Hundehospiz im Kreis Esslingen „Er war total verfilzt und verdreckt“ – Hunde bekommen ein letztes Zuhause
Im Haus von Jürgen Völker bekommen Hunde ein liebevolles letztes Zuhause. Hier leben sie bis zu ihrem Tod. Was treibt den Mann aus Aichwald an?
Im Haus von Jürgen Völker bekommen Hunde ein liebevolles letztes Zuhause. Hier leben sie bis zu ihrem Tod. Was treibt den Mann aus Aichwald an?
Im Essbereich seines Hauses in Aichwald hat Jürgen Völker einen ungewöhnlichen Ort der Erinnerung geschaffen: Eine Art kleiner Urnenfriedhof. Auf einer Kommode sind zahlreiche liebevoll gestaltete Hundebilder samt Pfotenabdrücke sowie die dazugehörigen Urnen von verstorbenen Hunden aufgereiht. Vorne das Bild seiner vor viereinhalb Jahren verstorbenen Frau Lenore. „Sie war genauso verrückt wie ich“, sagt der 66-Jährige. „Sie konnte auch nie Nein sagen. Auch wenn ich mal gesagt habe, dass wir keinen Hund mehr aufnehmen können, hat sie gemeint, das müssen wir machen.“
Jürgen Völker betreibt privat etwas, das man Hundehospiz nennen kann. „Ich nehme nur Hunde ab zehn Jahren bei mir auf. Wer zu mir kommt, darf hier bis zum Ende bleiben“, erklärt er. Bei einem Hund sei es sehr schnell gegangen. „Sein Frauchen war gestorben und er war allein in der Wohnung. Er war total verfilzt und verdreckt. Er bekam eine Infektion und nach nur einer Woche ist er zusammengebrochen“, sagt Völker. Die meisten Hunde hätten aber noch ein paar schöne Jahre bei ihm. Als seine Frau noch gelebt habe, hätten sie bis zu zehn eigene Hunde gehabt. Jetzt habe er nur noch Kapazitäten für fünf. Zudem betreibt er eine Hundepension – also er kümmert sich um die Tiere, wenn beispielsweise die Halter im Urlaub oder im Krankenhaus sind.
Im Wohnzimmer stehen mehrere Hundebetten. Von einem erhebt sich etwas schwerfällig aber freundlich wedelnd der 14-jährige Beagle Lucky. Man sieht ihm an, dass die Gelenke altersbedingt nicht mehr so richtig wollen. „Er wird liebevoll Prinz Valium genannt“, sagt Völker, „weil den nix aus der Ruhe bringt.“ Lucky sei damals bei ihnen „hängengeblieben“. Sein Frauchen habe ursprünglich zwei Hunde gehabt. Wegen eines schwerwiegenden medizinischen Notfalls sei sie ins Krankenhaus gekommen. Die Hunde mussten in die Pension zu Jürgen Völker. Nach einem langen Krankenhausaufenthalt habe sie nur noch den anderen Hund behalten wollen, Lucky hätte ins Tierheim sollen. Jetzt schnarcht er in seinem neuen Zuhause in Aichwald nach einem kurzen Hallo schon bald wieder friedlich.
Das Haus ist gleichermaßen für das komfortable Leben von Hunden wie für Menschen eingerichtet. Eine Hundetür führt in den Garten, über eine Zwischenstufe können die alten Vierbeiner leichter aufs Sofa klettern. In den Wohnzimmerregalen sind weitere Urnen. „Es sind insgesamt 26“, sagt der 66-Jährige. Zu jedem Bild erzählt er die meist tragische Geschichte des Tieres. Ihm sei bewusst, dass die vielen Urnen auf Außenstehende vielleicht befremdlich wirken könnten – zumal eine Urnenbestattung etwa 300 Euro koste. Aber für ihn seien es eben Erinnerungen an geliebte Familienmitglieder. Gedenken an Tiere, die sonst niemand mehr wollte.
Seine Hündin Alisa sei mit ihren erst sieben Jahren die Ausnahme in seinem Haus. Streicheln darf man den Schäferhund-Mix als Mann nicht sofort – ein Trauma aus dem früheren Leben des Straßenhundes. „Sie hat schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht,“ sagt Völker. Lässt man ihr Raum, drückt sie sich schon nach kurzer Zeit an einen und verlangt Streicheleinheiten. „Es ist schon viel besser geworden“, sagt er. „Sie musste aus ihrer früheren Wohnung raus. Ich habe ein Bild von ihr gesehen und da war es schon geschehen.“ Ihr Gesicht habe Erinnerungen an eine alte Hündin von ihm geweckt.
