Die Huber Automotive AG, die unter anderem Mercedes-Benz beliefert, ist insolvent. Foto: red
Gläubiger fühlen sich getäuscht. Beschäftigte bangen, ihre Familien nicht mehr ernähren zu können. Für den Insolvenzverwalter ein Fall, den es „in der Größenordnung nur selten“ gibt.
Wer in der Automobilbranche arbeitet, konnte sich über viele Jahrzehnte seines Arbeitsplatzes sicher sein. Gute Bezahlung, stabile Perspektive. Doch die Zeiten haben sich geändert. Bei dem Zulieferer Huber Automotive haben Beschäftigte in diesem Jahr in der Pause öfters ihr Mittagessen geteilt – und ihre Sorgen vor der Zukunft. Wie kommt es, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trotz Festanstellung in Existenznot geraten sind?
Die Heimat der Huber Automotive AG liegt in einem Industriepark – dort, wo sich die A8 aufspaltet und ICEs über die Filstalbrücke donnern. Die Firma aus Mühlhausen im Täle (Kreis Göppingen) beliefert große Automobilhersteller wie Mercedes und ehemals auch Volkswagen. Spezialisiert ist das Unternehmen auf Fahrzeugelektronik: Es entwickelt Steuergeräte für die E-Mobilität, dazu Hard- und Softwarelösungen sowie Gehäusekonzepte für elektrische Antriebe.
Heute steht das Unternehmen für eine andere Realität: die Krise der deutschen Autoindustrie. Wenn in der Autostadt Stuttgart die großen Player Stellen streichen, sind die kleinen Zulieferer längst im Überlebenskampf. Zu den Verlierern gehört die Huber Automotive AG. Im September meldete Huber Automotive Insolvenz an. Damals arbeiteten noch 133 Beschäftigte für den Spezialisten für Fahrzeugelektronik. Mitte Oktober übernahm der Investor Neura Robotics mit Sitz in Metzingen den Entwicklungsbereich mit rund 30 Mitarbeitern. Der Rest der Belegschaft arbeitet weiter – im Insolvenzbetrieb, finanziert über zwei Hauptkunden.
Rückwirkend haben die Beschäftigten für drei Monate Insolvenzgeld erhalten – die Gehälter wurden aber schon deutlich länger in Raten gezahlt oder blieben ganz aus. Eine Person, die anonym bleiben möchte, der Redaktion jedoch bekannt ist, hat uns gegenüber Gehaltszettel offengelegt. Diese belegen: Im Juni und Juli 2024 überwies Huber Automotive erstmals Gehälter verspätet und in zwei Raten. Zwischen Juli und Dezember 2024 war der Absender nicht mehr die Huber Automotive AG, sondern es waren andere Unternehmen aus deren Umfeld.
Mitarbeitende von Huber müssen selbst Krankenkassenbeiträge zahlen
Von Januar bis März 2025 zahlte Huber Automotive Gehälter erneut verspätet und in zwei Raten, das belegen Gehaltszahlungen des Informanten. Insgesamt wurden in dem Fall in einem Zeitraum von 16 Monaten gerade einmal drei Lohnzahlungen pünktlich überwiesen. Acht Monatsgehälter kamen wohl bei etlichen Beschäftigten nur in Raten und mit knapp zwei Monaten Verspätung an. Eine Folge davon: Einige sollten ihre Krankenkassen- und Pflegeversicherungsbeiträge für mehrere Monate selbst übernehmen.
„Ihr Arbeitgeber kommt seiner Beitragspflicht nicht nach“, schreibt die Krankenkassenversicherung des Informanten in einem Schreiben, das der Redaktion vorliegt. „Somit treten wir an Sie als Beitragsschuldner heran.“ Übersetzt aus dem Behördendeutsch bedeutet das für einen Teil der Belegschaft: weniger Gehalt bei steigenden Kosten. Um weiterhin versichert zu sein, musste der Informant vierstellige Summen bezahlen. Darüber hinaus erzählt man, einem Beschäftigten sei in dieser Zeit der Wohnungsvertrag gekündigt worden, weil er die Miete nicht mehr bezahlen konnte. „Es war alles sehr belastend. Wer alleine eine Familie versorgt, muss darauf vertrauen können, sein Gehalt pünktlich und vollständig zu bekommen“, so der Informant.
