Francisca kurz vor ihrer Hochzeit – zu diesem Zeitpunkt glaubt sie noch fest an das Experiment: aus Wissenschaft kann Liebe werden. Foto: Joyn / Markus Hertrich
Francisca aus Kirchheim (Teck) hofft auf ihren Traummann bei der TV-Show „Hochzeit auf den ersten Blick“. Doch sie findet alles andere als ihr Glück. Und sie ist nicht die Einzige.
Als Francisca aus Kirchheim (Teck) sich im Herbst 2023 bei der TV-Show „Hochzeit auf den ersten Blick“ bewirbt, ist ihr Vertrauen groß, dass sie endlich ihren Traummann kennenlernt. Schon zum dritten Mal versucht sie es bei dem Sat 1-Format, bei dem laut Slogan „aus Wissenschaft Liebe wird“. Sie ist überzeugt, dass es dabei wirklich um die große Liebe geht, nicht alles nur Show ist. „Für mich stand fest: Das ist seriös“, sagt sie heute.
Jetzt, rund zweieinhalb Jahre später, sieht sie das anders. Ja, es sei Trash-TV; ja, es gehe nur um die Show. Dazu kommt für sie: Nicht nur das Experiment ist krachend gescheitert, sie hat auch Grenzüberschreitungen sowie Hass und Hetze im Netz erlebt. Um andere vor ähnlichen Erfahrungen zu schützen, möchte sie ihre Geschichte teilen.
Sie treffen sich zum ersten Mal, heiraten und fliegen in die Flitterwochen
Das Konzept der TV-Show ist simpel: Singles, die den Partner fürs Leben treffen wollen, machen genau das – in weißem Kleid und Anzug im Standesamt. Nur wenige Minuten nach dem ersten Treffen sagen sie „Ja“ zueinander, feiern ihre Hochzeit und fliegen dann in die Flitterwochen.
Gematcht werden sie von drei Experten, die die Singles zuvor durchleuchten und ihre Vorlieben erfragen. Wer zusammenpasst, ermitteln sie durch verschiedene Tests: Biofeedback, Stimmtests, Big-Five-Persönlichkeitstest und viele weitere Verfahren, die wahnsinnig wissenschaftlich klingen.
Diese Wissenschaft ist es, in die Francisca zu Beginn des Experiments große Hoffnungen setzt. „Was soll denn schon passieren?“, fragt sie sich damals. Es sind ja Experten am Werk, die nur das Beste für einen wollen. Im Bewerbungsprozess muss sie sehr viele Formulare ausfüllen, Fragen beantworten und an Workshops teilnehmen. Klingt seriös, findet sie.
Zu dieser Zeit ist Francisca 30 Jahre alt, und sie steht mit beiden Beinen im Leben: Eigentumswohnung, Leitungsposition in einer Kita, Pferde, großes Auto. „Eine Frau, die eigentlich niemanden braucht, schüchtert viele Männer ein“, sagt sie. Aber auch wenn sie niemanden braucht, einen Partner fürs Leben will sie trotzdem.
Beim dritten Mal klappt es: Francisca aus Kirchheim ist dabei
Also bewirbt sie sich immer wieder, bis es beim dritten Mal klappt. In der elften Staffel ist sie dabei. Sie besorgt sich ein Kleid, schreibt eine Gästeliste und trifft schließlich in einem wunderschönen Schlossgarten auf ihren Zukünftigen: Kevin.
Francisca ganz in weiß – kurz darauf trifft sie Kevin und heiratet ihn. Foto: Joyn / Markus Hertrich
Wenn Francisca sich dieses erste Treffen heute ansieht, sieht sie Dinge, die sie damals vor Aufregung nicht wahrgenommen hat: Wie Kevin sie ständig anfasst, zum Beispiel. Nach dem Ja-Wort müssen die beiden eine erste Aufgabe der Experten erfüllen, für die sie Schürzen anziehen. Als sie diese nicht allein über ihr Hochzeitskleid bekommt, hilft Kevin ihr – nicht ohne darauf anzuspielen, dass es das erste von vielen Kleidungsstücken sein soll, das er ihr ausziehen will.
Diese Sprüche sind es, die Francisca in den nächsten Tagen immer wieder an ihre Grenzen bringen. Bereits in der ersten gemeinsamen Hochzeitsnacht fühlt sie sich überfahren, schildert sie: „Da gab es eine Situation, in der ich mich nicht wohl gefühlt und gesagt habe: ,Hey, Stopp, das ist mir zu schnell und zu viel.’“ Am nächsten Morgen sagt sie dem TV-Team gleich Bescheid. Das habe ihre Erfahrungen aus der Nacht abgetan mit der Begründung, Kevin sei wohl aufgeregt. Trotzdem sichert das Team ihr zu, mit ihm zu sprechen.
Ist das Matching wirklich so gut, wie die Sendung immer betont?
Heute geht Francisca davon aus, dass den Experten durchaus bewusst war, wie unterschiedlich Kevin und sie in Sachen Nähe ticken. Sie formuliert es vorsichtig. „Ich habe es so wahrgenommen, dass das vielleicht schon vorher ein Thema war.“ In der Sendung bestätigt sich diese Annahme. Bei einem Abend vor der Hochzeit mit den männlichen Teilnehmern betont Kevin, wie wichtig ihm Nähe ist. „Du musst von Anfang an versuchen, dich anzunähern“, sagt er dort. Sonst sei es schwierig, eine Anziehung aufzubauen. Auch kurz vor der Hochzeit wird er von einem Experten daran erinnert, dass die Braut eventuell mehr Zeit als er braucht, um Nähe zuzulassen.