„Es fällt nie leicht und es fließen jedes Mal Tränen, aber man muss sein Ego zurückstellen.“
Jürgen Völker über die zahlreichen Abschiede von seinen Hunden
Durch seinen Beruf als Tierretter werde er von Tierschutzvereinen oft gebeten, Hunde bei sich aufzunehmen, die ob ihres Alters oder Krankheiten kaum mehr vermittelbar sind. Die Tierarztkosten würden von den Vereinen getragen, er kümmere sich um die Pflege. Es gebe auch Vereinbarungen mit älteren oder kranken Menschen, dass er ihre Tiere aufnimmt, wenn diese sterben. Eine selbst gewählte Aufgabe, die ihm emotional viel abverlangt.
Wie verkraftet er die zahlreichen Tode? „Es fällt nie leicht und es fließen jedes Mal Tränen, aber man muss sein Ego zurückstellen“, sagt er. „Die Hunde sagen einem, wenn es soweit ist. Man sieht es in ihrem Blick.“ Wenn er vermute, dass die Hunde keine Lebensqualität mehr haben, spreche er mit einer Tierärztin ab, ob es noch Chancen gebe, weiter zu behandeln. Meistens liege er mit seiner Einschätzung aber richtig. „Wir haben eine tolle Tierärztin. Die kommt hierher und dann dürfen die Hunde im Kreise ihrer Kumpels gehen.“
Bei seiner Arbeit als Tierretter sei es etwas anderes: „Wenn ich ein verletztes Tier von der Straße hole, bin ich emotional nicht so nah dran.“ Im Jahr 2010 hat er mit seiner Frau die gemeinnützige GmbH Tierrettung Mittlerer Neckar gegründet. Im Auftrag der Tierschutzvereine Esslingen, Kirchheim und Göppingen sowie der Tierschutzkooperative Göppingen rückt der gelernte Tiernotfallsanitäter aus, um verletzte oder ausgebüxte Tiere zu bergen. Unterstützt wird er von ehrenamtlichen Helfern. Ein fordernder Job, den er auf absehbare Zeit nicht mehr machen könne. Früher habe er einen 24-Stunden-Dienst angeboten. Inzwischen müsse sich der 66-Jährige auf die Zeit von sieben bis 22 Uhr beschränken. Nur Einsatzkräfte wie die Polizei könnten ihn in der Nacht noch erreichen. Noch suche er eine Nachfolge für die Tierrettung. „Ich kann das nicht ewig machen. Ich habe seit 15 Jahren keinen Urlaub mehr gemacht“, sagt er.
Im Flur schläft unterdessen die Wichtigste im Bunde. Tessy ist zwölf Jahre alt. „Sie ist die Chefin hier, wenn ein neuer Hund kommt, muss sie ihr OK geben.“ Tessy ist eine Schäferhund-Husky-Mischung mit zwei unterschiedlichen Augenfarben und dunklem Fell. Bei einem Tierrettungseinsatz habe er sie einst eingefangen. „Ich habe zwei Stunden gebraucht“, erzählt er. Sie sei ins Tierheim gekommen und wurde vermittelt. Bei ihren neuen Haltern habe sie aber direkt auf den Teppich gemacht und sei anschließend umgehend wieder zurückgebracht worden. Dass sie und die anderen Schützlinge so etwas nicht nochmal erleben müssen, dafür hat Jürgen Völker bereits gesorgt. „Falls mir mal etwas passieren sollte, kümmern sich meine beiden Söhne um die Hunde“, sagt er.
Ob wohl Lucky, Tessy und Alisa ihr Glück erahnen können? Ihre völlig entspannte Körperhaltung trotz der schlechten Erfahrungen in ihrem früheren Leben sagt: Ja, sie wissen, hier sind sie bis zum Ende sicher.
Im Notfall
Die Tierrettung Mittlerer Neckar ist im Notfall unter der Nummer 0177 / 3 59 09 02 zu erreichen. In speziell dafür eingerichteten Tierrettungswagen können Jürgen Völker und sein Team die Tiere während der Fahrt zu einem Tierarzt oder einer Tierklinik bereits intensivmedizinisch betreuen. Mehr Informationen unter: www.tierrettung-mittlerer-neckar.de
Unterstützung
Die Tierrettung ist auf die Unterstützung von Ehrenamtlichen angewiesen. Da Jürgen Völker der einzige Festangestellte ist, sucht er derzeit auch nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin. Zudem ist die Tierrettung für ihre Arbeit auch auf Spenden angewiesen. Wer helfen möchte, kann an folgendes Konto überweisen: Tierrettung Mittlerer Neckar gem. GmbH; Volksbank Mittlerer Neckar; BIC: GENODES1NUE; IBAN: DE85 612 901 200 255 826 001. Bei Bedarf können auch Spendenbescheinigungen ausgestellt werden.