HVO 100 ist ein synthetischer Kraftstoff und eine Dieselalternative, die es beispielsweise an der Scharr-Tankstelle in Stuttgart gibt. Foto: I. Flaig
Sprit ist teuer – besonders Diesel. Doch es gibt eine Alternative: HVO 100. Was hinter dem „Fritten-Diesel“ steckt und warum er bei einer Stuttgarter Tankstelle günstiger ist.
Die Spritpreise, die seit dem Höchststand zwar wieder etwas nachgegeben haben, sind immer noch hoch – vor allem Diesel ist teuer. Ist für Dieselfahrer der Pflanzentreibstoff HVO eine Alternative?
„Die Nachfrage hat zugenommen“, sagt Axel Wolff, Geschäftsführer von Scharr Wärme in Stuttgart. Das Energiehandelsunternehmen betreibt in Stuttgart-Möhringen eine Tankstelle und bietet dort auch synthetischen Kraftstoff als Dieselalternative an – als eine von wenigen Tankstellen in der Region. HVO 100 heißt das Produkt und steht für Hydrotreated Vegetable Oil, also hydriertes Pflanzenöl. Wolff sieht den synthetischen Dieselkraftstoff als sinnvollen Baustein für die Energiewende. Deshalb biete man den derzeit auch günstiger an als normalen Diesel.
HVO ist unabhängig vom Ölpreis, orientiert sich aber daran
Am 21. April 2026 kostete HVO 100 an der Scharr-Tankstelle 2,079 Euro je Liter, drei Cent weniger als ein Liter normaler Diesel mit 2,109 Euro, dabei sei HVO im Einkauf rund fünf bis zehn Cent teurer als normaler Diesel. Obwohl HVO 100 kein fossiles Öl enthält und unabhängig vom Rohölpreis ist, hat sich auch der synthetische Kraftstoff im Zuge des Irankriegs verteuert. Für den ADAC sind das „deutliche Hinweise“, dass der Iran-Krieg genutzt wird, an den Tankstellen abzuzocken und Gewinne zu maximieren.
Teurer im Einkauf, aber günstiger an der Tankstelle in Stuttgart: Scharr in Stuttgart sieht im HVO-Diesel eine zukunftsfähige Kraftstoffalternative. Foto: I. Flaig
Scharr bezieht den HVO-Diesel von skandinavischen Lieferanten. „Uns geht es um die zukunftsfähige Kraftstoffalternative, die wir bewusst preislich besser stellen wollen“, sagt Scharr-Geschäftsführer Wolff – auch wenn Scharr selbst vom Ölgeschäft lebe. Geht es nach Wolff, dürfte HVO 100 mehr Relevanz bekommen, er appelliert in dem Zusammenhang auch an die Politik, dem synthetischen Kraftstoff eine Chance zu geben. Er verweist auf die Nachhaltigkeit der Dieselalternative und spricht von rund 90 Prozent weniger CO₂-Emissionen im Vergleich zum herkömmlichen Diesel.
„Sind als freie Tankstelle unabhängig von Konzernvorgaben“
„Wir sind eine kleine Tankstelle und können selbst entscheiden“, sagt Wolff. Man habe noch Vorräte und setze angesichts gestiegener Preise auf eine Mischkalkulation. Man mache auch die 12-Uhr-Erhöhung bei Sprit nicht mit. „Diese Regelung halte ich für Quatsch. Im Endeffekt hat sie dazu geführt, dass die Preise noch mehr steigen und dann langsam wieder runter gehen“, sagt Wolff. „Als freie Tankstelle sind wir unabhängig von Konzernvorgaben“, sagt er.
Landläufig ist HVO bei vielen als Kraftstoff aus „Frittenfett“ bekannt, da er aus Altspeisölen und tierischen Fetten hergestellt wird. Es gebe unterschiedliche Reinheiten, sagt Wolff. Scharr setzt auf hohe Qualität und hat laut Wolff seine ganze Diesel-Fahrzeugflotte auf HVO 100 umgestellt. „Unser Fuhrpark ist unser größter CO₂-Treiber.“ Wenn Firmen ihren CO₂-Fußabdruck reduzierten, steige die Nachhaltigkeitsquote deutlich, was auch dem Image zugute komme, sagt er. Öl sei schließlich endlich und HVO 100 ein kleiner Mosaikbaustein zur Energiewende, auch wenn HVO-Diesel politisch nicht gewollt sei.
Doch welche Diesel dürfen HVO 100 tanken? Vor allem neuere Dieselfahrzeuge sind dafür geeignet. Im Tankdeckel sollte man auf den Aufkleber mit dem Kürzel „XTL“ (X to Liquid) achten. Empfehlenswert ist sich vor dem Tanken beim Fahrzeughersteller zu erkundigen, ob man beim jeweiligen Fahrzeug bedenkenlos HVO100-Diesel tanken könne ohne dass der Motor Schaden nimmt. Seit 2024 ist der synthetische Kraftstoff – der im Übrigen nicht mit Biodiesel gleich zu setzen ist – in Deutschland für den herkömmlichen Verkehr zugelassen.
In Deutschland gab es Ende 2025 laut Internetseite „HVO goes Germany“ mehr als 400 Tankstellen mit HVO 100. Das Netz wächst stetig. Schätzungen gehen mittlerweile von weit über 500 bis zu mehreren hundert Standorten aus, die den klimafreundlichen Diesel anbieten. Die Verfügbarkeit steigt, angetrieben durch eine höhere Nachfrage und die Notwendigkeit zur Reduzierung von CO2-Emissionen. „HVO wird auch im Wärmemarkt eine Rolle spielen“, sagt Wolff. Zumindest sei das so im neuen Gebäudemodernisierungsgesetz vorgesehen.