Auf der Hochzeitsreise in Vietnam passiert das immer wieder: Kevin macht Anspielungen und versucht, Francisca körperlich nah zu kommen. Ihr Unbehagen habe sie ihm gegenüber immer kommuniziert, sagt Francisca. Auch vor der Kamera betont sie das offen. „Ich habe mich nicht mehr getraut, zu duschen, weil ich so ein ungutes Gefühl hatte“, sagt sie heute. Nach einer weiteren Nacht, in der sie sich bedrängt fühlt – „meine Grenzen wurden nicht gewahrt“ –, zieht sie aus der Flitterwochen-Suite aus.
Relativ schnell wird klar, dass das Match für Francisca deshalb nicht passt. Ihre Enttäuschung ist groß. „Ich wollte einen Mann auf Augenhöhe, der mir Raum und Zeit gibt, ihn kennenzulernen“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Stattdessen habe sie einen abbekommen, der einen Spruch nach dem anderen raushaue und sehr viel Nähe einfordere. Dass das nicht passt, hätte schon beim Matching deutlich werden müssen, findet sie. „Das ist es, was ich dem Format ankreide.“
Erst auf die zweite Anfrage hin reagiert der Sender Sat 1 auf die Frage, wie es vorkommen kann, dass Paare mit derart verschiedenen Kernvorstellungen und Bedürfnissen gematcht werden. „Bei ‚Hochzeit auf den ersten Blick’ kümmern sich drei Expertinnen darum, das beste Match zu finden. Da sind sie ähnlich erfolgreich wie das wahre Leben. Es gibt große Liebesgeschichten, mehrere #HadeB-Kinder (Anm. d. Red.: „Hochzeit auf den ersten Blick-Kinder“). Aber auch enttäuschte Paare“, sagt Christoph Körfer, Sendersprecher von Sat 1.
Teilnehmerin Francisca: Manche Experten benutzen die Show nur als Plattform
Der Rat der Experten, die die Paare in den Wochen nach der Hochzeit begleiten, hört sich für Francisca jedenfalls so an, als solle sie sich einfach auf das Experiment einlassen. Sie tut es, versucht, eine freundschaftliche Basis mit Kevin zu entwickeln, auf der später einmal Gefühle entstehen könnten. Vergeblich. Heute sagt sie: „Es gibt Experten in diesem Experiment, denen die Menschen, glaube ich, viel bedeuten. Und es gibt Experten, die diese Show als Plattform benutzen, um sich zu präsentieren“.
Für Francisca ist beim Finale der Show jedenfalls klar, dass sie die Scheidung möchte. Heute sagt sie, dass sie Kevin nur das Beste wünscht, sie ist mit ihm im Reinen. Aber mit der Wahrnehmung der Öffentlichkeit hat sie noch immer zu kämpfen: „Für mich hat es sich so angefühlt, als würde man ihn als den Armen darstellen, der bemüht ist – und mich als die, die alles verweigert und sich nicht so anstellen soll“, sagt sie.
Das bekommt sie nach der Ausstrahlung auch im Internet zu hören. „Die hat ihn geheiratet, also kann sie mit ihm jetzt auch in die Kiste springen“, zum Beispiel, oder „sie hat ein erotisches Brautkleid an, dann braucht sie sich nicht zu wundern, dass er sabbert“. Als seine Frau müsse sie eben die ehelichen Pflichten erfüllen. Einige User hätten sogar versucht, ihren Arbeitgeber ausfindig zu machen, sagt Francisca.
Bei den Reaktionen im Netz hätte sie sich mehr Unterstützung vom Format gewünscht. Manche Kommentare habe die Produktion gelöscht, aber lange nicht alle. Ein Statement gegen den Hass im Netz sei nie gekommen. Man werde allein gelassen.
Teilnehmerin: Auch in der aktuellsten Staffel gibt es keine Hilfe bei Hass im Netz
Auch auf die Frage, welche Maßnahmen der Sender ergreift, um die Kandidaten vor Hass und Hetze im Internet zu schützen, gibt der Sender keine konkrete Antwort, sondern verweist lediglich lapidar auf die aktuelle Staffel. Doch auch eine Teilnehmerin der aktuellen Staffel 12, die 61-jährige Marén, erzählt im Gespräch mit unserer Zeitung von ähnlichen Erfahrungen wie Francisca: Auch sie wurde im Internet nach der Ausstrahlung der Sendung angegriffen, als Hexe beschimpft und für die gescheiterte Ehe verantwortlich gemacht. Auch sie bemängelt, dass sie mit den Beleidigungen im Netz allein gelassen wurde.
Im Internet wabert die Theorie herum, dass manche Paare nur für die Kamera zusammengestellt würden. Ob das stimmt, weiß Francisca nicht. „Aber mir ist aufgefallen, dass es in jeder Staffel ein bis zwei Paare gibt, bei denen es richtig knallt“, sagt sie. Ob das Zufall ist? „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“, sagt sie. Die Seriösität des Formats, an die Francisca vor ihrer Teilnahme so fest geglaubt hatte, zweifle sie inzwischen jedenfalls an.