Zwar habe man in der Belegschaft schon früh vermutet, dass das Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten stecke. „Es wurde aber mehr als schlecht und wenn überhaupt viel zu spät kommuniziert“, sagt der Informant. Den Mitarbeitern sei immer wieder Hoffnung gemacht worden, doch ihre Loyalität soll missbraucht worden sein. Denn gleichzeitig hätten sie auf Anrufe und Mails von verärgerten Kunden reagieren müssen. „Frust, Wut, Sorge, Hilflosigkeit – die Stimmung wurde immer schlechter“, schildert ein Mitarbeiter. Bis heute wartet ein Teil der Belegschaft auf die zweite Hälfte des Aprilgehalts und das volle Mai-Gehalt: „Ich rechne nicht damit, dass es eine Vollbefriedung für die Gläubiger gibt und die Mitarbeiter irgendwann sagen können, wir haben das Geld immerhin später bekommen“, sagt Insolvenzverwalter Martin Mucha im Gespräch mit unserer Zeitung. In Anbetracht der hohen Forderungen von Gläubigern sei die Chance, dass ausreichend Geld aus der Insolvenzmasse übrig bleibe, gering. „Solche Fälle, in denen über diesen Zeitraum Löhne nicht gezahlt werden, gibt es in der Größenordnung nur selten“, berichtet Mucha.
„Solche Fälle, in denen lang Löhne nicht gezahlt wurden, sind selten“
Das Unternehmen hat auf mehrmalige Anfrage unserer Redaktion nicht auf die Vorwürfe reagiert.
Knapp vier Monate vor der vorläufigen Bestellung des Insolvenzverwalters stimmten die Gläubiger im Mai diesen Jahres bei einer Versammlung einem drastischen Schritt zu: Sie verzichteten auf 50 Prozent ihrer Forderungen. Fällige Rückzahlungen wurden bis 2027 verschoben – in der Hoffnung, das Unternehmen finanziell zu stabilisieren. Heute sehen sich einige Gläubiger getäuscht.
Im Einladungsschreiben zur Versammlung im Mai, das unserer Zeitung vorliegt, heißt es: Die Huber Automotive AG sei nicht profitabel und auf externe Mittel angewiesen. Sollten die Anleihegläubiger dem Forderungsverzicht nicht zustimmen, sei „nach derzeitigem Stand nicht ausgeschlossen“, dass das Unternehmen „wirtschaftlich nicht überlebensfähig ist und daher Insolvenz anmelden müsste“.
Gläubiger von Huber fühlen sich getäuscht
Ein Gläubiger, der mit einem sechsstelligen Betrag beteiligt war, fühlt sich heute dennoch „betrogen“. Von ausbleibenden Gehältern sei bei der Versammlung nicht die Rede gewesen. Im Mai habe er im guten Glauben zugestimmt, um die Huber Automotive AG „zu retten“. Die Begründung für die wirtschaftliche Schieflage klang plausibel: Coronakrise, Chipmangel, Ukrainekrieg, schwache Nachfrage nach Elektroautos – Probleme, die viele Zulieferer treffen. Mit dem Wissen um monatelang verspätete oder ausbleibende Gehaltszahlungen stellt sich für manche die Frage, ob das Unternehmen bereits im Frühjahr 2025 wusste, dass die Firma nicht mehr zu retten war. Nun, da die Gläubiger auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichtet haben, können sie im Insolvenzverfahren auch nur diese Hälfte geltend machen. Einer der Gläubiger nennt das „eine Schweinerei“.
Geschäftsberichte seit Jahren nicht offengelegt
Wie sich die Finanzen in den vergangenen Jahren entwickelt haben, lässt sich von außen kaum nachvollziehen. Zwar ist die AG verpflichtet, Geschäftsberichte offenzulegen, doch der letzte Eintrag auf der Recherche-Plattform North Data stammt aus dem Jahr 2019. Damals lag der Umsatz bei 26,8 Millionen Euro, unter dem Strich stand ein Verlust von rund 170 000 Euro. Als Grund nannte das Unternehmen in einem Schreiben an Gläubiger unter anderem Streitigkeiten mit der Wirtschaftsprüfung über die Berechnung und Verbuchung von Preisänderungen. Ohne einen aktuellen Jahresabschluss sei es nahezu unmöglich, einen Bankkredit zu erhalten – auch deshalb sei Huber Automotive auf den Forderungsverzicht der Gläubiger angewiesen gewesen.
Insolvenzverwalter Martin Mucha hat in den vergangenen Monaten einen Investor für die Produktion der Huber Automotive AG gesucht. Seit wenigen Tagen steht fest: Die Bemühungen blieben ohne Erfolg. Der Geschäftsbereich wird Ende Februar stillgelegt. Die betroffenen 80 Mitarbeitenden haben die Möglichkeit, einer Transfergesellschaft beizutreten, in der sie für sechs Monate Lohn, Fortbildungen und Bewerbungstrainings erhalten. „Viele Mitarbeiter haben seit Jahren keine Bewerbung mehr geschrieben“, sagt Mucha. Nun wird ihnen nichts anderes übrig bleiben.
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