angelaufenen Top-Modellen räumt das Mercedes-Management diesbezügliche Befürchtungen entschieden beiseite: „Wir stärken Sindelfingen als Kompetenzzentrum für die Fertigung von Fahrzeugen im Top-End-Segment“, sagt Schiebe. Es sei ein klares Bekenntnis zum Standort. Klar sei aber auch, dass Mercedes „weiterhin an seiner Wettbewerbsfähigkeit arbeiten muss“. Man evaluiere die Produktstrategie ständig.

Die S-Klasse-Fabrik gehört zu den modernsten Fertigungshallen der Welt Foto: dpa/Weißbrod

Um Produktionskosten zu senken, gebe es mehrere Stellschrauben: „Wir reden über Effizienz, über Digitalisierung, Innovation und wir reden über Energiekosten“, sagt der Vorstand. Weniger klar ist er aber in puncto Entwicklungsstandorte: „Wir dürfen uns nicht verschließen vor anderen Märkten oder Kontinenten.“ Sindelfingen bleibe zwar das weltweite Innovationszentrum, doch Entwicklungen fänden genauso in den USA, Indien oder China statt. „Und kommen genauso den deutschen Standorten zugute.“

Mercedes-Benz in Sindelfingen

Mitarbeiter
Mit 31 500 Mitarbeitern ist das Sindelfinger Mercedes-Werk mittlerweile nur noch das zweitgrößte im Konzern, aber das größte in Deutschland.

Geschichte
Die Anfänge gehen zurück auf das Jahr 1915, weshalb es im vergangenen Jahr 110 Jahre Bestehen feierte.

Investition
Im Jubiläumsjahr legte man den Grundstein für eine gigantische Lackiererei, den „Next Generation Paint Shop“. Mercedes investiert über eine Milliarde in die Halle. (jps)

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