Es ist zwar noch Vormittag, aber die Sommerhitze nimmt Fahrt auf. Das Thermometer zeigt bereits an die 25 Grad, doch Julian Schumacher hält das nicht vom Spurten ab. Mit dem Handy in der Hand joggt er erst durch den Garten, dann über den Hof und wieder zurück. Eine Großbestellung ist reingekommen. Ein Lebensmittelhändler benötigt rasch Frischware. Kopfsalate und Rotkäppchen werden in Kürze den Binsachhof vor den Toren von Bernhausen verlassen. „Bei uns läuft alles sehr kurzfristig“, sagt Matthias Schumacher, während der 19-Jährige alles Nötige klärt.
Vater und Sohn sind ein eingespieltes Team. Der Junior übernimmt sämtliche Tätigkeiten, „der ist voll involviert“, sagt der Senior. Aktuell brummt es auf dem Binsachhof. Die Ernte von Salaten und Kraut läuft, erklärt Julian Schumacher. Vor wenigen Wochen hat er seine dreijährige Ausbildung abgeschlossen, darf sich jetzt Gemüsegärtner nennen. Den Meister will er noch draufsatteln.
Nicht alle haben so viel Glück
Und schon jetzt steht fest: Später einmal wird er den Betrieb des Vaters übernehmen, den der Opa 1970 als Aussiedlerhof gegründet hat. Nicht nur Julian Schumacher zieht es in die Landwirtschaft. Auch der mittlere der drei Schumacher-Söhne will der Branche mit einer Ausbildung zum Land- und Baumaschinenmechatroniker offenbar treu bleiben. „Das ist ein Glücksfall“, sagt der Vater.
Nicht alle haben so viel Glück wie Matthias Schumacher. In Deutschland greift schon lang ein Höfesterben um sich. Aus Zahlen des Statistikportals Statista geht hervor, dass im Jahr 2023 noch rund 255 000 landwirtschaftliche Betriebe gezählt wurden. Zum Vergleich: 1975 waren es noch nahezu 905 000 gewesen. Ebenso fallen die Beschäftigungszahlen im sogenannten primären Wirtschaftssektor, dazu zählen in Deutschland neben der Land- auch die Forstwirtschaft sowie die Fischerei. Im vergangenen Jahr gab es laut Statista in diesem Bereich Schätzungen zufolge etwa 554 000 Erwerbstätige. Rund 30 Jahre zuvor waren es noch 1,17 Millionen Personen gewesen.
„Die Gründe für das Höfesterben sind vielfältig und ganz individuell, je nach Betrieb und Person, hängen alle aber ein Stück weit zusammen“, sagt Ann-Kathrin Brodbeck, die Sprecherin des Landesbauernverbands. Viele Landwirte sähen keine wirtschaftliche Perspektive mehr, auch fehlten Nachfolger. Deutschland sei im internationalen Wettbewerb in vielerlei Hinsicht benachteiligt, die Preise für die Produkte seien zu niedrig, höhere Preise würden vom Verbraucher aber nicht gezahlt. Gleichzeitig nehme die Bürokratie zu und werde komplexer, neben der körperlichen Belastung sei auch die mentale gestiegen. Gerade in der Tierhaltung würden immer mehr Investitionen mit horrenden Summen notwendig. „Es ist fraglich, wie viele Landwirte sich in Zukunft noch trauen werden, größere Investitionen in Kauf zu nehmen und sich so etwa auf 20 Jahre oder länger zu verschulden, wenn die Verlässlichkeit in der Politik fehlt, die Vorgaben sich immer kurzfristiger ändern und viele Landwirtinnen und Landwirte wenig Perspektive sehen“, teilt sie mit.
Julian Schumacher sieht bei seinem Vater, was der Job bedeutet. Unter der Woche steht der täglich nach 1 Uhr auf, um 2 Uhr ist Abfahrt Richtung Großmarkt in Stuttgart. Dort bleibt Matthias Schumacher bis 8 Uhr, um 10 Uhr legt er sich für ein paar Stunden hin, bis zum Mittagessen, das möglichst die ganze Familie zusammen einnimmt. „Das ist ein fixer Termin“, betont der 53-jährige Landwirt und Gärtnermeister. Nachmittags geht es aufs Feld, und der viele Papierkram ist dann auch noch nicht erledigt. „Das ist zusätzlich aufgebürdet worden. Wenn ich das gern machen würde, wäre ich Bürokaufmann“, sagt er. Ja, der Betrieb lohne sich wirtschaftlich, dennoch legt Matthias Schumacher die Stirn in Falten. Manchmal mache er sich schon Gedanken, ob er seinen Söhnen all das zumuten wolle.
Um 2 Uhr geht’s los zum Großmarkt
Sein Ältester wirkt indes voll motiviert. Er kenne es nicht anders, und „mir macht es Spaß“. Auch anderswo in Filderstadt, wo es besonders fruchtbare Böden gibt, stehe die Branche vergleichsweise gut da. „In Bernhausen ist extrem viel Leben in der Landwirtschaft“, sagt Matthias Schumacher, Nachfolger stünden in der Regel auf den Höfen in der Stadt parat. Vieles ist im Wandel. Seit einiger Zeit versucht Julian Schumacher sich am Anpflanzen von Melonen, zudem betreut er den Eisautomaten, der seit dem vergangenen Herbst am Binsachhof steht. „Das ist sein Business“, sagt Matthias Schumacher. Jüngst ist ein Automat dazugekommen, der Getränke, Grillgut und Eier bereithält. Außerdem werden Mutters Marmelade und regionaler Honig verkauft. Matthias Schumacher betont: „Wir lieben unseren Beruf. Und was man gern macht, darin ist man erfolgreich.“
Landwirtschaft in Baden-Württemberg
Weniger Betriebe
Auch in Baden-Württemberg befindet sich die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe seit Jahrzehnten im freien Fall. Laut dem Statistischen Landesamt waren es im Jahr 1971 noch mehr als 190.000 landwirtschaftliche Betriebe gewesen, im vergangenen Jahr gab es nur noch 37.500.
Größere Flächen
Gleichzeitig geht die durchschnittliche Betriebsgröße nach oben. In den 70er-Jahren hatte sie in Baden-Württemberg noch bei gut und gerne acht Hektar pro Betrieb gelegen, mittlerweile ist man bei durchschnittlich 37,5 Hektar angelangt.