Man kann eine Entscheidung, die die ganze Bandbreite der Emotionen nach sich zieht, langsam und einfühlsam verkünden. Gespräche führen, ausführlich begründen. Oder man macht es so, wie es bei den deutschen Hockeyspielerinnen geschehen ist. Mit der Hauruck-Methode.
Das Team spielte die Pro League in London, danach wurde verkündet, welche Spielerinnen auch bei den Olympischen Spielen dabei sein werden. Welche als Nachrückerinnen parat stehen sollen. Und wer den Traum erst einmal begraben muss. Drei habe es gegeben, erzählt Stine Kurz, eine für jede der drei Möglichkeiten. Dann wurden vor den Augen der Nationalspielerinnen alle drei gleichzeitig enthüllt – „und ich“, sagt die Stuttgarterin, „habe als Erstes auf die mit den Namen geschaut, die nicht in Paris dabei sein werden“. Ihren Namen fand sie dort allerdings nicht, auch auf der mittleren Tafel stand er nicht geschrieben – weshalb die 24-Jährige an diesem Sonntag (10.30 Uhr) in Paris ihre olympische Premiere feiert.
„Olympia“, sagt sie, „ist für alle Hockeyspielerinnen und Hockeyspieler einfach DER Traum.“ Dass er für sie nun in Erfüllung geht, war vor wenigen Wochen noch nicht abzusehen. Zwar gehörte Stine Kurz im vergangenen Jahr zum Team, dass bei der Europameisterschaft Bronze gewonnen hat. Allerdings hatte die Mannschaft durch den verpassten Titel auch das direkte Ticket nach Paris verspielt. Im Qualifikationsturnier musste mit einem Sieg über den Umweg die Teilnahme perfekt gemacht werden.
Auch vor dem „Qualifier“ gab es diese drei Tafeln – was mit dem Wunsch der Spielerinnen übrigens abgesprochen war. Doch damals stand Stine Kurz’ Name tatsächlich auf der Tafel der Nicht-Nominierten. Was zweierlei bedeutete. Zum einen musste die Abwehrspielerin hoffen, dass die Teamkolleginnen erfolgreich sein würden. Zum anderen sagte sie sich: „Jetzt gebe ich noch einmal alles.“ Am Ende klappte beides.
Auf den letzten Lehrgang kam es an
Die Damen-Nationalmannschaft (die „Danas“) holte sich das Ticket nach Paris – und danach zeigte Stine Kurz, dass sie es doch verdient hat, dabei zu sein. Aber: „Es kam auf den letzten Lehrgang und die Spiele in der Pro League an.“
Bevor es in die entscheidenden Spiele ging, legte die Sportsoldatin in einigen Bereichen noch einmal nach. Vor allem athletisch schuf sie noch einmal neue Voraussetzungen – und sagt heute: „Auch technisch und taktisch habe ich im Vergleich zum Beginn des Jahres noch einmal eine Schippe drauflegen können.“ Was Valentin Altenburg am Ende überzeugte.
Der Bundestrainer ist Hamburger – und hat doch zwei Stationen in seiner Vita stehen, die ihn mit Stine Kurz verbinden. Als Jugendtrainer arbeitete der heute 43-Jährige während seiner Studienzeit beim Mannheimer HC – wo Stine Kurz heute Kapitänin der Bundesligamannschaft ist. Weil sie vor zehn Jahren einen bedeuteten Schritt ging.
„Das war“, sagt sie rückblickend, „die bis heute schwerste Entscheidung in meinem Leben.“ Beim HTC Stuttgarter Kickers, bei den Valentin Altenburg nach seiner Mannheimer Zeit drei Jahre lang Coach war, hatte sie das Hockeyspielen gelernt, lebte im an die Anlage angrenzenden Stadtteil Hoffeld – und wuchs quasi im Club auf. Als sie 14 Jahre alt war, riet man ihr jedoch, für die bessere Perspektive den HTC zu verlassen. Sie ging zunächst schweren Herzens nach Mannheim, dem Stuttgarter Hockey-Konkurrenten im Süden Deutschlands, sagt heute aber: „Es war zwar meine schwerste, aber auch die beste Entscheidung.“
Sie pendelte zunächst, zog nach dem Abitur dann komplett nach Mannheim, wo sie inzwischen ihr Studium der Logopädie abgeschlossen hat. Und wo sie nach und nach zur A-Nationalspielerin reifte – die nun um eine Medaille spielen will. Zwar gilt in einer starken Vorrundengruppe erst einmal das Viertelfinale als Etappenziel, Stine Kurz sagt stellvertretend für das deutsche Team aber auch: „Unser Ziel ist ganz klar eine Medaille.“
Spiele im Olympiastadion von 1924
Gespielt wird Hockey in Paris übrigens im neu gestalteten Olympiastadion von 1924. Im Stade Olympique Yves-du-Manoir wird also wahr, wovon Stine Kurz schon als kleines Mädchen träumte. „Es gab damals ja immer diese Freundschaftsbücher“, erinnert sie sich, „und ich habe da immer reingeschrieben, dass ich mal Nationalspielerin werden und an Olympischen Spielen teilnehmen will.“
Am Sonntag ist es so weit. Weil ihr Name auf der richtigen Tafel stand.