Willkommen in der Welt der Fußball-Hochrisikospiele. An einem Mittwochabend im November brennen im Stadion die Bengalos, wird ein Balljunge von einer Fackel getroffen, gehen nach Abpfiff auf der Straße eine Handvoll Fans des VfB und Atalanta Bergamo aufeinander los. Vier Tage später rücken berüchtigte Frankfurter Ultras an, bedrohen bereits an der A-81-Raststätte Wunnenstein die Einsatzkräfte. Der Bus wird am Pragsattel beim Polizeipräsidium abgefangen. An selber Stelle waren schon vier Wochen davor Prager Hooligans heimgeschickt worden – wegen Sturmhaube, Widerstand und Hitlergruß.
Die Polizei im Südwesten hat bei Profifußballspielen alle Hände voll zu tun. Vier Hochrisiko-Heimspiele des VfB hat es 2024 gegeben – „mit einem deutlich höheren personellen Aufwand“, so die Stuttgarter Polizeisprecherin Kara Starke. Allgemein seien es inklusive Kickers etwa ein halbes Dutzend pro Jahr. Generell müssen Saison für Saison Millionenbeträge an Polizeikosten für Fußball im Südwesten aufgewendet werden. Am Dienstag hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die Länder Gebühren für den polizeilichen Mehraufwand bei Hochrisikospielen der Profivereine erheben dürfen. Der juristische Streit mit der Deutschen Fußball Liga (DFL), in Bremen entzündet, geht damit nach zehn Jahren zu Ende.
Der Innenminister verweist auf „Stadionallianzen“
Doch müssen die großen Profiklubs im Südwesten nun wirklich horrende Zusatzkosten befürchten? Im ursprünglichen Fall 2015 hatte das Land Bremen eine Rechnung von 425 000 Euro ausgestellt. Am Dienstag ließ Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) bei der Landespressekonferenz erkennen, dass er kein Freund dieser zusätzlichen Einnahmen ist. Und umdribbelt die Frage, welcher Betrag denn da überhaupt zustande käme. „Die Zahlen zu Einsatzkosten habe ich nicht im Kopf“, sagt er. Dafür alte Zahlen und Vergleiche aus dem Coronajahr 2020.
Strobls Abwehrtaktik ist ein Verweis auf bundesweit richtungsweisende „Stadionallianzen“ seit 2018 in Baden-Württemberg. Polizei, Kommunen, Vereine und Fanorganisationen arbeiteten zusammen – und hätten so seit dem Start mehr als zwei Millionen Euro durch weniger Einsatzstunden eingespart. Was braucht es da noch Gebühren? „Eine Bezahlung von Polizeieinsätzen mindert weder die Ursachen der Gewalt noch den Einsatz von Pyrotechnik im Stadion, und bringt keinen einzigen Polizisten mehr“, sagt der Innenminister.
Rechnungshof: Fast 60 Prozent mehr Polizeikosten
Von Sparen kann wohl aber nicht die Rede sein. Die Tendenzen, mit denen Strobl arbeitet, entstammen im Wesentlichen einer Mitteilung des Staatsministeriums an den Landtag vom 18. September 2020. Darin wird zudem erklärt, dass die Zahlen der Saison 2019/2020 nicht vergleichbar seien „durch die Unterbrechung des Spielbetriebs aufgrund der Corona-Lage“. Laut damaliger Mitteilung hatte es in jener Saison im Südwesten 700 000 Zuschauer weniger gegeben.
Die Einsatzkosten, die der Innenminister „nicht im Kopf“ hat, hat der Bundesrechnungshof Baden-Württemberg am Dienstag nachgeliefert. Der fordert bereits seit 2015 eine Polizeigebühr, ähnlich wie in Bremen. Eine solche hatte es übrigens bis 1991 auch im Polizeigesetz Baden-Württemberg gegeben. Laut Rechnungshof sind die Polizeikosten für Einsätze bei Spielen der ersten fünf Fußball-Ligen in Baden-Württemberg von 8,77 Millionen Euro in der Vor-Corona-Saison 2018/2019 auf rund 13,9 Millionen Euro 2023/2024 gestiegen – fast 60 Prozent mehr. „Dabei sind relevante Kosten, wie beispielsweise Fahrzeiten, noch nicht berücksichtigt“, so Sprecherin Eva Weik.
Zahlen in Rheinland-Pfalz bis auf den Cent genau
Noch mehr Transparenz hat vor Monaten im Vorgriff auf das Bundesverfassungsgerichts-Urteil der Innenminister von Rheinland-Pfalz, Michael Ebling (SPD) gezeigt. Bei der Polizei im Nachbarbundesland hat die letzte Fußballsaison 4,76 Millionen Euro Personalkosten verursacht. Dabei war der Erstligist FSV Mainz 05 günstiger als der Zweitligist 1. FC Kaiserslautern. Die Mainzer verursachten 1,35 Millionen Euro Polizeipersonalkosten, die Roten Teufel am Betzenberg 2,1 Millionen Euro. Zum Vergleich: Oberligist TSG Pfeddersheim ist mit 9192,28 Euro registriert. Insgesamt gab es 76 534 Einsatzstunden von 10 228 Einsatzkräften.